Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 14.09.2018


Gesundheit

Auf dem Schaf-Fell Schäfchen zählen

Tirols Schafe geben mehr her als Wolle, Milch und Fleisch. Ihr Fell wird in der Region gegerbt und dient in Medizin, Mode und zum Kuscheln.

© Thomas Boehm / TTDas Fell des Mutterschafs ist eigentlich so dunkel wie das ihrer Neugeborenen – das Sonnenlicht lässt es heller werden.



Von Evelin Stark

Innsbruck – Es ist flauschig, atmungsaktiv und sogar für Allergiker geeignet: Das Schaf-Fell ist ein vielfältig verwendbares Naturmaterial, das als so genanntes „Nebenprodukt“ der Fleischproduktion einen immer größeren Stellenwert unter den heimischen Naturmaterialen hat.

„In Tirol gibt es derzeit circa 2500 Schafbauern, die rund 70.000 Schafe halten“, sagte Landwirtschaftskammer-Präsident Josef Hechenberger bei einem Pressegespräch am Donnerstag. Die Schafhaltung habe in Tirol Tradition und diese wolle man pflegen. Deshalb gebe es Bemühungen, die Produktpalette stetig zu erweitern.

Das kuschelweiche Fell bietet etliche Möglichkeiten dafür. „Wir haben in Tirol eine Rassen- und Farbenvielfalt wie kaum an einem anderen Ort der Welt“, betonte Johannes Fitsch. Als Geschäftsführer des Tiroler Schafzuchtverbandes weiß er, dass in dem Fell weit mehr steckt als nur das Futter eines Winterstiefels. Das ist nämlich der am meisten verwendete Zweck der Haarpracht des Schafes.

Olivenblätter sind der Rohstoff für die alternative Ledergerbung.
- Thomas Boehm / TT

Bei den wenigen Gerbereien in Tirol, die sich der Verarbeitung des flauschigen Fells widmen, gibt es genug zu tun: „Wir merken, dass das Schaf-Fell heute gefragter ist als früher“, sagt Gerber Martin Trenkwalder aus Scheffau. Dabei spiele eine spezielle Gerbung eine große Rolle.

„Bei der medizinischen Gerbung wird ein spezieller Gerbstoff, der frei von organischen Lösungsmitteln ist, verwendet. Dieser verbindet sich fest mit den Schaf-Fell-Hautfasern, sodass das Fell antibakteriell wirkt und keine allergischen Reaktionen auslöst“, erklärt der Gerber. Dabei verfärbe sich die Wolle allerdings leicht gelblich.

Die so verarbeiteten Felle sollen Körper- und Muskelverspannungen lindern und die Durchblutung von Bindegewebe und Muskulatur fördern. Gerade in der Kranken- und Altenpflege kommen diese Schaf-Felle zum Einsatz, da sie das Wundliegen reduzieren. Aber auch Babys werden gern auf das weiche Schaf-Fell gebettet – sei es im Kinderwagen oder im Gitterbettchen.

Johann Niederkofler, Josef Hechenberger, Johannes Fitsch und Martin Trenkwalder (v. l.).
- Thomas Boehm / TT

Johann Niederkofler, zweiter Gerber im Tiroler Schaf-Fell-Bund aus Brixen im Tale, hat sich neben der klassischen und der medizinischen Gerbung auf eine neue Variante spezialisiert. „Mediterrane Olivenblätter dienen als Basis für das vegetabile Gerben, das ich seit Kurzem anwende“, erklärt er. „Die Blätter sind normalerweise unbrauchbar und werden weggeschmissen.“ Mit der Herstellung des Extrakts aus den Blättern würde einerseits für Arbeitsplätze gesorgt und die Produktion wäre andererseits zu 100 % natürlich.

Die meisten Schafe sind inzwischen wieder zurück von ihrer Sommerfrische auf der Alm. Wölfe scheinen sie dabei jedoch keinem begegnet zu sein. „Die Tiroler Bauern sind sehr verunsichert und machen sich Sorgen um ihre Tiere“, sagte Hechenberger.

Ein Miteinander von Almwirtschaft und Wolf sehe die Kammer jedoch als unmöglich. „Wir möchten dafür kämpfen, dass der Schutzstatus des Wolfs gesenkt wird.“

Zurück zum Schaf-Fell: Erhältlich sind die tierischen Produkte ab einem Preis von 80 Euro.




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