Letztes Update am Do, 14.06.2018 14:09

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Medizin

Tiroler Experte sieht Abkehr von künstlichen Bandscheiben

Die „alten Tugenden“ der Wirbelsäulenbehandlung kehren laut Neurochirurg Gabl zurück. Problemfelder und Herausforderungen sieht der Experte in der immer älter werdenden Gesellschaft und in den stetig steigenden Ansprüchen.

© iStock



Innsbruck – Der Neurochirurg Michael Gabl, im Wirbelsäulenzentrum des Sanatoriums Kettenbrücke in Innsbruck tätig und Mitbegründer ebendieses, sieht eine besondere medizinische Trendumkehr: Man gehe wieder weg von künstlichen Bandscheiben und setze stattdessen auf „Platzmachen, Versteifen und Stabilisieren“, sagte Gabl im Gespräch mit der APA.

Die „alten Tugenden“ würden im Bereich der Wirbelsäulenchirurgie wieder Fuss fassen, so der Mediziner. „Man war sich ganz sicher, dass man Patienten mit der künstlichen Bandscheibe etwas sehr Gutes tut. Vor allem in den Jahren 2002 bis 2008. Das sieht man heute kritischer. Man kommt von den instrumentiert-dynamischen Lösungen immer mehr ab. Weil man gesehen hat, dass das gewisse Probleme mit sich bringt“, erläuterte Gabl. Zu der Rückkehr der „alten Tugenden“ kämen aber natürlich die „neuesten technischen Möglichkeiten“. „Weniger invasiv, noch effizienter und kürzere Spitalsaufenthalte“, äußerte Gabl darüber hinaus seine Zukunftswünsche.

Problemfelder und Herausforderungen zugleich für die Wirbelsäulenchirurgie sieht der Experte in der immer älter werdenden Gesellschaft und in den stetig steigenden Ansprüchen an das tägliche Leben. Auch ethische Fragen würden damit einhergehen, so Gabl. „Die Gesellschaft will vom Arzt eben das, was er leisten kann“, merkte er in diesem Zusammenhang an. Damit steige selbstverständlich auch der Anspruch der Patienten an die Wirbelsäulenchirurgie. Früher habe ein 80-jähriger Patient nach der Operation eine kleine Runde spazieren gehen wollen, heute wolle er bald danach wieder Skifahren, formulierte es Gabl bewusst überspitzt.

Tatsächliche könne die Wirbelsäulenchirurgie diesen hohen Ansprüchen der Patienten auch überwiegend entsprechen, so Gabl. Doch spätestens hier tauchen auch ethisch-moralische Fragen auf. „Wo habe ich das Recht, mich zurückzuziehen, und wo muss ich mich sogar zurückziehen“, skizzierte der Chirurg dieses Spannungsfeld. Er selbst verlasse sich in dieser Hinsicht auf die gesetzlichen Rahmenbedingungen, auf die Wertvorstellung der Angehörigen und nicht zuletzt auf die Patienten selbst, die, sofern dazu geistig in der Lage, über sich selbst bestimmen sollen. „Es gibt auch Patienten die sagen, dass man sie bitte in Ruhe lassen solle“, führte Gabl aus. Diesen Wunsch würde er respektieren.

Die heutige Wirbelsäulenchirurgie könne jedenfalls Dinge leisten, die noch vor acht bis zehn Jahren undenkbar gewesen seien: Etwa eine knapp einstündige operative Versorgung von komplexen Wirbelbrüchen, die damals noch stundenlange Operationen nach sich gezogen haben. Der zu dieser Zeit nicht unerhebliche Blutverlust und die großen Schnitte gehören der Vergangenheit an. Dass man heute, zusammen mit den Kollegen der Neurologie Nervenströme messen und diese bei komplexen Operationen überwachen kann, nannte Gabl einen „Meilenstein“. Auch die „Wechselschnitttechnik“ und die Eröffnung des neuen OPs bezeichnete er als wichtige Eckpunkte der vergangenen zehn Jahre des Wirbelsäulenzentrums.

Das 2008 von Michael Gabl und Michael Koller ins Leben gerufen Wirbelsäulenzentrum hat sich ganz der Interdisziplinarität verschrieben. Neurologen und Neurochirurgen arbeiten hier zusammen. Insgesamt verfügt das Zentrum über 17 Mitarbeiter. Rund 10.000 Patienten werden jährlich ambulant, 2.000 stationär versorgt. 2017 führte man 800 operative Eingriffe durch. Unter den Patienten waren auch immer wieder prominente Sportler wie etwa Skistar Hannes Reichelt oder Biathlon-Ass Dominik Landertinger. Am Samstag wird das zehnjährige Bestehen des österreichweit in dieser Form singulären Zentrums gefeiert. (APA)