Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 25.10.2018


Gesundheit

Familiäre Pflege: Von der Tochter zur Pflegerin

Der Großteil der pflegebedürftigen Tiroler wird von Angehörigen zuhause gepflegt. Ein kostenloses Schulungsangebot entlastet Laien mit praktischem Pflegewissen.

Erklärungen an der Tafel, praktische Hilfsmittel auf dem Tisch. Die Pflegeschulung erlaubt es den Trainern, auf alle Teilnehmer einzugehen.

© Tirol KlinikenErklärungen an der Tafel, praktische Hilfsmittel auf dem Tisch. Die Pflegeschulung erlaubt es den Trainern, auf alle Teilnehmer einzugehen.



Von Theresa Mair

Innsbruck – Rita G. steht auf, stellt sich frontal vor den Sessel ihrer Schwester, fasst sie unter den Armen und demonstriert, wie man jemandem nicht aus dem Stuhl helfen soll. „Da hat der Patient ja gar keinen Platz zum Aufstehen“, fügt sie erklärend hinzu. Besser sei es, man stelle sich seitlich hin und greife an die Schulter. Für die pflegebedürftige Person wäre dies viel angenehmer.

Das haben die beiden Schwestern bei der seit Mai angebotenen „Schulung Familiäre Pflege“ für pflegende Angehörige an der Innsbrucker Klinik gelernt. 80 Prozent der Pflegebedürftigen in Tirol werden von Angehörigen versorgt. Rita G. und Renate L. sind keine Ausnahme. Die Schwestern aus dem Innsbrucker Umland kümmern sich schon lange um ihren 88-jährigen Vater. Er hat Alzheimer.

„Die Hauptlast trägt aber unsere Mama. Es ist bewundernswert, wie sie das handelt.“ Die 88-Jährige hat selbst einen Herzschrittmacher, aber den Haushalt hält sie in Schuss, so gut es halt noch geht. Die Schwestern vereinbaren Termine, regeln Bankgeschäfte, fahren zu Ärzten, kaufen ein, erledigen die Wäsche, holen Medikamente in der Apotheke. Alles neben dem ganz normalen täglichen Wahnsinn mit Familie und Berufstätigkeit.

Dazu kommen die Pflege­aufgaben. Rita G. und Renate L. achten auf wunde Hautstellen, putzen dem Vater die Zähne – und den Intimbereich. Er ist inkontinent. „Für mich ist das kein Problem. Aber ich habe schon Freundinnen, die sagen: ,Das könnte ich nicht.‘ Vielleicht liegt es auch daran, dass sich der Papa nicht geniert. Auch in unserer Kindheit wurde schon entspannt mit Nacktheit umgegangen“, beschreibt Renate L. die Situation, ohne dass es ihr peinlich ist. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Krankheit des Vaters langsam fortschreitet und die Angehörigen lange Zeit hatten, sich mit der neuen Situation anzufreunden. Renate L. und Rita G. sind auch nicht alleine mit der Pflege. Miteinander wirken sie wie ein eingespieltes Team. Dennoch gibt es belastende Phasen.

An einem Tag, als sie mit ihrem Vater in der Notaufnahme der Innsbrucker Klinik waren, sind die Schwestern auf die Unterlagen zur „Schulung Familiäre Pflege“ gestoßen. Sofort haben sie sich für das zweiteilige Kursprogramm interessiert und im Mai beim allerersten Termin teilgenommen, wo sie praktische Tipps und Hilfestellung erhielten.

Etwa, dass man mit Reispulver aus der Apotheke wunde Stellen vermeiden kann. Sie lernten, wie man bei Bettlägrigkeit die Tuchent wechselt oder jemandem im Bett die Haare wäscht. „Nach der Schulung haben wir auch sämtliche Teppiche weggeräumt und einen Bettkantenalarm eingebaut“, schildert Renate L. Der Vater sei schon oft gestürzt, dem könne man mit diesen Maßnahmen vorbeugen.

Zwei Nachmittage, jeweils zweieinhalb Stunden lang, vermitteln eigens geschulte Pflegetrainer ihr Wissen und ihre Tricks an pflegende Angehörige. Die kleine Teilnehmerzahl von rund fünf bis zehn Personen ermöglicht es ihnen, auf individuelle Fragen und Bedürfnisse der Gruppe einzugehen. „Die Trainer waren total sympathisch und überhaupt nicht belehrend“, erinnern sich G. und L. gerne an die kurzweiligen Termine zurück. Grundlegende Infos zur Raumgestaltung, zu Körperpflege und Hygiene, Inkontinenz, Mobilisation und Sturzprävention werden weitergegeben, zählt die Ideengeberin des Projekts, Aloisia Angermair, die Inhalte auf.

Die stellvertretende Pflegedirektorin berichtet auch freudig, dass das Projekt, das zur Unterstützung für pflegende Angehörige an der Innsbrucker Klinik geboren wurde, mittlerweile ausgezeichnet worden ist. Die durchführenden Krankenhäuser in Innsbruck, Zams und Reutte sowie der Tiroler Gesundheitsfonds als Geldgeber erhielten den Integri-Preis 2018 für Innovationsprojekte im Gesundheitsbereich (die TT berichtete).

„Es ging uns darum, dass Angehörige bei einer plötzlichen oder schon länger bestehenden Pflegebedürftigkeit ein Angebot bekommen. Dass man sie dort abholt, wo sie gerade sind“, sagt Angermair. Mitte 2019 werde ein vorläufiger Projektbericht erstellt und sie hofft, dass die Schulung in den Regelbetrieb übernommen werden kann.

Familiäre Pflege

Es gibt noch freie Plätze für die kommenden zweiteiligen Schulungen für pflegende Angehörige an der Klinik Innsbruck, am BKH Reutte und am KH Zams. Die Teilnahme ist für Angehörige kostenlos.

Innsbruck: Teil 1: 7. Nov. und 21. Nov.; Teil 2: 14. Nov. und 28. Nov. jeweils von 16 bis 18.30 Uhr. Kontakt und Anmeldung: Tel.: 050504/22231 oder E-Mail: lki.pdion@tirol-kliniken.at

Zams: Teil 1: 8. Nov. und 6. Dez.; Teil 2: 15. Nov. und 12. Dez. jeweils von 16 bis 18.30 Uhr. Kontakt und Anmeldung: Tel.: 05442/600-6007 oder E-Mail: office@krankenhaus-zams.at

Reutte: Teil 1: 15. Nov., Teil 2: 20. Nov. jeweils von 18 bis 20.30 Uhr. Kontakt und Anmeldung: Tel.: 05672/601-454 oder E-Mail: pflegeberatung@bkh-reutte.at