Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 18.04.2018


Tirol

Eizellen einfrieren: Auf Eis gelegter Kinderwunsch

Immer mehr Tirolerinnen ihre Eizellen auch ohne medizinischen Grund einfrieren. Die als „Social Freezing“ bezeichnete Praxis ist in Österreich jedoch nicht erlaubt.

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Von Benedikt Mair

Innsbruck – Nur ein oder zwei Anfragen habe Josef Zech im vergangenen Jahr erhalten. „Inzwischen trudeln sie wöchentlich bei mir ein“, sagt der Gynäkologe, der in Innsbruck eine private Fortpflanzungsklinik leitet. Laut Zech wollen immer mehr Tirolerinnen ihre Eizellen auch ohne medizinischen Grund einfrieren – aus beruflichen oder privaten Gründen, weil einfach der richtige Partner noch fehlt. „Social Freezing“ nennt sich diese Praxis.

Bettina Toth (Direktorin Gynäkologie): „Das ‚Social Freezing‘ zu erlauben, ist, wie ich finde, der falsche Anreiz für Frauen.“
- Thomas Boehm / TT

„Wenn eine Frau eine Strahlen- oder Chemotherapie macht und der Kinderwunsch noch da ist, empfehlen wir, die Eizellen unbefruchtet oder befruchtet einzufrieren“, erklärt Bettina Toth, Direktorin der gynäkologischen Endokrinologie an der Innsbrucker Uni-Klinik. „Was wir nicht machen, ist ‚Social Freezing‘. So etwas ist in Österreich gesetzlich nicht erlaubt.“

Ein Gesetz, das dem Reproduktionsmediziner Josef Zech sauer aufstößt. Er könne die Frauen, die sich mit dem Anliegen, ihre Eizellen aus persönlichen oder beruflichen Gründen einfrieren zu lassen, nur informieren und ihnen sagen, dass sie dafür ins Ausland gehen müssen – denn in einigen Ländern Europas ist die Methode legal. „Als mündiger Bürger muss ich selbst entscheiden dürfen, was ich mit meinem Leben anfange, wie ich meine Zukunft gestalte. Fortpflanzung gehört da für mich dazu“, wettert Zech. Er jedenfalls sei ein Verfechter des „Social Freezings“: „Ich würde es meinen Patientinnen und sogar meiner Tochter ruhigen Gewissens empfehlen. Immerhin haben sich die medizinischen Möglichkeiten in den vergangenen Jahren extrem verbessert. Natürlich nur, wenn die Frau auch im richtigen Alter dafür ist. Mit 45 Jahren würde es nicht mehr funktionieren.“

Mit bis zu zwei Millionen Eizellen kommt ein Mädchen zur Welt, in der Pubertät sind davon noch rund 400.000 übrig. Von da an verliert eine Frau jährlich etwa 12.000 Eizellen. Mit zunehmendem Alter nimmt deren Qualität außerdem ab.

Zu Beginn des „Social Freezings“ wird die Frau einer Hormontherapie unterzogen. Dann werden die Eizellen entnommen und eingefroren. „Allein die jährlichen Lagerungskosten für die eingefrorenen Eizellen belaufen sich auf mehrere hundert Euro“, rechnet Barbara Toth vor. „Dabei ist nicht gewährleistet, dass sich alle Eizellen befruchten lassen und zu einem Embryo weiterentwickeln.“

Und natürlich sei „Social Freezing“ ein Thema, das Interesse wecke. Auch wenn sie die Erfahrung gemacht habe, dass sich nur ein geringer Prozentsatz der Frauen mit dem Thema beschäftige. „Vorwiegend Frauen mit akademischer Bildung, ab einem gewissen Alter, die keinen Partner haben. Wenn man offen über die Kosten und Risiken des Prozederes spricht, dann nehmen viele Abstand von dem Gedanken.“

Laut Toth müssen andere Lösungen her: „‚Social Freezing‘ zu erlauben, ist, wie ich finde, der falsche Anreiz für Frauen. Besser wäre es, wenn man mit politischen und sozialen Maßnahmen ermöglicht, dass Karriere und Kind einander nicht ausschließen.“

Gänzlich anderer Meinung ist Josef Zech: „Solche Dinge, die Familienplanung von Frauen, sollen nicht politisch entschieden werden. Das Gesetz gehört abgeschafft, eine EU-weite Regelung eingeführt, der Prozess von der Politik entkoppelt.“ Dem Innsbrucker Arzt schwebt ein Gremium aus Ärzten, Psychologen und Ethikern vor, welches sich Fall für Fall ansieht und entscheidet, ob das Einfrieren von Eizellen aus nicht medizinischen Gründen sinnvoll wäre – oder eben nicht.