Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 12.05.2018


Tirol/Zimbabwe

Riesen-Tumor in Tirol entfernt: Shermaine kann endlich sitzen

Die neunjährige Shermaine aus Zimbabwe schleppte einen drei Kilo schweren Tumor mit sich herum. Dank des großen Einsatzes vieler Tiroler ist das Leben für sie jetzt leichter.

© BöhmKathrin Ruef mit Shermaine.



Von Theresa Mair

Oberhofen – Als Kathrin Ruef sich auf den Gartenstuhl setzt, springt Shermaine mit einem Satz auf und hockt sich auf den Schoß der Oberhofnerin. Es ist frisch auf der Terrasse, aber wenn das neunjährige Mädchen aus Zimbabwe lacht, geht die Sonne auf. „Princess Shermaine“ sagt es, vor sich einen Stapel Fotos von ihrer Zeit in Tirol: Shermaine im Prinzessinnenkleid, in Hosen, in den Armen von Menschen, die dafür gesorgt haben, dass sie ein neues Leben „besitzt“ – im wahrsten Sinne des Wortes.

Das Mädchen, das aus dem Bergdorf Penhalonga an der Grenze zu Mozambique stammt, spricht von einem „growth“, einem Gewächs, das ihm das Leben schwergemacht hat. Ein Teratom, ein gutartiger Tumor, wuchs und wuchs am Gesäß des Kindes. „Sie konnte gar nicht mehr richtig sitzen, lag viel herum“, sagt der Telfer Chirurg Hermann Draxl, der sich um die Wundversorgung kümmert. Shermaine wurde gehänselt und ausgegrenzt. Die Dorfbewohner dachten, die Familie sei verflucht.

Shermaine hatte einen Riesen-Tumor am Gesäß, den sie unter Röcken versteckte.
- Privat

Dann kam Weihnachten 2016 und Kathrin Ruef war in Zimbabwe. „Ich habe jemanden besucht, der sich viel um Menschen mit Behinderung kümmert. Vor der Tür sah ich Shermaine. Sie war mit ihrem Großvater da. Das war nicht die Shermaine von heute“, erzählt die Altenpflegerin. Traurig und schüchtern sei das Mädchen gewesen, das jetzt mit ihrer neuen besten Freundin Margaretha, Ruefs Nichte, Verstecken spielt. Shermaine genießt es, in Oberhofen in die Schule gehen zu dürfen, spricht schon ein bisschen Deutsch und ein paar Brocken Tirolerisch.

Dank dem fürsorglichen Ärzteteam um Beatrice Häusler, Murat Sanal, Paul Hechenleitner und Oliver Renz von der Innsbrucker Kinderklinik kann Shermaine heute richtig sitzen und lachen.
- Privat

Auch ihre Mutter Perseverance ist überwältigt von den Eindrücken. „In Zimbabwe leben oft zwei Familien in einem Raum. Es gibt keine Arbeit. Shermaines Mutter hält die Familie mit Feuerholz, das sie sammelt und verkauft, über Wasser“, erzählt Ruef. Hier würde die Frau am liebsten den ganzen Tag staubsaugen und im Haushalt helfen.

Zurück ins Jahr 2016: Ruef verspricht, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um Shermaine zu helfen. Mit dem Helfen hat sie Erfahrung. Vor acht Jahren nahm sie sich mit einer Freundin eine Auszeit. Sie reisten nach Zimbabwe, nicht ohne die neu gewonnene Zeit mit Sinn zu füllen. In einem verwahrlosten Waisenhaus lernte Ruef Lovemore kennen, den schwerkranken Buben, der die Liebe im Namen trägt. Sie päppelte ihn auf und gründete mit engagierten Tirolerinnen den Verein „Lovemore – Tirol für Zimbabwe“. Ruef konnte ihre Arbeitszeit auf 75 Prozent reduzieren und reist seither zweimal pro Jahr nach Mutare. Sie hilft den armen Kindern, die oft auf der Straße leben müssen, wo sie nur kann. Dabei zählt sie auf viele Unterstützer. Vor allem der Telfer Arzt Gerhard Moser stärkt ihr den Rücken.

Dennoch hat es ein Jahr gedauert, bis sie alles organisiert hatte, um Shermaine für die Operation im Jänner dieses Jahres nach Tirol zu holen. Zehn Stunden lang zitterte sie zusammen mit Perservance während der OP an der Kinderklinik Innsbruck. Danach war Shermaine drei Kilo leichter, musste aber noch 50 Tage in der Klinik bleiben. Shermaine hat in dieser Zeit die Ärzte ins Herz geschlossen, und das Klinikteam sie. „Die Ärzte haben echt ein Wunder vollbracht. Denn Shermaine wäre sicher nicht alt geworden. Der Tumor hätte bösartig werden können und auch noch weitere Organe verdrängt“, sagt Ruef.

Die Wundheilung verzögerte sich, doch Shermaine machte sich nichts draus. „Ich habe gar keine Schmerzen“, sagt sie und springt wie zum Beweis grinsend vom Stuhl. „Ich spiele am liebsten ‚Zickezacke Hühnerkacke‘“, sagt sie, und Ruef fügt hinzu, als sie die verdutzten Gesichter sieht: „Das ist ein Brettspiel.“ Ende Mai darf Shermaine dann zurück nach Afrika zu ihrem geliebten Opa. Infos über „Lovemore“: www.lovemore.at; Spendenkonto: IBAN AT25 3633 6000 0056 8295.




Kommentieren


Schlagworte


Mehr Artikel aus dieser Kategorie

Immunsystem
Immunsystem

Störfaktor Fieberblase: Woher kommt sie und was hilft?

Kaum ist das Immunsystem geschwächt, tauchen die ersten Fieberbläschen auf der Lippe auf. Gesundheitsexpertin Claudia Dungl spricht über den Virus Herpes-sim ...

Gesundheit
Gesundheit

„Starke Frauen. Starke Herzen.“: Frauenherzen stärken

Frauen sind anders herzkrank als Männer, werden aber oft gleich behandelt. Die Initiative „Starke Frauen. Starke Herzen.“ hat sich der Bewusstseinsbildung ve ...

Video
Video

Herbstzeit ist Erkältungszeit: Wie geht Händewaschen richtig?

Die MedUni Wien zeigt in einem Video, welche vier Schritte beim richtigen Händewaschen beachtet werden sollten.

Wien
Wien

Ärzte im AKH entfernten Frühchen Tumor nach Kaiserschnitt

Das Baby wurde erfolgreich knapp zwei Stunden lang am offenen Herzen operiert. Es sei eine weltweit einzigartige Operation gewesen.

Forschung
Forschung

Besonders flutschige Beschichtung soll Kondom-Nutzung steigern

Gegen die Verwendung von Kondomen sprechen bislang für viele ein unangenehmes Tragegefühl oder ein eingeschränktes Empfinden.

Weitere Artikel aus der Kategorie »