Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 05.08.2018


Gesundheit

Dicke schwitzen mehr? Viel duschen hilft? Das ist dran an Schweiß-Mythen

Schweißdrüsen sind eine Besonderheit der Natur. Mit etwa vier Millionen Drüsen am menschlichen Körper stellen sie die effektivste Klimaanlage der Welt dar. Matthias Schmuth, Leiter der Universitätsklinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie in Innsbruck, klärt über die großen Mythen rund um das Schwitzen auf.

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Rund vier Millionen kleinsten Drüsen in unserer Haut verdanken wir bei hohen Temperaturen unser Überleben. Sie verhindern, dass wir überhitzen und sterben — durch Sonneneinstrahlung, in der Sauna oder auch bei Fieber. Ihnen verdanken wir aber auch, dass wir peinlich berührt sind, wenn beim Anheben des Armes Schweißflecken am T-Shirt zu sehen sind. Oder wenn uns gute Freunde bitten, die Schuhe doch lieber vor der Wohnungstür stehen zu lassen, weil sie stinken. Aber warum eigentlich? Obwohl unser eingebauter Kühlmechanismus meist hervorragend funktioniert, ist er mit reichlich Vorurteilen belas­tet.

Schweiß stinkt

Das stimmt so nicht: „Schweiß an sich hat keinen Geruch. Aber die Bakterien, die an der Haut haften, zersetzen den Schweiß und daraus entsteht dann der Geruch", sagt Hautarzt Matthias Schmuth. Das Sekret aus den apokrinen Schweißdrüsen („Duftdrüsen") sei sauer, weshalb es leichter durch die Bakterien zersetzbar ist.

„Diese Drüsen finden sich vor allem in den Achselhöhlen und in der Leiste", so der Experte. Deshalb sei der „strenge Geruch" bei den meisten Menschen auf diese Körpergegenden beschränkt. Die Drüsen werden erst ab der Pubertät aktiv. Sie stoßen bei Erregung, Wut und Nervosität Schweiß aus. Sie beinhalten gleichzeitig jedoch auch Pheromone, die bekanntlich nicht abstoßend, sondern anziehend wirken. „Die nimmt man allerdings nur unbewusst wahr — ein positiver Nebeneffekt also", so Schmuth.

Es gebe allerdings auch Veranlagungen, die riechbaren Schweiß verursachen, erklärt er weiter. „Bei der Bromhidrose wird der ausgesonderte Schweiß in Fettsäuren und Amine umgewandelt", sagt Schmuth. Je nach Zusammensetzung rieche der Betroffene muffig, ranzig und säuerlich.

Viel duschen hilft

Nicht wirklich. „Mit dem Waschen geht der Geruch weg, aber viel duschen verhindert nicht das Schwitzen", erklärt der Experte. Als Hautarzt empfehle er jedoch, nicht öfter als einmal täglich zu duschen, da sonst der natürliche Hautschutz gestört werde: „Am besten ist es, rückfettende Seife zu verwenden — und die nicht am ganzen Körper, sondern lediglich an den von Schweißgeruch betroffenen Regionen zu benutzen." Ausnahmsweise sei es an heißen Sommertagen aber schon erlaubt, mehr als einmal täglich unter die Dusche zu gehen.

Unter den Achseln ...

... schwitzen wir am meisten. Falsch. Insgesamt sind rund vier Millionen Schweißdrüsen über den Körper verteilt. Auf den Handflächen und Fußsohlen schwitzen besonders viele: „Dort befinden sich etwa 600 Drüsen pro Quadratzentimeter", erklärt der Hautarzt. Die Achseln sind aber meist von den Oberarmen bedeckt, sodass der Schweiß kaum verdunstet. Die Schweißflecken auf der Kleidung erwecken dann wiederum bei den Mitmenschen den Eindruck, dass dort besonders viel geschwitzt wird. Am Popo befinden sich übrigens nur 60 Drüsen pro Quadratzentimeter.

Dicke schwitzen mehr

Ja und nein. Dicke wie dünne Menschen schwitzen gleich. Körperliche Aktivität kostet manche Dicke allerdings mehr Anstrengung als dünne Menschen. Wenn die Temperatur dann im Inneren zu hoch wird, kühlt Schweiß den Körper. „Es kann auch sein, dass bei übergewichtigen Menschen mehr Hautfalten aufeinanderliegen und dadurch wie bei den Achseln der Schweiß nicht verduns­tet. Das kann leichter zu Geruch führen", erklärt der Dermatologe. Außerdem seien aufgrund der größeren Hautoberfläche mehr Schweißdrüsen vorhanden.

Schweiß als Detox

Dass Schwitzen eine entgiftende Wirkung hat, stimmt teilweise. Die Abbauprodukte des Stoffwechsels werden in großem Maße über die Nieren und Leber entsorgt. Die Haut übernimmt dabei einen kleinen Teil des körpereigenen Entgiftungsprozesses: „Beim Schwitzen werden Mineralstoffe, Salze, Aminosäuren, ein wenig Harnstoff, Eiweiß und Fettsäuren ausgestoßen", sagt Schmuth. Alkohol, Nikotin und Cholesterin würden hingegen nicht den Weg durch die Haut finden. Das sei ein Aberglaube.

Alte schwitzen nicht

Ältere Menschen schwitzen schon, aber weniger. Im Laufe des Lebens altern die Schweißdrüsen, sie sind weniger aktiv. Daher müssen ältere Menschen bei hohen Temperaturen darauf achten, nicht zu überhitzen. Schwitzen kann aber trainiert und das Altern der Drüsen verlangsamt werden — durch Sport etwa.




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