Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 09.07.2018


Gesundheit

Wenn der Arzt Rechnung schickt: Terminabsagen mit Folgen

Das Schwänzen oder kurzfristige Absagen von Arztterminen kann teuer werden. Denn es können auch Behandlungskosten fällig werden, wenn keine Behandlung stattfindet.

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Von Deborah Darnhofer und Theresa Mair

Innsbruck – Der Arzttermin ist für Montag vereinbart. Am Samstag zuvor wird der Patient jedoch krank, liegt im Bett und wird vom Hausarzt betreut. Den Termin bei einem Innsbrucker Mediziner (Name d. Red. bekannt) kann er wochenendbedingt erst am Montag kurzfristig absagen. Wenige Tage später flattert dem Mann (Name d. Red. bekannt) eine Honorarnote über 80 Euro für die entfallene Ordination ins Haus.

„Die Patienten sind unverlässlicher geworden, sagen fünf Minuten oder eine Stunde vorher ab“, begründet der Arzt sein Vorgehen. Ihm zufolge betrifft das Problem v. a. Wahlärzte wie ihn. „Ein Kassenarzt wird vielleicht sogar froh sein, wenn das Wartezimmer nicht ganz so voll ist. Von uns erwartet der Patient aber, dass er auf die Minute genau drankommt und wir uns eine halbe Stunde Zeit nehmen. Wenn er den Termin nicht wahrnimmt, müssen wir eine halbe Stunde Däumchen drehen“, schildert der Mediziner.

Den Ausfall mache er aber nur geltend, wenn es ihm organisatorisch nicht mehr möglich sei, die Lücke mit einem anderen Patienten zu füllen. Wer zwei Tage vor dem Termin absagt, zahlt 40 Euro, wer schwänzt oder unmittelbar vorher sagt, dass er nicht kommt, erhält eine Rechnung über 80 Euro. Auf diese Maßnahme weise er die Patienten bei der ersten Terminvereinbarung sowie schriftlich auf den Therapieplänen hin.

Forderungen bei nicht eingehaltenen Terminen findet Günter Atzl, Direktor der Tiroler Ärztekammer, grundsätzlich gerechtfertigt. „Man muss auch Personalkosten, Miete und Kosten für technische Geräte in Betracht ziehen, gerade in der technisierten Medizin oder Physiotherapie“, meint er. Aktuell sieht er „kein großes Problem“ bei Terminabsagen in Praxen. „Der Arzt hat rein rechtlich einen Anspruch auf ein Honorar, wenn der Termin nicht eingehalten wird“, betont Atzl.

Wie bei jedem Dienstleister entstünde zwischen Arzt und Patient ein so genannter Werkvertrag. Dieser sieht vor, dass ein Honorar auch dann bezahlt werden muss, wenn die Behandlung nicht stattfindet, weil der Patient nicht rechtzeitig erscheint. Entscheidend ist, ob der Mediziner in der Zwischenzeit einen anderen Patienten behandeln hätte können. Die rechtliche Situation ist aber unklar – eine höchstgerichtliche Entscheidung gibt es bislang nicht.

Tiroler Ärzte handhaben Terminabsagen unterschiedlich. „Wir raten, dass der Arzt gleich bei der Terminvergabe mit dem Patienten vereinbart, was bei Nicht-Erscheinen passiert“, berichtet Kammeramtsdirektor Atzl. Ein Empfehlungshonorar gibt die Tiroler Ärztekammer nicht vor.

Anders die Österreichische Zahnärztekammer: In deren Honorarrichtlinien für 2017/2018 sind 200 Euro pro Stunde für eine „versäumte Sitzung“ vorgesehen. Allerdings handelt es sich hier um Empfehlungen, die wohl nicht jeder Arzt befolgen wird.

Für Zahnärzte sei es unangenehm, wenn Termine unentschuldigt nicht wahrgenommen würden, v. a. wenn umfangreiche prothetische Arbeiten oder Mundhygiene geplant ist. „Die Zeitlücke kann dann nicht einfach mit einem anderen Patienten ausgefüllt werden“, sagt Paul Hougnon, Vizepräsident der Tiroler Zahnärztekammer. „Das Problem besteht schon länger, eine massive Verschlechterung der Situation ist uns nicht bekannt“, ergänzt er.

Normalerweise solle spätestens am Vortag des Termins abgesagt werden, findet er. Dennoch versuche die Zahnärztekammer in Streitfällen – z. B. über die Patienten­schlichtungsstelle – zu vermitteln. „Immer wieder liegen Honorarnoten auf unseren Schreibtischen, die Patienten mit der Bitte um Vermittlung an uns übersenden“, so Hougnon.

Beschwerden über Kosten nach Terminabsagen erreichten in der Vergangenheit auch die Tiroler Patientenvertretung, die für das landeseigene Gesundheitswesen, nicht aber für niedergelassene Ärzte zuständig ist. „Patienten sollten mit den Kosten nicht überrascht werden“, fordert Birger Rudisch, Leiter der Patientenvertretung. „Ich nehme wahr, dass manche Ärzte schon einen Hinweis auf ihre Terminkarten schreiben.“ Dies könne eine gangbare Lösung sein.

Um etwaige Kosten zu vermeiden, rät Atzl verhinderten Patienten, sich rechtzeitig – „mindestens einen Tag vor dem Termin“ – zu melden. Auch Rudisch befürwortet das. Er empfiehlt Patienten außerdem, Terminkarten genau zu lesen. Bei Kostenforderungen solle zuallererst das Gespräch mit dem Arzt gesucht werden. Auf dem Kulanzweg könnte sich dann vielleicht eine Kostenreduktion ergeben.