Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 10.10.2018


Fettleibigkeit

Adipositas: Eine Schutzdecke, die schadet

Adipositas ist eine Erkrankung, die im Tod enden kann. Dabei ist das große Übergewicht zumeist gar nicht selbst verschuldet. Experten klären am morgigen Adipositastag auf.

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© E+



Von Evelin Stark

Innsbruck – Nach einer Schätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO sind 23 Prozent aller Frauen und 20 Prozent der Männer in Europa adipös. Dies bedeutet, dass ihr Body-Mass-Index (BMI) bei über 30 liegt. Fettleibige Menschen tun sich schwer mit körperlicher Betätigung, haben mitunter schwere Begleiterkrankungen und leiden unter den schuldzuweisenden Blicken anderer.

Dabei deuten neueste Ergebnisse der Forschung darauf hin, dass die Selbstverschuldung bei Adipositas-Patienten nur eine von vielen Rollen spielen kann. Lebensstilfaktoren, Umweltveränderungen, hormonelle Störungen, Medikamente, genetische Ursachen und psychische Probleme sind dabei genauso Faktoren für den Krankheitsverlauf. Die „Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Bariatrische Chirurgie“ der Medizinischen Universität Innsbruck beschäftigt sich mit besonders schweren Fällen.

Bestehend aus einer Psychologin, einem Chirurgen, einem Internisten und einer Vertretung der Adipositas-Selbsthilfe Tirol begleitet die Gruppe Patienten von der Abklärung bis zur Nachsorge. Verpflichtend für alle Innsbrucker Patienten ist die Teilnahme an einer Informationsveranstaltung, die alle zwei Monate stattfindet. Rund 40 Interessierte nehmen an jedem der Termine teil.

„Es gibt die verschiedensten Lebensaspekte, deretwegen Menschen extrem viel essen müssen“, sagt Barbara Mangweth-Matzek, Psychologin an der Universitäts-Klinik für Psychiatrie und Mitglied der Arbeitsgruppe. Stresssituationen, Traumata und große Sorgen seien Auslöser. Dazu fehle vielen ihrer Patienten ein Sättigungsgefühl.

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„Für manche entwickelt sich die Fettschicht am Körper sogar zu einer Art Schutzdecke, hinter der sie sich verstecken. Das ist besonders bei denen so, die bereits in der Kindheit angefangen haben zuzunehmen“, so die Expertin. Die psychologische Abklärung und Behandlung seien deshalb ein wichtiger erster Schritt in der Behandlung von Adipositas-Patienten an der Innsbrucker Klinik. „Wir wollen sichergehen, dass die Patienten psychisch gestärkt sind, um Rückfälle zu vermeiden“, sagt die Psychologin. Erst dann gehe man den nächsten Schritt, nämlich den einer Magen-Operation.

Informations-Tagung

Anlässlich des Welt-Adipositas­tages gibt es für Patienten und Interessierte morgen von 9 bis 15 Uhr eine Informationsveranstaltung mit Ständen und Beratungen im Großen und Kleinen Hörsaal für Chirurgie.

„Wir nehmen in Innsbruck pro Jahr etwa 110 Magen-Operationen an AdipositasPatienten vor“, sagt Heinz Wykypiel, Leiter der Bariatrischen Chirurgie an der Universitäts-Klinik für Visceral-, Transplantations- und Thoraxchirurgie. Für eine Magen-OP kämen Patienten mit einem BMI von 35 oder höher in Frage. Hier helfe eine konservative Therapie – eine Diät – nicht mehr: „Es geht uns darum, den Betroffenen langfristig zu helfen. Bei einer konservativen Therapie liegt die Rückfallrate derzeit bei 95 Prozent“, so der Chirurg.

Den Weg einer OP zu umgehen, ist also fast unmöglich. Das weiß auch Herbert Tilg, Direktor der Universitäts-Klinik für Innere Medizin: „Seit Jahrzehnten wird in diesem Gebiet geforscht, aber bis jetzt konnte man noch keine andere Lösung finden.“

Das große Problem bei einer Adipositas-Erkrankung sei neben dem häufig auftretenden Diabetes, dass das Fettgewebe voller Entzündungszellen stecke, die sich wiederum an die Organe des Körpers machen: „Gefäßentzündungen, eine angegriffene Leber und auch Krebs können die Folgen sein“, so Tilg. Durch die Operation würden sich diese Krankheitsbilder wiederum in vielen Fällen verringern bzw. sogar verschwinden.

Dem stimmt auch Vera Dietl zu. Sie wurde selbst vor acht Jahren operiert und ist seither für die Adipositas-Selbsthilfe in Tirol tätig. „Wir sehen es als unsere Aufgabe, die Patienten vor und nach der OP zu begleiten“, sagt sie. Ein großes Problem für die Betroffenen sei, dass das Thema sehr schuld- und schambehaftet ist. „Dabei findet inzwischen ein Paradigmenwechsel statt. Die genetische Disposition und Umweltveränderungen spielen auch eine Rolle.“ Adipositas als Erkrankung anzuerkennen, sei deshalb einer der wichtigsten Schritte, um die Patienten auf ihrem Weg zu stärken.