Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 26.04.2018


Exklusiv

Gefahr von Handystrahlen ist nicht auszuschließen

Studien zeigen, dass ein vernünftiger Handygebrauch die Gesundheit nicht gefährdet. Langzeitanalysen fehlen aber. Und die Unsicherheit bleibt.

© E+Die meisten Handybenutzer können sich ein Leben ohne ihr Smartphone nicht mehr vorstellen.Foto: iStock, Quelle/Empfehlungen: Öst. Ärztekammer



Von Kathrin Siller

Innsbruck – Im April 2017 gab es in Italien ein Aufsehen erregendes Urteil: Zum ersten Mal wurde häufiges berufliches Handytelefonieren als Ursache eines Gehirntumors anerkannt. Der Kläger Roberto Romeo hatte nach eigenen Angaben über 15 Jahre lang drei bis vier Stunden täglich – auch vom Auto aus – telefoniert. Schließlich hatte er den Eindruck, sein rechtes Ohr sei ständig verstopft, 2010 wurde ein gutartiger Tumor diagnostiziert. Weil bei der Operation sein Hörnerv entfernt wurde, konnte er fortan nicht mehr richtig hören und bekommt seither von seiner Unfallversicherung 500 Euro monatlich. Für den Wiener Strahlungsphysiker Norbert Vana ein Urteil mit Fragezeichen: „Es gibt keine Modelle, die einen eindeutigen kausalen Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Tumoren und dem Vieltelefonieren nachweisen.“

Und trotzdem fragen sich viele Handybenutzer: Schaden die Strahlen eigentlich unserer Gesundheit? Der Wissenschaftliche Beirat Funk (WBF), dessen Vorsitzender Vana ist, prüfte kürzlich 193 aktuelle, internationale Studien, die sich mit dem Einfluss des Mobilfunks auf Organismen (Menschen, Ratten, Mäuse, Zellen) beschäftigen. Die Experten kamen zum Schluss: „Keine Gesundheitsgefahr durch Mobilfunk“ – so zumindest der Titel ihrer Presseaussendung.

Auf Nachfrage relativiert Epidemiologe und WBF-Mitglied Gerald Haidinger vom Zentrum für Public Health an der Medizinischen Universität Wien die Aussage: „Derzeit gibt es zwar keinen Hinweis auf eine Gefahr, eine Nicht-Gefährdung können wir aus epidemiologischer Sicht aber auch nicht ausschließen.“ Deshalb seien Formulierungen mitunter „schwammig und zugegebenermaßen unbefriedigend“.

Das Problem: „Studien mit Ratten und Mäusen sind zu 90 Prozent nicht auf den Menschen übertragbar“, räumt Vana ein. Außerdem könnten Probanden aus Forschungszwecken nicht dauerhaft hoher Strahlung ausgesetzt werden, während Vertreter aus den Kontrollgruppen ja auch niemals in strahlungsfreiem Umfeld leben würden.

Viele Studien, in denen Menschen nach ihren Handy­gewohnheiten befragt werden, seien mangelhaft, weil objektive Wahrnehmung und Realität häufig auseinanderdriften. Vielen Befragten fehle außerdem die Erinnerung an ihre Telefonierdauer.

Panik sei aber den Experten zufolge zumindest nach derzeitigem Stand der Wissenschaft nicht angebracht: Die heutigen Mobiltelefone werden immer strahlungsärmer. Und auch die vielzitierten „warmen Ohren“ seien kein Grund zur Sorge. „Die Wärme kommt nicht von der elektromagnetischen Strahlung, sondern von der Elektronik im Handy. Zudem kann durch den Druck des Handys das Ohr die Wärme nicht nach außen abgeben“, so Vana. Um karzinogene Chromosomenbrüche zu verursachen, wie es etwa radioaktive Strahlen tun, wären elektromagnetische Strahlen zu schwach.

Allerdings: Für endgültige Schlussfolgerungen zu den Auswirkungen der Handynutzung ist es noch zu früh. Die Technologie ist schließlich vergleichsweise jung: 2007 wurde das erste iPhone präsentiert, ein Jahr später kam das erste Smartphone mit der Google-Software Android auf den Markt. Dann wurde das mobile Internet massenkompatibel. Allein von 2014 bis 2015 erhöhte sich die Datenmenge, die die Österreicher über Rechner und Smartphones verschickten, um 76 Prozent. Mittlerweile verfügen 72 Prozent der Österreicher über ein Smartphone. Und es werden immer mehr. Unsere gesamte Umwelt ist von elektromagnetischer Strahlung durchdrungen. Könnte man sie sichtbar machen, würde man gar nicht durchschauen können.

Patrick Zorowka, Leiter der Innsbrucker Uniklinik für Hör-, Stimm- und Sprechstörungen (HSS), bleibt deshalb zurückhaltend in seinem Urteil: „Um seriöse Aussagen treffen zu können, fehlen schlichtweg die Langzeitstudien.“ Diese Meinung teilt er mit Vana: „Die Entstehung eines Karzinoms dauert je nach Art 20 bis 25 Jahre. Dazu bräuchte man jetzt die Information, wie viel eine Testperson vor 20 Jahren telefoniert hat. Doch erst seit etwa zehn bis zwölf Jahren bekommen wir von den Betreibern diese Auskünfte und können damit auch die Strahlenexposition der betroffenen Personen ermitteln.“ Haidinger betont daher: „Wir hoffen, dass laufende Langzeitstudien endlich Klarheit in die Datenlage bringen.“

Empfehlungen zum Umgang mit dem Handy

Zuhause Festnetztelefon statt Mobiltelefon verwenden und mit LAN-Kabel ins Internet einsteigen.

Sich kurz fassen und SMS schicken, anstatt zu telefonieren.

Apps und Hintergrunddienste

Beim Kauf des Mobiltelefons auf seinen SAR-Wert achten, der die maximale Strahlung eines Handys angibt. Alle Handys müssen einen SAR-Wert unter 2 Watt pro Kilogramm aufweisen. Je geringer dieser Wert, desto geringer die Feldstärke im Körper. Auskunft über aktuelle Handys: www.fmk.at/SAR.

Nach Möglichkeit nicht bei schlechtem Empfang (z. B. im Keller) telefonieren, weil das Handy dabei seine Leistung hochfährt.

Öfter offline gehen oder in den Flugmodus schalten.

Headsets oder Freisprechanlagen benutzen.

Das Handy nicht unmittelbar am Körper tragen, besonders Schwangere. Die Feldstärke nimmt nämlich stark mit der Entfernung ab.

Im Auto, in Bus oder Bahn so wenig wie möglich telefonieren: Telefonieren erhöht nicht nur die Unfallgefahr, sondern bringt das Handy dazu, seine Sendeleistung hochzufahren, da die Autokarosserie abschirmend wirkt. Eine Freisprecheinrichtung mit Außenantenne kann dieses Hochregeln eindämmen.