Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 21.06.2018


Gesundheit

Forscher lassen bei Brustkrebs nicht locker

Eine dem Tode geweihte Frau, die dank einer Immuntherapie heute krebsfrei ist, eine Studie über den Nutzen der Chemotherapie in der Brustkrebs-Nachbehandlung: Neue Forschungsergebnisse lassen aufhorchen.

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Von Theresa Mair

Innsbruck – Jahr für Jahr sorgt der US-Krebskongress im Juni in Chicago für viel Gesprächsstoff in Fachkreisen. So auch heuer, als zwei aufsehenerregende Studien der Brustkrebsforschung vorgestellt wurden, die für viele Frauen interessant sein dürften.

Denn 500 Tirolerinnen erkranken pro Jahr neu an Brustkrebs, der „überwiegend­e Teil, 80 bis 85 Prozent“, an einem so genannten HER2-negativen Tumor, wie Christia­n Marth, Leiter der Uniklinik für Gynäkologie und Geburtshilfe in Innsbruck, sagt. „Der Großteil davon ist auch Hormonrezeptor-positiv. Diese Tumore können auf Hormone reagieren und damit auch behandelt werden“, erklärt der Innsbrucker Experte.

Die TailorX-Studie, welche die Daten von 10.000 Patientinnen einschloss, hat infolge von Gentests am Tumorgewebe nun Folgendes ergeben: Frauen, die nach einer operativen Entfernung des Tumors ein mittleres Rückfallrisiko aufweisen, profitieren nicht von einer vorsorglichen Chemotherapie.

Marth sieht damit den europäischen Weg bestätigt. Hierzulande setze man in der Nachbehandlung bei diesem Tumortyp meist allein auf die Hormontherapie und verzichte auf die Kombination mit der Chemotherapie. „Bereits 2010 wurde die österreichische ABCSG-12-Studie publiziert, mit der gezeigt wurde, dass die Hormontherapie sehr wirksam ist und Patientinnen mit mittlerem Risiko mehrheitlich damit das Auslangen finden“, erklärt der Klinikdirektor.

Um das Rückfallrisiko einzuschätzen, werde auch in Innsbruck ein Gentest angewandt. Doch darauf alleine stütze man sich nicht. Faktoren wie Wachstumsgeschwindigkeit und Aggressivität des Tumors spielen genauso eine Rolle wie ob er auf Hormone anspricht und ob die Lymphknoten betroffen sind. „Wir sprechen eine Empfehlung je nach Nutzen und Risiko aus, in die auch das Alter der Patientin und ihr Allgemeinzustand einfließen“, betont Marth. Die Entscheidung sei immer schwierig. „Wenn ein Tumor entfernt ist, kann man nicht nachweisen, ob noch Krebszellen vorhanden sind. Somit behandeln wir ein Risiko. Durch Hormon- oder Chemotherapie kann man das Risiko zwar reduzieren, aber den Nutzen schwer vorhersagen.“

Grundsätzlich würde sich an der Erkrankungshäufigkeit bei Brustkrebs nichts ändern. Aber: „Weniger Frauen sterben daran“, sagt Marth. Das liege am Fortschritt der Forschung, der sich in verbesserten Therapien zeige, wie der Fall von Judy Perkins in den USA eindrücklich darstellt.

Perkins’ Krankheits­geschichte wurde ebenfalls in Chicago vorgestellt. Die heute 51-Jährige hatte sich vor zwei Jahren bereits auf das Sterben vorbereitet, heute ist sie frei von Krebs. Der Grund: eine Immuntherapie.

Vereinfacht erklärt, hat der US-Forscher Steven Rosenberg Perkins rare krebsbekämpfende Immunzellen entnommen, im Labor vermehrt und 80 Millionen davon in ihren Körper injiziert. Das Ergebnis ist beeindruckend, doch die Biologie dahinter ist den Experten noch ein Rätsel, wie der renommierte Innsbrucker Forscher Zlatko Trajanoski sagt.

„Das war eine Glückssache bei Perkins, denn wir wissen nicht, wie die Immunzellen den Tumor erkennen. Jedenfalls ist es ein großer Ansporn, in diese Richtung weiterzuforschen“, freut er sich. „Die Immuntherapie ist die erste systemische Therapie, die ein kuratives Potenzial hat.“

Noch ist sie beim Brustkrebs aber nicht zugelassen. Bei anderen Krebsarten kommt dies­e Art der Behandlung in fortgeschrittenen Stadien längst zum Einsatz. Allerdings ist die Medikation mit so genannten Checkpoint-Inhibitoren bisher nur bei 20 Prozent der Patienten wirksam.

„Wir werden sehen, ob Checkpoint-Blocker zur Behandlung von Patientinnen mit dem aggressiven Triple-Negative-Breastcancer geeignet sind“, blickt Trajanoski vorsichtig in die Zukunft der Brustkrebsbekämpfung.

Eine andere Art der Immuntherapie, die gegen eine Blutkrebs-Art eingesetzt wird, die CAR-T-Zell-Therapie, ist bei 80 Prozent der Patienten wirksam. „Der Unterschied ist, dass wir bei dieser Erkrankung genau wissen, welche Moleküle eine Immunantwort auslösen“, so Trajanoski. Ein ähnliches Konzept verfolgt die Innsbrucker Gynäkologie für eine Studie, die sie bei Gebärmutterhalskrebs plant. „Voraussetzung ist, dass der Krebs etwas hat, was der Körper nicht hat – z. B. eine HPV-Infektion in der Gebärmutter. Bei Brustkrebs gibt es solche Eigenschaften selten“, erklärt Marth. Die Klinik nimmt aber mit 20 Patientinnen an einer weltweiten Studie teil, bei der vor einer Brustkrebs-OP die Chemo- mit der Immuntherapie kombiniert wird. „Bisher ist die Therapie verträglich, es schaut sehr gut aus“, ist er optimistisch.