Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 05.09.2018


Tirol

Tiere, Tod und die Trauerarbeit

Das geliebte Haustier stirbt und der Besitzer leidet wie beim Verlust eines Menschen – für Außenstehende oft unverständlich. Eine Forscherin untersucht, warum und wie getrauert wird.

© APAAm Tierfriedhof in Wien finden Hunde, Katzen und Kleintiere ihre letzte Ruhestätte. In Tirol gibt es keinen Ort wie diesen, wo Herrchen und Frauchen ihren Liebling begraben lassen können.



Von Matthias Christler

Hannover, Innsbruck – Dieser Schmerz ist vorprogrammiert und Frauchen oder Herrchen lassen sich bewusst darauf ein. Denn sie wissen, sie werden ihren Hund, ihre Katze oder ihren kleinen Nager mit hoher Wahrscheinlichkeit überleben – nach 10, 15 oder bestenfalls 20 Jahren müssen sie lernen, mit dem Verlust umzugehen. Manche Menschen trauern dann, als wäre ein Familienmitglied gestorben. Wer nie eine Beziehung zu Tieren aufgebaut hat, wird das kaum verstehen und sich wundern, warum man so leidet. Wissenschaftlich ist das bisher wenig untersucht worden. An der Tierärztlichen Hochschule Hannover nimmt sich Marion Schmitt aus der Arbeitsgruppe Ethik des Themas nun an.

Sie sucht für ihre Doktorarbeit Betroffene, die ihr online Fragen beantworten. Zum Beispiel: „Wie haben Sie das Sterben und den Tod Ihres Tieres in Erinnerung?“ – „Wie schwer hat Sie der Tod Ihres Tieres getroffen – verglichen mit anderen Verlusten?“ – „Was hat Ihnen in Ihrer Trauer geholfen?“ – „Haben Sie sich nach dem Tod Ihres Tieres ein neue­s Tier angeschafft?“ Oder auch: „Wie stellen Sie sich das Jenseits für Tiere vor?“

Die Studie, für die bis Jänner 2019 persönliche Bericht­e gesammelt werden, hat zum Ziel, ethische Kriterien für das Lebensende der Tiere zu erarbeiten. Das Ergebnis soll zum Beispiel Tierärzten bei der Entscheidung helfen, welche Therapie anzuwenden oder ob ein Einschläfern unausweichlich ist.

In Zeiten, in denen Ehen früher geschieden werden, Single-Haushalte zunehmen, ältere Menschen oft in Einsamkeit leben, wird die Rolle des Haustieres aufgewertet, und deshalb sind ethische Fragen zum Sterben schwierig zu beantworten. „Haustier­e werden immer mehr zu Familienmitgliedern“, sagt Schmitt. Um das zu verdeutlichen, sammelt die Forscherin außerdem Beiträge und Gedichte von Betroffenen, die nach Abschluss der Studie als kreatives Buchprojekt zusammengefasst werden. Erste Einsendungen wurden online in einem Projekttagebuch veröffentlicht. Ein Tierbesitzer schreibt: „Stellen Sie sich vor, Ihr bester Freund wäre gestorben. Er war für Sie da. Immer, seit Sie denken können. Er stand Ihnen näher als alle anderen Freunde. Oft sogar näher als Ihre eigene Familie. Er hat Sie begleitet, seit Sie Kinder waren. Er kannte Sie wie niemand sonst. Er hätte alles für Sie getan.“

Für Schmitt zeige sich die Verbundenheit, eben wie die zu einem Familienmitglied, daran, dass im Zusammenhang mit dem Tod immer häufiger ein Wunsch auftrete: „Die Tierbesitzer wollen ihre Haustiere auf einem Tierfriedhof beisetzen.“ In Wien kann man seit 2011 in einem park­ähnlichen Gelände neben dem Zentralfriedhof seines verstorbenen und bestatteten Haustiers gedenken.

Informationen zum Projekt

Anonymer Fragebogen und Informationen für Tierbesitzer: www.tiho-hannover.de/trauer

Projekttagebuch: belecanbuchprojekt

Diese Möglichkeit fehlt in Tirol so wie in ganz Westöster­reich. Bislang war es oft üblich, dass der Tierarzt das verstorbene oder eingeschläferte Haustier einer Tierkörperverwertungsanlage übergibt. Das gleicht mehr einer Entsorgung als einer Verabschiedung, die sich inzwischen mehr und mehr Tierbesitzer wünschen. Seit sechs Jahren leitet Alexandra Neurauter in Innsbruck ein Tierbestattungsunternehmen. „In Tirol gibt es keine Einrichtung, die einen würdevollen Abschied ermöglicht“, kritisiert Neurauter, für die Tierschutz auch einen würde­vollen Tod bedeutet.

Ihr Bestattungsunternehmen lässt die Einäscherung in einem Münchner Tierkrematorium vornehmen. „Dort kann man in einem angemessenen Rahmen eine Verabschiedung gestalten. Das ist eine gute Sache und hilft bei der Trauerarbeit.“

Aus Gesprächen mit den Betroffenen weiß sie, mit welchen Gefühlen Herrchen, Frauchen und auch Kinder zu kämpfen haben. Viele würden hoffen und glauben, dass es für Tiere ein Leben danach gibt. Zudem werden manche, die ihr Tier einschläfern ließen, von Schuldgefühlen gequält. Von einem rät sie allerdings ab: sich als Ersatz sofort ein neues Tier zu holen. Nach einer gewissen Zeit sei nichts Verwerfliches daran, „aber man sollte es nicht zu schnell tun und auch nicht die gleiche Rasse nehmen. Sonst vergleicht man zu viel.“

Bei der Trauerarbeit können eher verständnisvolle Mitmenschen helfen. „Wichtig ist, dass man die Betroffenen von ihren Gefühlen erzählen lässt, dass man ihnen zuhört“, sagt sie. Und dazu gehört auch, ihre Trauer, die man als Außenstehender nicht nachvollziehen kann, doch ernst zu nehmen.