Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 20.09.2018


Tirol

,,Geben für Leben“: Jeder könnte ein Zwilling sein

Der Vorarlberger Verein „Geben für Leben“ hat in 20 Jahren 86 Stammzellenspender für Menschen mit Leukämie und anderen Bluterkrankungen ausfindig gemacht. Alles begann mit einem persönlichen Schicksal.

(Symbolfoto)

© iStock(Symbolfoto)



Von Theresa Mair

Innsbruck – Vor 20 Jahren hing Doris Prieschings Leben an einem seidenen Faden. Als Mädchen war sie an Leukämie erkrankt, die Chemotherapie half, dann kam der Rückfall. Eine Stammzellenspende war ihre letzte Chance.

In der dramatischen Situation konnte und wollte ihre Tante Herlinde Marosch nicht die Hände in den Schoß legen und warten. Sie mobilisierte ihr Umfeld, ging an die Öffentlichkeit, um Leute zu erreichen, die als Spender in Frage kamen. Es fand sich tatsächlich eine Frau aus Wels, die Doris Prieschings Leben rettete. Heute ist sie Journalistin in Wien. Doch das war nur der Beginn der Geschichte, wie Andreas Wassner, Sprecher des Vorarlberger Vereins „Geben für Leben“, schildert.

Durch ihre Initiative kam Marosch in Kontakt mit anderen Hilfesuchenden. Aus Dankbarkeit, weil ihre Nichte überleben durfte, machte sie weiter. „Geben für Leben“ war geboren. 1999 gründete die Vorarlbergerin mit Dagmar Ganahl und Melitta Mair den Verein.

"Aus den neun Aktionen in Tirol gingen bereits vier Lebensretter hervor", so Andreas Wassner.
"Aus den neun Aktionen in Tirol gingen bereits vier Lebensretter hervor", so Andreas Wassner.
- geben für leben

Seine Aufgabe ist es, die rettenden „genetischen Zwillinge“ von schwerkranken Menschen ausfindig zu machen. Zur Erklärung: „Sechs genetische Marker, die so genannten HLA-Merkmale, des Empfängers und des potenziellen Spenders sollten perfekt übereinstimmen“, schildert Wassner. Um das herauszufinden, muss man sich typisieren lassen. Speichel, vorzugsweise aber ein wenig Blut (2,7 Milli­liter), reicht dafür aus. Die Proben werden im Labor ausgewertet und die Daten in ein internationales Register eingepflegt. Damit erklärt man sich grundsätzlich bereit, Stammzellen zu spenden, falls diese benötigt werden, Verpflichtung gibt es keine.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

„Geben für Leben“ organisiert Aktionen, bei denen sich Menschen im Alter von 17 bis 45 Jahren typisieren lassen können. Seit drei Jahren ist der Verein, dessen Kernteam sieben Personen in Vorarlberg und zwei in Niederösterreich stellen, österreichweit unterwegs. Die Wahrscheinlichkeit, den Zwilling außerhalb der Familie zu finden, liege nur bei 1:500.000. Je mehr Menschen sich typisieren lassen und als potenzielle Spender bereit erklären, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, einen passenden Spender zu finden. Immer wenn ein Hilferuf einlangt, dann packt „Geben für Leben“ zusammen und organisiert Typisierungsaktionen vor Ort. „Wir bringen das Material und die EDV mit. Am Ort selbst sind wir auf viele Freiwillige angewiesen, die bei der Bewerbung und dem Aufbau helfen. Außerdem suchen wir einen Arzt, der die Aufsicht übernimmt, und einen Blutabnehmer“, erklärt Wassner.

Der Verein ist auf Geldspenden angewiesen, eine einzige Typisierung kostet rund 50 Euro. Die lokalen Veranstalter lassen sich deshalb oft etwas einfallen, um Spenden aufzutreiben, z. B. Kuchen- und Getränkebuffets. „Oft spenden die Leute, die sich typisieren lassen, das Geld mit. Verlangen können wir das aber nicht. Die Leute spenden schon ihre Zeit und ihre Stammzellen. Wir können sie nicht auch noch zur Kasse bitten.“

Vergangenes Jahr musste sogar kurzfristig ein Typisierungsstop eingelegt werden, nachdem bis Oktober mit 20.000 Labortests schon Kosten von über einer Million Euro angefallen waren. Insgesamt hat „Geben für Leben“ bereits 57.616 Typisierungen durchgeführt und 86 Lebensretter gefunden. Den Großteil davon in den vergangenen drei Jahren, in denen die Qualität der Laboruntersuchung maximiert wurde. In Tirol gab es bis dato neun Typisierungsaktionen, an denen 5097 Menschen teilgenommen haben. „Aus diesen Aktionen gingen bereits vier Lebensretter hervor“, freut sich Wassner.

Veranstaltungen: Die nächste Typisierungsaktion von „Geben für Leben“ findet mit Unterstützung des Rotary Club am 20. 10. in der Trofana in Mils bei Imst statt.

Am 20. 11., 19 Uhr, lädt die Oesterreichische Nationalbank zu einem Benefizkonzert zugunsten von „Geben für Leben“ und der „Tiroler Hospiz-Gemeinschaft“, bei dem auch eine Tiroler Jacob-Stainer-Geige erklingen wird. Ort: Kurhaus Hall, Eintritt ab 20 Euro.