Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 27.05.2018


Gesundheit

Das Stechen in unserer Seite

Seitenstechen trifft vor allem Freizeitsportler. Der Gesundheit schaden die krampfartigen Schmerzen nicht. Woher sie stammen, darüber gibt es verschiedene Theorien.

© iStockDas hilft: Die Arme nach oben strecken und dadurch die beleidigten Muskeln dehnen.



Ob im Schulsport, beim Vereinstraining oder bei Laufen: Immer wieder sind Sportler zu sehen, die das Gesicht schmerzhaft verziehen und sich an die linke oder rechte Seite des Bauches fassen. Fast jeder kennt Seitenstechen. Die Ursache allerdings ist wissenschaftlich bis heute nicht geklärt. Dafür kann man recht einfach vorbeugen und gegensteuern, wenn es doch plötzlich sticht.

Seitenstechen tritt nur unter Belastung auf. „Wenn man das Seitenstechen dann untersuchen will, ist es schon weg", erklärt der Sportmediziner Klaus Völker die fehlenden Erkenntnisse der Medizin. Klar sei aber, dass meis­tens Ausdauersportler unter den Schmerzen leiden, vor allem Läufer, sagt der Experte. „Eher selten kommt es auch beim Schwimmen oder Radfahren vor."

Durchblutung steigt massiv an

Weil die Forschung bisher nicht exakt nachweisen konnte, woher das Seitenstechen kommt, gibt es verschiedene Erklärungsansätze. Die seiner Meinung nach wahrscheinlichste Hypothese hat mit der Umverteilung des Blutes zu tun. Unter Belastung steige die Durchblutung der arbeitenden Muskulatur um das bis zu Zwanzigfache. Dagegen wird die von Leber und Milz reduziert, wodurch diese verformt werden.

Die Folge: Der Zug auf die bindegewebsartigen Strukturen, an denen die Organe aufgehängt sind, steigt. Leber und Milz hätten außerdem empfindliche Kapseln.

Ein anderer Ansatz, der überzeugend wirke, sei die Gasblasen-Theorie. Auf gut Deutsch „ein verklemmter Furz", sagt Völker. Der Mensch produziert täglich etwa drei Liter Gas. Durch die Erschütterungen beim Laufen kann sich in den Ecken des Dickdarms eine Gasblase bilden, die dann Schmerzen erzeugt.

Laut dem Sportarzt Daniel Lay könnte auch das Zwerchfell die Schmerzen verursachen. Dieser Atemmuskel wird unter starker Belastung zu wenig mit sauerstoffreichem Blut versorgt, was wiederum krampfartige Schmerzen verursachen könnte. Florian Bauder sieht die Ursache ebenfalls dort. Sei die Bauchmuskulatur nicht gut trainiert, könne sie unter hoher Belastung verkrampfen, erklärt der Leichtathletiktrainer.

Ein weiterer Auslöser für Seitenstechen kann laut Lay eine schlechte Haltung sein. Läuft der Mensch gekrümmt, kann ein Druck auf die Interkostalnerven — also auf die Nerven zwischen den Rippen — entstehen. Auch eine weitere mechanische Ursache klingt für Lay plausibel: Wer kurz vor dem Laufen isst, könnt den Magen reizen. „Ich vermute, dass es eine Kombination aus mehreren Ursachen ist", sagt Lay.

Die Hobbyläufer trifft es eher

Häufiger tritt Seitenstechen auf, wenn Menschen schlecht trainiert sind oder eine längere Sportpause eingelegt haben, ergänzt Völker. Lay kennt zwar auch Spitzensportler, die gelegentlich von den Schmerzen betroffen sind, diese Fälle seien jedoch deutlich seltener. „Sie sind körperlich viel besser an die Belastung angepasst", erklärt Lay.

Wer Seitenstechen vermeiden will, sollte das Sportprogramm den eigenen Fähigkeiten anpassen. Eine komplette Mahlzeit sollte man spätestens etwa zwei bis drei Stunden vor dem Sport essen. Schießt dann doch mal der Schmerz ein, hilft es, einen Gang herunterzuschalten. Bauder rät, langsamer zu laufen oder kurz stehenzubleiben, um den Druck zu reduzieren und das Zwerchfell zu entlasten. Auch ein langes kontrolliertes Ausatmen kann schmerzlindernd wirken. Lay empfiehlt, die Arme nach oben zu strecken, den Körper in eine aufrechte Haltung zu bringen und die an der Atmung beteiligten Muskeln damit zu dehnen. (APA, dpa)




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