Letztes Update am Do, 10.05.2018 17:14

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Medizin

Darum brechen müde Knochen

Man muss gar nicht stürzen, um sich die Knochen zu brechen. Solche Ermüdungsbrüche treffen nicht nur Sportler, sondern auch viele Frauen mittleren Alters. Orthopäde Gerhart Handle erklärt, warum das so ist.

© iStockErmüdungsbrüche treffen meistens die gewichtstragenden Knochen.



Von Theresa Mair

Bei einer Hauswand kann man manchmal zuschauen, wie mit der Zeit aus einem kleinen Haarriss eine große Furche wird, die Mauer immer mehr aufbricht. Doch wenn der eigene Knochen beleidigt ist und bricht, merkt man das oft erst, wenn die Schmerzen größer werden und sich eine Schwellung bildet. „Häufig sieht man einen Ermüdungsbruch anfangs noch nicht einmal im Röntgen“, sagt der Innsbrucker Orthopäde Gerhart Handle.

Erst eine Kernspintomografie oder eine Szintigrafie – nuklearmedizinische Untersuchung, die den gesteigerten Knochenumbau darstellt – bringen einen dann weiter. „Wenn die inneren Knochenbälkchen einknicken, kommt es zu Einblutungen und zu Stress-Flüssigkeitseinlagerungen, die man im Röntgen nicht sieht“, erklärt Handle. Der betroffene Knochen muss dann ruhiggestellt werden. Manchmal reiche dafür eine Einlagesohle, manchmal braucht es einen Gips und manchmal muss auch operiert werden. Es komme immer auf die Ursache und die Art des Bruchs an.

Überlastet oder schwach

Es gibt zwei Arten von Ermüdungsbrüchen, zwischen denen aber keine scharfe Trennung verläuft: Stressfrakturen und Insuffizienzbrüche können sich überlappen. Reine Stressfrakturen entstehen eher selten und meistens bei Sportlern – auch jüngeren – durch eine Über- oder Fehlbelastung. „Der Klassiker ist eine plötzliche, massive Trainingssteigerung. Doch schon eine kleine Änderung im Trainingsablauf oder neue Schuhe können zu einem Ermüdungsbruch führen“, sagt Handle. Der ständige Druck auf den Knochen führe dazu, dass er nachgibt und bricht. Meistens sind die gewichtstragenden Knochen, wie der Mittelfußknochen oder das Sprunggelenk, betroffen. Selten käme es bei Fußballern zu Schienbeinbrüchen. Die Überlas­tung von Bändern und Sehnen macht Sportlern grundsätzlich aber viel häufiger zu schaffen als Stressfrakturen.

Insuffizienzbrüche entstehen hingegen bei ganz normaler Belastung, wenn der Knochen geschwächt ist. „Das ganze Leben findet im Knochen ein Aufbau und Abbau statt. Ab zirka 25 Jahren verschiebt sich aber das Gleichgewicht von Knochenauf- und -abbau zugunsten des Abbaus. Die Knochendichte nimmt bei jedem ab. Die Frage ist nur, wie schnell. Das Gleichgewicht im Knochen kann beeinflusst werden.“ Vor allem Frauen nach der Menopause neigen zu Osteoporose bzw. Osteopenie, einer Vorstufe des Knochenschwunds. „Wenn der Knochen geschwächt ist, kann bereits gewohnte Alltagsbelastung reichen und der Knochen bricht“, erklärt der Orthopäde. Der Mittelfußknochen („Marschfraktur“), aber auch das Sprunggelenk, der Beckengürtel oder das Schambein können betroffen sein. Übergewicht schadet, weil es noch mehr Druck auf die Knochen bringt. Aber auch Untergewichtige haben durch Mangelernährung bedingte Osteoporose ein erhöhtes Risiko.

Kalziumreich, phosphatarm

Die Ernährung spielt für die Knochengesundheit eine herausragende Rolle. Schon Kindern sollte man deswegen eine kalziumreiche gesunde Jause einpacken. Gemüse wie Brokkoli und Fenchel sowie Milchprodukte wie Hartkäse sind günstig. „Aber Achtung: Reine Milch ist ein Kalziumräuber! Genauso Schmelzkäse, Fleisch, Koffein und phosphat­reiche Nahrungsmittel wie Soft Drinks“, betont Handle. Übermäßiger Alkoholkonsum und Rauchen schaden. Doch auch Medikamente (z. B. „Magenschutz-Tabletten“, langfristige Kortison-Einnahme) und Darmerkrankungen, bei denen die Kalziumaufnahme gestört ist, ziehen den Knochen in Mitleidenschaft.

Förderlich ist Bewegung. Dadurch wird der Knochenaufbau angeregt. Ab und zu sollte man ein wenig Sonne auf die Haut lassen, damit Vitamin D umgewandelt werden kann, das für den Kalzium­einbau benötigt wird. Allerdings ist laut Handle die Haut von älteren Menschen nicht mehr dazu in der Lage. Ihnen empfiehlt er die Einnahme eines Vitamin-D-Präparats. Für Osteoporose-Patienten stehen neben Medikamenten, die den Knochenabbau bremsen, auch Mittel zur Verfügung, die Knochen wieder aufbauen können.

Handle fällt auf, dass im Frühjahr Überlastungsverletzungen wie Ermüdungsbrüche Hochsaison haben. Nach dem Winter treibt es alle ins Freie zum Sporteln und manch einer neigt zu Übertreibungen. Der Arzt rät, langsam zu beginnen, nicht gleich zu steil und zu weit wandern, joggen oder radeln. Aufwärmen sei Pflicht. „Auf Betriebstemperatur ist man weniger anfällig für Verletzungen und Überlastungsschäden.“ Wenn sich Schmerzen nicht in angemessener Zeit zurückbilden oder eine außergewöhnliche Reaktion wie eine Schwellung auftritt, sollte man zum Arzt gehen.

Neues aus der Osteoporose-Forschung

Vitamin K könnte helfen, Osteo­porose zu verhindern. Laut der Endokrinologin Astrid Fahrleitner-Pammer von der Med-Uni Graz gibt es v. a. aus Laborstudien und Tierversuchen Hinweise darauf, dass Vitamin K (insbes. Vitamin K2) die Mineralisation der Knochen verbessere und so den Einbau von Kalzium verstärke. Zudem dürfte es die Wirkung knochenabbaumindernder Medikamente fördern. In klinischen Studien habe sich gezeigt, dass Vitamin K2 zusätzlich zu Vitamin D und Kalzium die Knochendichte verbessere. Eine Untersuchung zu Vitamin K als Osteoporose-Therapeutikum steht jedoch noch aus.

Vitamin K leiste einen Beitrag dazu, das Kalzium im Knochen zu deponieren, dort zu fixieren und von dort wegzubringen, „wo es nicht hingehört“, nämlich den Blutgefäßen, sagte der Wiener Gynäkologe Johannes Huber kürzlich in Wien. (APA)




Kommentieren


Schlagworte


Mehr Artikel aus dieser Kategorie

TT-Magazin
TT-Magazin

„Awareness“-Phänomene: Wach am Operationstisch

Immer wieder berichten Patienten, dass sie während einer OP phasenweise wach waren. Hirnstrommessungen während eines chirurgischen Eingriffs sollen so genann ...

Immunsystem
Immunsystem

Störfaktor Fieberblase: Woher kommt sie und was hilft?

Kaum ist das Immunsystem geschwächt, tauchen die ersten Fieberbläschen auf der Lippe auf. Gesundheitsexpertin Claudia Dungl spricht über den Virus Herpes-sim ...

Gesundheit
Gesundheit

„Starke Frauen. Starke Herzen.“: Frauenherzen stärken

Frauen sind anders herzkrank als Männer, werden aber oft gleich behandelt. Die Initiative „Starke Frauen. Starke Herzen.“ hat sich der Bewusstseinsbildung ve ...

Video
Video

Herbstzeit ist Erkältungszeit: Wie geht Händewaschen richtig?

Die MedUni Wien zeigt in einem Video, welche vier Schritte beim richtigen Händewaschen beachtet werden sollten.

Wien
Wien

Ärzte im AKH entfernten Frühchen Tumor nach Kaiserschnitt

Das Baby wurde erfolgreich knapp zwei Stunden lang am offenen Herzen operiert. Es sei eine weltweit einzigartige Operation gewesen.

Weitere Artikel aus der Kategorie »