Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 17.05.2018


Exklusiv

„Chronisch krank sollte man in Österreich besser nicht sein“

In Österreich würde Diabetikern viermal so oft das Bein amputiert wie in Großbritannien, sagt Gesundheitsexperte Pichlbauer. Es hapere am Zusammenspiel zwischen Ärzten und Spitälern.

© PhotodiscPatienten würden viel zu oft zwischen niedergelassenem Bereich und Spital hin- und hergeschoben.Foto: iStock



Von Anita Heubacher

Innsbruck, Wien – Seit Wochen wird über eine Fusion der Sozialversicherungsträger diskutiert. Experten sehen hier zwar Einsparpotenziale bis zu 120 Millionen Euro im Verwaltungsbereich, wirklich viel Geld, nämlich bis zu drei Milliarden Euro, sei aber im Zusammenspiel von Spitälern und Ärzten vor Ort zu holen.

„Chronisch krank sollte man in Österreich besser nicht sein“, meint Gesundheitsexperte und Publizist Ernest Pichlbauer im Gespräch mit der Tiroler Tageszeitung. Diabetikern würde in Österreich viermal so häufig der Fuß oder der Unterschenkel amputiert wie in Großbritannien. „Die Briten klären ihre Diabetiker auf, was sie zu tun haben, damit sie ihr Bein nicht verlieren. In Österreich werden Patienten zwischen Spital und Facharzt hin- und hergeschickt.“ Das treibe die Kosten in die Höhe und verursache sehr viel Leid. Das österreichische Gesundheitssystem konzentriere sich zudem viel zu sehr auf Akut-erkrankungen, chronisch Kranke würden zu wenig im Fokus stehen. „Das liegt da­ran, dass die lautesten Schreier die Ärztekammer und die Länder mit ihren Spitälern sind“, sagt Pichlbauer. Weil die Akutversorgung zu sehr im Mittelpunkt stehe, würden andere Disziplinen zu kurz kommen. Prävention, Rehabilitation, Pflege oder Palliativversorgung würden isoliert betrachtet und würden viel zu wenig ineinanderfließen. „Dabei bedingt das eine oft das andere“, sagt Pichlbauer.

Er ist überzeugt davon, dass Patienten in Spitälern landen, die besser in niederschwelligen Einrichtungen oder sogar zu Hause betreut werden könnten. Bei mindestens 460.000 oder 35 Prozent aller Spitalsaufnahmen von Patienten über 65 Jahren sei dies der Fall. „Die Patienten wurden wegen Rückenschmerzen, Dehydrierung, Kreislaufschwäche eingeliefert. Der Großteil dieser Patienten hätte eigentlich keiner höchstspezialisierten, stationären Versorgung in einem Akut-Spital bedurft.“ Vier Millionen Spitalstage, das sei mehr als ein Viertel aller Spitalstage in Österreich insgesamt, würden durch fehlgeleitete Patienten verursacht.

Mit seinem Befund steht Ernest Pichlbauer nicht alleine da. Auch die Experten vom Institut für Höhere Studien (IHS) in Wien sehen im schlecht funktionierenden Zusammenspiel des niedergelassenen Bereichs mit den Spitälern den größten Kos­tentreiber und das größte Potenzial zu sparen, ohne die Leistungen für den Patienten zu verschlechtern.

„Man könnte durch die Forcierung der integrierten Versorgung mindestens eine Milliarde Euro an Gesundheitsausgaben in Österreich sparen. Im besten Fall sogar drei Milliarden Euro“, rechnet Thomas Czypionka, IHS-Gesundheitsökonom, vor. In dieser Studie noch nicht berücksichtigt seien die Vorteile, die den Patienten durch eine bessere Gesundheit entstünden. „Es ist eben für alle besser, wenn das Bein eines Diabetikers nicht amputiert wird“, legt Pichlbauer nach.

Warum das Zusammenspiel nicht besser funktioniert, machen Pichlbauer und Czypionka am komplizierten und äußerst komplexen Finanzierungssystem fest: Der Bund finanziert über die Sozialversicherungsträger den niedergelassenen Bereich und steckt einen gedeckelten Betrag in die Spitäler, für die die Länder zuständig sind.

Landet ein Patient im Spital, hat die Sozialversicherung durch den gedeckelten Beitrag praktisch schon bezahlt. Egal wie viele Patienten im Spital landen. Landet der Patient im niedergelassenen Bereich, verursacht er zusätzliche Kosten. Bund und Länder stehen also jeweils an der Spitze von zwei Finanzierungssystemen.

„Das schafft ungünstige Anreize, nämlich, in die Spitalsambulanz zu gehen. Noch dazu, wo in Österreich entschieden wurde, den niedergelassenen Bereich nicht so stark auszubauen“, sagt Czypionka. Vor allem abends oder an Wochenenden fehle das Angebot. Der Patient gehe auch deshalb in die Spitalsambulanzen, weil vor Ort an Randzeiten kein Arzt zu finden sei. „Das kostet die Länder und die Gemeinden als Spitalserhalter viel Geld. Deshalb versucht der Spitalserhalter nun, die Patienten in den niedergelassenen Bereich zu verschieben, denn dort zahlt der Bund“, sagt Czypionka. Der Patient wird zum Spielball zwischen den Finanziers des Gesundheitssystems, zumal viele Spitäler immer defizitärer werden.

In Tirol verzeichneten die Krankenhäuser in den Bezirken und in Innsbruck 2017 ein Minus von 60,5 Millionen Euro. Der Abgang an der Klinik Innsbruck hat sich innerhalb von sechs Jahren auf 40,5 Millionen Euro letztes Jahr vervierfacht. Krankenhäuser, früher oft ein Prestigeprojekt für Bürgermeister, werden immer mehr zum Mühlstein für die Gemeindeverbände.


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