Letztes Update am So, 18.11.2018 11:49

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Magazin

Nach der Grippewelle ist vor der Grippewelle

Jahr um Jahr müssen Tausende Menschen wegen einer Grippeerkrankung das Bett hüten. Was man von der letzten Grippewelle gelernt hat, was der aktuelle Impfstoff kann und welche Fragen in der Wissenschaft intensiv diskutiert werden, weiß der Experte.

(Symbolfoto)

© iStockphoto(Symbolfoto)



Von Sabine Strobl

Bald werden die Grippeviren wieder ausgiebig zirkulieren. Das Tückische daran: Man weiß nicht, in welcher Reihenfolge und Zusammensetzung sie auftreten und wie sehr sie sich vom Vorjahr unterscheiden. Da die aktuelle Impfung aber immer auf den Erfahrungen des Vorjahres basiert, ist bei ihrer Entwicklung immer Spekulation im Spiel. Besonders schwer einzuschätzen sind die Stämme der Influenzagruppe B.

„Man kann schwer vorhersagen, welche spezifischen Stämme von Influenza B in einem Jahr auftauchen. Bei der Influenzagruppe A handelte es sich in den vergangenen Jahren immer um dieselben Stämme, H3N2 und H1N1, wobei aber ihre Häufigkeit unterschiedlich war“, erklärt Günter Weiss, Direktor der Universitätsklinik für Innere Medizin II in Innsbruck.

Manchmal verändert sich ein Virus minimal, sodass das virologische Gedächtnis das Virus identifizieren und bekämpfen kann. Manchmal verändert sich ein Virus mehr und die Immunantwort funktioniert schlechter. Weiss: „Das Problem bei der Impfung ist, dass man sozusagen ein Jahr hinterherhinkt.“

Eine weitere Einschränkung erfährt die Impfung durch ihre altersabhängige Wirkung. „Bei Kindern haben wir 90 Prozent Impfschutz, bei älteren Menschen etwa 30 Prozent“, erläutert Weiss. Die gute Nachricht: Erkranken Personen trotz Impfung, so verläuft die Influenza weniger schwer.

Wer sollte sich also gegen Grippe impfen lassen? Der Experte empfiehlt die Impfung chronisch kranken Menschen und älteren Personen. Wichtig ist, dass sich auch Angehörige von schwer und chronisch kranken Menschen impfen lassen. Weiss: „Man versucht eine gewisse Herdenimmunität um diese Personen aufzubauen.“ Auch Menschen in medizinischen Berufen wird eine Impfung regelmäßig nahegelegt. Hier entscheide man sich dafür, sich selbst, die Familie und den Pflegling zu schützen.

Nicht zuletzt fragen immer wieder Eltern nach, ob sie ihr Kind gegen Grippe impfen lassen sollen. Kinder, die an einer chronischen Erkrankung wie Asthma leiden, rät Weiss, impfen zu lassen. Ansonsten gilt es das Für und Wider abzuwägen. So kann eine Influenza bei Kindern mitunter einen schweren Verlauf nehmen. Oder die Eltern können nicht in Kauf nehmen, dass ihr Kind zwei Wochen Pflege zu Hause braucht. „Man muss den Eltern das Gespräch über Risiken und Nutzen anbieten“, so der Expterte.

Von Dezember bis April werden die Grippeviren wieder weitergereicht. Grippe ist nach wie vor eine schwere Erkrankung. Wobei der Krankheitsbeginn meist plötzlich einsetzt mit Unwohlsein, mit Gelenk- und Muskelschmerzen sowie gelegentlich Husten. Schüttelfrost und hohes Fieber, auch bis 40 Grad, kommen dazu. Im Gegensatz dazu steigt das Thermometer bei einem grippalen Infekt etwa auf 37 bis 37,5 Grad, dieser Infekt wird von Schnupfen, Abgeschlagenheit, Hals- und Kopfschmerzen begleitet. Jährlich erkranken in Tirol etwa fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung an der ernstzunehmenden Influenza.

Die Grippeerkrankungen nehmen hierzulande kaum ab. „Um zu einem effektiven Schutz zu gelangen, müsste die Durchimpfrate 80 Prozent betragen, derzeit liegen wir bei zehn bis 15 Prozent. Für Personen, die ein höheres Risiko haben, an Grippe zu erkranken oder zu sterben, wäre eine höhere Durchimpfungsrate wichtig“, fasst Weiss zusammen. Es braucht also Bewegung in allen Bevölkerungsschichten.

Spannend ist auch die Entwicklung in der Wissenschaft. Wie Weiss ausführt, geht man derzeit intensiv den Fragen nach, „wie oft man im Leben Influenza bekommen kann oder, ob es eine dauerhafte Immunität gibt. Und man will auch wissen, wie oft man sich impfen lassen soll, jedes Jahr oder vielleicht jedes zweite Jahr?“ Obwohl es sich um eine häufige Erkrankung handelt, gibt es noch viele Unbekannte.

Stichwort...

... Krankheitserreger abwehren

Ein Schutz vor Viren und Co. ist das Händewaschen mehrmals am Tag. Sport in Maßen (nicht übertreiben) und eine ausgewogene Ernährung wappnen ebenfalls für den Winter. Der Verzicht aufs Rauchen schont die Schleimhäute im Rachen.

... Tausende Grippekranke

Jährlich erkranken in unseren Breiten während der kalten Jahreszeit fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung an Influenza. An der Klinik Inns­bruck werden pro Saison über 100 Menschen stationär infolge einer schweren Grippe aufgenommen.

... Grippewelle in den Ferien

Grippewellen treten von Dezember bis April auf. Möglicher Grund: Bei Kälte sind Menschen anfälliger dafür und sie rücken gerne zusammen. In den Tropen kommt Influenza ganzjährig vor, auf der Südhalbkugel in unseren Sommermonaten.

...

Gefährliche Tröpfchen

Wenn man niest, verbreiten sich die für die Infektion verantwortlichen Tröpfchen im Umkreis von ein bis zwei Metern. Die Erreger werden auch durch Reden, Händereichen und etwa Berühren von Türklinken weitergegeben.

... Influenza im Vergleich

Man geht davon aus, dass ein Influenza-Kranker drei bis fünf andere Menschen ansteckt. Bei Masern z. B. ist die Ansteckungshäufigkeit höher. Hier rechnet man damit, dass eine erkrankte Person 13 bis 20 andere Menschen ansteckt.