Letztes Update am Mi, 20.06.2018 12:21

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Medizin

Hirntumore bei Kindern: Deutlich verbesserte Heilungschancen

Die Zusammenarbeit von Neurochirurgen, Onkologen, Strahlentherapeuten und translationaler Forschung sind laut Wiener Spezialisten entscheidend.

© dpa(Symbolfoto)



Wien – Etwa hundert Kinder erkranken jedes Jahr in Österreich an Tumoren des Zentralnervensystems. 55 bis 70 werden jährlich an der Wiener Universitätsklinik behandelt. Entscheidend ist die Zusammenarbeit der Spezialisten verschiedener Fachrichtungen, wurde Dienstagabend bei einem Hintergrundgespräch in Wien betont.

Irene Slavc, Leiterin des Schwerpunkts für Pädiatrische Neuroonkologie (MedUni Wien/AKH), unterstrich die großen Fortschritte in der jüngeren Vergangenheit am Beispiel des Medulloblastoms, das knapp zehn Prozent der Hirntumore bei Kindern ausmacht: „In den 1970er-Jahren betrug die Zehn-Jahres-Überlebensrate 20 Prozent, in den 1980er-Jahren waren es 62 Prozent, in den 1990er-Jahren 71 Prozent und in den 2000er-Jahren 76 Prozent.“

Vor allem die modernen Diagnoseverfahren sowie die Möglichkeiten zur Feincharakterisierung der jeweils vorliegenden Erkrankung haben die Therapien effizienter und gleichzeitig möglichst schonend gemacht. Unterschied man im Jahr 2012 bei den Medulloblastomen noch vier verschiedene Untergruppen, waren es vergangenes Jahr bereits zwölf. Bei den Glioblastomen liegt die Heilungschance bereits bei 90 Prozent.

Vielfältige Varianten der Eingriffe

Mit dem Vorliegen der Diagnose kommt den spezialisierten Neurochirurgen eine besondere Bedeutung zu. Thomas Czech, stellvertretender Leiter der Wiener Universitätsklinik für Neurochirurgie und wie Slavc Mitglied des Comprehensive Cancer Center, stellte die vielfältigen Varianten der Eingriffe dar: Das reicht von der notwendigen radikalen Entfernung des gesamten Tumors beim sogenannten Ependynom-Tumor bis zur bloßen Entnahme von Gewebeproben und Eingriffen, welche beispielsweise die Wirkung von onkologischen Medikamenten auch im Hirnwasser ermöglichen. „Heroische Operationen“ seien nicht das Ziel, sondern eine optimale Verwendung aller zur Verfügung stehenden Methoden und Therapien.

Möglichst zurückdrängen wollen die Spezialisten großflächige und intensive Strahlentherapien des kindlichen Gehirns. Das verursacht langfristige Schäden bis hin zu kognitiven Leistungsstörungen. Wenn man durch das Zusammenspiel von Neurochirurgie und Onkologie die Bestrahlungsdosis halbieren könne, sei das schon ein großer Fortschritt, sagte Irene Slavc.

Mit dabei sind Grundlagen- und translationelle Forscher, welche aus den Erfahrungen an Patienten schnell neue Therapieansätze im Tiermodell erproben. Johannes Gojo, Grundlagenforscher und Pädiater an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde, sagte: „Wichtig ist, dass das alles an einem Zentrum passiert.“ Mit den modernen molekularbiologischen Verfahren lassen sich Gehirntumoren nach ihren genetischen Eigenschaften charakterisieren. Dann gibt es die Möglichkeit, zur herkömmlichen Chemotherapie auch zielgerichtete Arzneimittel bei bestimmten vorliegenden Genmutationen einzusetzen. (APA)




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