Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 22.04.2018


Innsbruck

Ängste, Essstörung: Hilfe für Schüler in Innsbruck

Es ist ein Pilotprojekt, das Schule machen könnte: Das Innsbrucker BRG Adolf-Pichler-Platz bietet Schülern, die Hilfe benötigen, einen „direkten Draht“ zu Psychotherapeuten.

© www.muehlanger.atKein Kind mehr, aber auch kein Teil der Erwachsenenwelt: In der Pubertät sind junge Menschen auf der Suche nach Identität.Foto: iStock



Von Brigitte Warenski

Innsbruck – Sie haben Angst, in der Schule zu versagen, können Erwartungen der Leistungsgesellschaft oder Rollenbilder nicht erfüllen. Gerade in der Zeit rund um die Pubertät, wo junge Menschen sich nicht mehr als Kinder, aber auch nicht als Teil der Erwachsenenwelt fühlen, brauchen sie oft Hilfe.

Schüler in solchen Notsituationen rechtzeitig aufzufangen, ist das Ziel von Walter Nigg, Direktor am Innsbrucker Bundesrealgymnasium Adolf-Pichler-Platz (APP). Im Pilotprojekt „Psychotherapeutische Grundversorgung Schule“, das tirolweit einzigartig und vorerst für ein Jahr geplant ist, wurde eine Kooperation mit dem „Tiroler Landesverband für Psychotherapie“ abgeschlossen. „Das Projekt zielt darauf ab, Kindern und Jugendlichen bzw. deren Eltern den Weg zu einer psychotherapeutischen Behandlung aufzuzeigen bzw. zu vermitteln. Das geschieht natürlich nur, wenn dies gewünscht wird. Niemand wird dazu zwangsverpflichtet“, sagt Nigg.

Einmal wöchentlich steht seit Mitte April eine Psychotherapeutin für Beratung und Einzelgespräche an der Schule zur Verfügung. An sie können sich Schüler selber wenden, sie steht aber auch Eltern, Lehrern oder besorgten Mitschülern zur Seite. „Natürlich wäre mir das Liebste, wenn ich sagen könnte, wir brauchen diese Unterstützung an unserer Schule nicht. Das ist aber leider nicht die Realität. Es gibt Kinder, die unter Zwängen, Ängsten, Schlafstörungen und Essstörungen leiden, Kinder, die sich selbst verletzen, die handysüchtig sind oder die Schule verweigern. Die Gründe dafür sind vielfältig, aber egal, wo sie liegen, wir versuchen, präventiv zu agieren, bevor der Hut brennt“, so Nigg.

Weiterer Teil des Pilotprojekts ist eine Vortragsreihe zu verschiedenen Themenbereichen wie Essstörungen, die bis Februar 2019 dauert und bei der auch Betroffene (Eltern wie Kinder oder Freunde, Geschwister …) willkommen sind, die nichts mit dem BRG Adolf-Pichler-Platz zu tun haben. „Im Anschluss an die Vorträge gibt es noch Zeit für Fragen bzw. Einzelgespräche“, so Nigg.

Für Barbara Haid, Vorstandsvorsitzende des Tiroler Psychotherapeutenverbandes, ist mit dem Pilotprojekt „ein von uns lang gehegter Wunsch in Erfüllung gegangen“. Die Pubertät „ist eine große Umbruchszeit, in der es um das Thema Identität geht und da entsteht oft bei den jungen Menschen eine große Leere, in denen die Ängste wieder Raum gewinnen können. Und da können Ängste – wie z. B. Verlassensängste – wieder zutage treten, von denen man meinte, sie seien seit dem Ende der Kindheit kein Thema mehr“, erklärt Haid.

Nicht einfach ist erkennbar, wann ein junger Mensch wirklich Hilfe braucht. „Pubertierende verbarrikadieren sich oft den ganzen Tag im Zimmer und haben null Bock auf alles. Das kann ein ganz normales pubertäres Verhalten sein“, sagt Haid. Aber ein totaler sozialer Rückzug oder das Gegenteil – jemand, der sonst ganz brav war, wird plötzlich extrem laut und wild – kann auch bedeuten, dass dem Verhalten Konflikte zugrunde liegen. „Wichtig ist, sich mit Freunden oder Angehörigen auszutauschen. Deckt sich die eigene Wahrnehmung mit der der anderen, sollte man hellhörig werden“, rät Haid. Der nächste Schritt kann sein, einen Lehrer des Vertrauens zu kontaktieren. „Absolut vertraulich“ ist auch das Gespräch mit den Psychotherapeuten am APP, das Betroffene bereits in Anspruch genommen haben. „Es zeigt sich, dass der Weg zum Psychotherapeuten nicht mehr so tabuisiert ist“, sagt Haid.

Vorträge

Essstörungen: „Zu dick, zu dünn oder doch gerade richtig" lautet das Thema des nächsten Vortragsabends im Rahmen des Pilotprojekts. Der Vortragsabend findet am 6. Juni, 19 Uhr, im Medienraum des BRG Adolf-Pichler-Platz statt. Referentinnen sind Barbara Haid (Psychotherapeutin) und Alice Angermann (Ernährungstherapeutin).

Finanzierung: Das Pilotprojekt wird vom Verein der Freunde und vom Elternverein des BRG APP finanziert. Es gab Gespräche mit der Tiroler Gebietskrankenkasse wegen einer Finanzierungsbeteiligung.


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