Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 12.08.2018


Gesundheit

Auf der Alm ist Rohmilchverkauf wegen EHEC verboten

Milch frisch von der Kuh darf ganzjährig nicht verkauft werden. Grund sind EHEC-Erreger. Salmonellen-Fälle traten bis dato trotz Hitze nicht gehäuft auf.

© iStockDas romantische Bild vom Glas Milch direkt von der Kuh ist so nicht mehr haltbar.



Von Alexandra Plank

Innsbruck — Immer wieder verstehen Touristen, aber auch Einheimische nicht, dass sie dem Wirt auf der Alm kein frisch gemolkenes Glas Milch abkaufen dürfen. Tirols Landessanitätsdirektor Franz Katzgraber erläutert die Hintergründe: „Die Abgabe von Rohmilch ist ganzjährig in Tirol nicht erlaubt."

Laut Lebensmittelinspektor Gerald Embacher ist der Hauptgrund dafür, dass über die Rohmilch der Erreger EHEC übertragen werden kann. „Rund 60 bis 70 Prozent des Kots der Kälber trägt laut einer Studie diesen Erreger in sich", sagt der Mitarbeiter der BH Kitzbühel. Daher werde Rohmilch, die ab Hof verkauft wird, mit dem Zusatz versehen, dass sie erhitzt werden muss. „Immer wieder sind auch Bauernkinder von dem EHEC-Virus betroffen. Es gibt unterschiedlich schwere Verläufe, aber bei immungeschwächten Personen kann das durchaus bedrohlich werden." Der Erreger könne aber auch über das Düngen auf die Felder gelangen. „Das Gemüse immer sauber abzuwaschen, ist daher sehr wichtig", rät Embacher.

Der EHEC-Erreger löste 2011 eine Epidemie in Norddeutschland aus. Die Symptome waren dramatisch: Bauchschmerzen, Übelkeit, schwerer Durchfall, manche Patienten erlitten bleibende Nierenschäden, 53 Menschen starben an den Folgen der Infektion. Nachdem mehr als 3800 Menschen am Darmkeim EHEC erkrankt waren, präsentierten die Behörden den angeblichen Verursacher. Zuerst geriet die Gurke unter Verdacht, dann die Sprosse. Laut dem Nachrichtenmagazin Spiegel konnte der wahre Verursacher bis heute nicht gefunden werden.

EHEC zählt zu den Zoonosen. Internationale Arztzeitschriften lassen mit der Meldung aufhorchen, dass diese etwa 200 Krankheiten in Europa häufiger werden. Salmonellen bilden die größte Gruppe und werden meist über Lebensmittel aufgenommen. „Ihre Bekämpfung in den Tierbeständen ist erschwert, da die lebensmittelliefernden Tiere mit diesen Bakterien besiedelt sein können, ohne daran zu erkranken", erklärt Werner Windhager von der AGES (Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit). Er weist darauf hin, dass sich von 2002 bis 2016 die Anzahl der Salmonellosen aber glücklicherweise um 83 Prozent reduziert habe.

Hohe Hygienestandards seien das Erfolgsrezept. Im Rahmen der amtlichen Lebensmittelkontrolle werden Betriebe, die Fleisch, Milch und Fische in großen Mengen verarbeiten — sie gelten als Hochrisikobetriebe —, im Zuge von Schwerpunktaktionen überprüft. „Gerade in den Sommermonaten fördern die hohen Temperaturen die Vermehrung mancher Keime. Fleisch enthält an der Oberfläche immer einer geringe Menge an Mikroorganismen. Bei Faschiertem gelangen sie durch den Verarbeitungsprozess auch ins Innere", führt Windhager aus.

Tirols Landessanitätsdirektor gibt Entwarnung: Trotz der Hitzeperiode gab es bisher weniger Meldungen von Salmonellenerkrankungen als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. „Gerade bei wärmeren Temperaturen empfiehlt sich aber ein sorgsamer Umgang mit leicht verderblichen Lebensmitteln", so Katzgraber. Er weist darauf hin, dass das Einhalten der Kühlkette besonders im Sommer zentral sei. AGES-Experte Windhager präzisiert: „Leicht verderbliche Lebensmittel sollen vom Einkauf so rasch wie möglich nach Hause transportiert werden, am besten in einer Kühltasche."

Laut Katzgraber ist die Unterbrechung der Kühlkette durch den Konsumenten der fehleranfälligste Bereich. Die Hygienevorschriften für die Betriebe und den Handel seien derart, dass es auch im Sommer zu keinen gehäuften Zoonosen-Fällen kommen sollte.

Das verbirgt sich hinter der Bezeichnung Zoonosen

Zoonosen. Es sind gegenwärtig etwa 200 Krankheiten bekannt, die sowohl bei einem Tier wie beim Menschen vorkommen und in beide Richtungen übertragen werden können. Die eigentlichen Erreger können dabei Prionen, Viren, Bakterien, Pilze, Protozoen, Helminthen oder Arthropoden sein.

Symptome. Die Salmonellose wird vor allem über Lebensmittel (Eier, Milchprodukte, Geflügelfleisch) übertragen. Sie ist die am häufigsten gemeldete Zoonose. Übelkeit, Erbrechen Durchfall und Kopfschmerzen können auftreten, manchmal auch Schüttelfrost und Fieber. Bei fünf Prozent aller Patienten mit Salmonellen-Infektion kommt es zu Komplikationen.

Rohmilch. Die Rohmilch wird gemolken und nur gefiltert.


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