Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 27.06.2018


Künstliche Befruchtung

Video-Casting für die Eizelle

Bei künstlichen Befruchtungen stehen Ärzte vor einer schweren Aufgabe: Welche befruchtete Eizelle hat nach fünf Tagen das größte Potenzial? Eine Kamera hilft jetzt.

Direktorin Bettina Toth und Biologe Wolfgang Biasio beobachten die Entwicklung der künstlich befruchteten Eizelle.

© Gerhard BergerDirektorin Bettina Toth und Biologe Wolfgang Biasio beobachten die Entwicklung der künstlich befruchteten Eizelle.



Von Philipp Schwartze

Innsbruck – Was eigentlich für die Erforschung der Tiefsee entwickelt wurde, verhilft in der Innsbrucker Klinik jetzt zum Kinderglück. Der neue Stolz im Kinderwunschzentrum der Tirol Kliniken ist ein Embryoskop, eine Kamera, mit der künstlich befruchtete Eizellen genauestens beobachtet werden können. „Wir haben lange darauf hingearbeitet, seit letzter Woche ist es in Betrieb“, sagt die Direktorin der Gynäkologischen Endokrinologie und Reproduktionsmedizin, Bettina Toth. „Es geht immer um das Ziel, den Patientinnen ihren Kinderwunsch zu erfüllen.“

Die Embryoskopie hilft allen, bei denen eine Befruchtung auf natürlichem Wege nicht in Frage kommt. Die künstliche Befruchtung soll den natürlichen Weg nachahmen. „Nach fünf Tagen wandert der Embryo in der Natur vom Ende des Eileiters in die Gebärmutter und nistet sich dort ein. Das ist der Zeitpunkt, an dem man den Transfer auch in der künstlichen Befruchtung anstrebt“, erklärt Toth. Der Embryo soll dann möglichst große Chancen haben, sich zu einem gesunden Kind zu entwickeln.

Bei der so genannten In-vitro-Fertilisation werden zehn bis 15 Eizellen der Patientin befruchtet. Bis zum fünften Tag müssen sich die Ärzte dann entscheiden, welcher Embryo sich in diesem frühen, aber besonders wichtigen Stadium gut entwickelt und das größte Potenzial hat.

Und genau hier kommt das neue Gerät an der Innsbrucker Klinik zum Einsatz. Denn um diese bedeutende Entscheidung zu treffen, verwendete man bisher ein Standardverfahren, das durchaus erfolgreich funktionierte und weltweit praktiziert wird: „Bisher haben wir vor dem Transfer drei- bis viermal die befruchteten Eizellen für wenige Sekunden beobachtet“, erklärt Wolfgang Biasio, Biologe im Team der Innsbrucker Klinik für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin.

Dafür mussten bislang aber der Brutschrank geöffnet und die Glasschälchen mit den befruchteten Eizellen herausgenommen werden. „Dadurch verändert sich viel, der Embryo wird gestresst“, erklärt Biasio. Kein Idealzustand.

Mit dem Embryoskop können die Eizellen von bis zu 15 Patientinnen fünf Tage lang beobachtet werden, ohne die Eizellen aus der idealen Umgebung – die Brutschränke sind dem Inneren einer Gebärmutter nachempfunden – herauszureißen.

Ein weiterer großer Vorteil liegt in der Genauigkeit der Beobachtungen, die der späteren, wortwörtlich lebenswichtigen Entscheidung zu Grunde liegen: Die so genannte Time-Lapse-Kamera (Zeitraffer-Kamera) nimmt alle zehn Minuten Bilder aus bis zu elf verschiedenen Ebenen auf. „Die Entwicklung der Eizellen kann sehr unterschiedlich aussehen“, sagt Biasio. All das biete Rückschlüsse über das Potenzial des jeweiligen Embryos, Fehlentwicklungen können besser erkannt werden. „Wir können die Teilung der Zelle über den Zweizeller und Dreizeller bis zum Vier-zeller und Achtzeller sehen. Wenn die Zelle ihre Teilung wieder rückgängig gemacht hat, ist das ein Warnzeichen“, erklärt Biasio. Dieser Embryo wird dann nicht transferiert, denn Missbildungen wären sehr wahrscheinlich.

Die Befruchtung selbst ist mit dem neuen Verfahren gleich, ein erfüllter Kinderwunsch kann auch damit nicht garantiert werden, schließlich spielen weitere Faktoren eine Rolle. Toth betrachtet die neue Technik aber als besonders wertvollen Mosaikstein für die künstliche Befruchtung. „Wir sind auf einem guten Weg, wenn man bedenkt, dass die Wahrscheinlichkeit, auf natürlichem Wege schwanger zu werden, bei einem gesunden Paar 20 Prozent beträgt. Mit unserer Unterstützung können wir diesen Wert bei einer künstlichen Befruchtung auf etwa 50 Prozent steigern.“

Die ursprüngliche Tiefsee-Kamera, die die Bilder der Eizelle um den Faktor 200 vergrößert, macht es den Ärzten dabei leichter, die gesündeste Eizelle wieder einzusetzen.