Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 16.07.2018


Exklusiv

Immer mehr Medikamente sind nicht lieferbar

Engpass oder nicht? Unterschiedliche Meldungen über Hepatitis-B-Impfstoff sorgen für Verwirrung.

© iStockphotoErwachsene, die nicht in der Schule geimpft wurden, sollten die Hepatitis-B- Impfung besonders für Reisen in südliche Länder nachholen.Foto: iStock



Von Brigitte Warenski

Innsbruck, Wien – Vor fünf Jahren waren Engpässe bei Medikamenten in Europa kein Thema, „seit diesem Zeitpunkt beobachten wir aber, dass die Liste der Engpässe von Jahr zu Jahr länger wird“, sagt Christoph Baumgärtel vom Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) und der AGES Medizinmarktaufsicht.

Vergangene Woche hatte die Meldung für Aufregung gesorgt, dass Blutdrucksenker von zahlreichen Herstellern zurückgerufen wurden, da der Wirkstoff Valsartan eines chinesischen Herstellers verunreinigt ist. Dieser Rückruf betrifft laut Baumgärtel acht Hersteller und damit fallen 40 Prozent der Valsartanprodukte mit einem Schlag vom Weltmarkt weg. Ob nun Novartis mit seinen Produkten, die nicht vom Rückruf betroffen sind, den ganzen Ausfall wettmachen kann, bezweifelt auch Baumgärtel. Viele Patienten sind nun verunsichert und wollen von ihrem Arzt wissen, auf welches Medikament sie sich umstellen lassen können. „Genau aus diesem Grund fordern wir eine gesetzliche Meldepflicht für bevorstehende Engpässe bei Arzneimitteln. Bei der derzeitigen Liste der Engpässe sind wir nur auf den Goodwill der Firmen angewiesen. Mit der Meldepflicht könnten wir rechtzeitig reagieren, Mitkonkurrenten könnten mehr produzieren und damit könnte die Brisanz eines Ausfalls abgefangen werden“, sagt Baumgärtel. Auch sollte Herstellern untersagt werden, bei möglichen Engpässen in Österreich Medikamente ins Ausland zu exportieren. „Es gibt zwar schon die Bestimmung, dass die Versorgung im Inland sichergestellt werden muss, aber hier ist es sicher notwendig, das Gesetz nachzuschärfen. Diese Meldepflicht wollen wir heuer national umsetzen, in der ganzen EU ist die Umsetzung sicher noch in weiterer Ferne.“ Dass diese Gesetze nur dann greifen, wenn harte Sanktionen bei Verstößen drohen, ist für Baumgärtel klar. „Es ist sicher, dass man sie brauchen wird, aber ich bin nicht in der Position zu sagen, wie sie aussehen müssen.“

Nicht für Aufregung, aber für Verwirrung sorgt in Tirol derzeit auch die Hepatitis-B-Impfung. Auf der BASG-Liste der nicht lieferbaren Arzneimittel steht jeweils nur einer von beiden Impfstoffen für Kinder und Erwachsene, der in Österreich zugelassen ist. Anrufe bei einigen Apotheken zeigen aber, dass kein Impfstoff verfügbar ist, und auch aus der Landessanitätsdirektion Tirol heißt es, dass es derzeit keinen Hepatitis-B-Impfstoff gebe, der vor allem in Gesundheitsberufe­n und bei Erwachsenen in der Reisesaison gefragt ist. „Man kann derzeit nur auf die Kombinationsimpfung A/B umsteigen, was natürlich auch eine Kostenfrage ist“, sagt Tirols Landessanitätsdirektor Franz Katzgraber. Dass Lieferengpässe immer mehr zum Thema werden, hat laut Katzgraber vor allem mit der Entwicklung am Pharmamarkt zu tun. „Sind früher Chargen ausgefallen, was ja immer wieder passieren kann, weil sie Qualitätsstandards nicht erfüllen, ist man auf Parallelanbieter ausgewichen. Heute, wo ganze Produktionsschienen auf einen einzelnen Anbieter konzentriert sind, ist das oft nicht mehr möglich. Da ist man dann abhängig von einem Anbieter, der de facto eine Monopolstellung hat.“