Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 22.11.2018


Gesundheit

COPD: Man muss sich Luft machen

COPD setzt sich unmerklich in der Lunge fest, bis man keine Luft mehr bekommt. Doch man kann die Krankheit stoppen. Wie das geht, erklärt Lungenfacharzt Christoph Puelacher.

© Inka



Von Theresa Mair

Innsbruck – Jeder Raucher sollte beim Kauf von Tabakprodukten einen Nachweis bringen, dass er einen jährlichen Lungenfunktionstest gemacht hat. Das würde sich Lungenfacharzt Christoph Puelacher wünschen. Nicht um Raucher zu diskriminieren, sondern als Beitrag zur Bewusstseinsbildung für COPD. Bei dieser chronisch obstruktiven Lungenerkrankung schlägt die Lunge erst ziemlich spät Alarm. „COPD manifestiert sich ab dem dritten Lebensjahrzehnt, merkbare Symptome treten ab dem vierten Lebensjahrzehnt auf“, sagt Puelacher, der in Telfs ordiniert und in Innsbruck die ambulante Reha leitet.

Das heißt: Wenn man die typischen COPD-Symptome – Auswurf, Husten, Atemnot – registriert, nimmt die Zerstörung der Lunge bereits längst ihren Lauf. „Der Goldstandard, um festzustellen, inwieweit die großen und kleinen Bronchien befallen sind, ist ein Lungenfunktionstest. Er zeigt bereits eine beginnende Schädigung an“, erklärt Pue­lacher. Ein Lungenröntgen zeigt zu diesem Zeitpunkt gar nichts.

COPD gilt als die Raucherkrankheit schlechthin. Doch auch Nichtraucher sind davor nicht gefeit. Insbesondere Menschen mit der Reflux-Krankheit haben ein Krankheitsrisiko. Denn im Schlaf atmen sie die aufstoßende Magensäure ein.

Zu den Betroffenen gehören auch Ex-Raucher, auf deren vorgeschädigten Lungen sich noch Jahrzehnte nach dem Rauchstopp ein Infekt festsetzen und COPD auslösen kann. Menschen, die (beruflich) vielen Luftschadstoffen ausgesetzt sind oder als Kinder häufig an Atemwegs­erkrankungen litten, haben ebenfalls ein erhöhtes Risiko.

Darauf weist die Österreichische Gesellschaft für Pneumologie anlässlich des Welt-COPD-Tags, der jährlich am 21. November begangen wird, hin. Die WHO geht davon aus, dass COPD ab 2030 weltweit die dritthäufigste Todesursache sein wird. 20 bis 40 Prozent der Österreicher können COPD entwickeln, die unbehandelt zu einem qualvollen Erstickungstod führen kann.

Puelacher vergleicht eine COPD-kranke Lunge mit einem Baum, der an zwei unterschiedlichen Krankheiten oder an beiden gleichzeitig leiden kann. Es fallen ihm zuerst vereinzelt, dann schleichend immer mehr Blätter ab, die er zum Atmen braucht, bis er fast alle Blätter los ist. Analog dazu stehen die Lungenbläschen, die absterben. Oder aber die Äste des Baumes werden dürr und brechen ab. Sie entsprechen den Bronchien.

Bei der ersten Form – dem Lungenemphysem – entsteht Atemnot, weil die Lunge die eingeatmete Luft nicht mehr komplett abatmen kann. Sie überbläht, weniger Frischluft kann zugeführt werden. Bei der zweiten Form kommt es zu einer chronischen Bronchitis. „Im Gegensatz zu Asthma ist bei COPD der Abbau von Lungengewebe unwiederbringlich“, sagt Puelacher.

Patienten, die im Zuge eines grippalen Infekts länger als zehn Tage husten bzw. deren Husten nach Abklingen des Infekts nicht aufhört, empfiehlt Puelacher, dringend einen Lungenfunktionstest einzufordern – auch wenn sie Nichtraucher sind. Dasselbe gilt bei Auswurf. „Auswurf kann bei COPD auch glasig sein. Wenn sich Auswurf verfärbt, läuten sowieso die Alarmglocken.“

Er macht aber auch Mut: COPD wird je nach Intensität der Einschränkung der Lungenfunktion in vier Stadien eingeteilt. „Bis zum dritten Stadium ist COPD stoppbar. Selbst mit einer Lungenfunktion von 50 Prozent kann man alt werden. Nicht in jedem Fall hat man eine Behinderung“, sagt er.

Allerdings gibt es dafür drei strenge Bedingungen. Erstens: Man darf sich nicht weiter dem Tabakrauch aussetzen. Zweitens: Die Medikamente – Inhalationssprays – müssen strikt nach Verordnung eingenommen werden und nicht nur „bei Bedarf“. Die Sprays erweitern die Bronchien. „Der Schleim, der die Atemwege verstopft, fließt leichter ab und es wird auch weniger gebildet.“

Drittens: Körperliches Training – auch wenn bereits Sauerstoff mittels Nasenbrille zugeführt wird – mit Atemmuskeltraining und Entblähungsübungen für die Lunge. Das mag alles recht einfach klingen. Allerdings dürfe man nicht vergessen, dass Lungenkranke oft viele Baustellen im Leben haben. „Das sind häufig sehr gutmütige Menschen, die schwer Nein sagen können. COPD-Patienten neigen auch zu depressiven Verstimmungen. Man muss die Antriebsschwäche mitbehandeln.“

So sei es auch ganz normal, dass man fünf bis sechs Anläufe braucht, bis man die Nikotinsucht überwunden hat. Mit ärztlicher Begleitung könne der Schlendrian überwunden werden. Gezielte Entblähung und medizinisches Training verhindere Atemnot-Schübe, und ein aktives Leben kann wieder aufgenommen werden. Somit habe jeder Patient, wenn er sein Verhalten ändert, eine „faire Chance“, auch mit der Krankheit ein gutes Leben zu führen.