Letztes Update am Di, 20.11.2018 15:12

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Kuckuckskinder: Eine ganz große Tragödie

Wie geht es einem Tiroler, der draufkommt, dass seine Tochter nicht seine leibliche ist? Was sagt die Juristin, die über dieses Thema promoviert hat, was der Mediziner, der Vaterschaftstests durchführt? Das Drama Kuckuckskind und warum sich vor allem die betroffenen Männer von allen betrogen fühlen.

© iStockIm Tierreich ist klar, dass da etwas nicht stimmen kann: Das Kuckucksei sticht durch seine Größe hervor.



Von Matthias Christler und Irene Rapp

Im Tierreich mutet die ganze Angelegenheit zum Lachen an: Da erheitert die Tatsache, dass ein Vogel einem anderen Eier ins Nest legt. Denn warum sollte er selbst alle damit verbundenen Mühen, von Nestbau bis Brutpflege, auf sich nehmen, wenn es auch leichter geht? Beim Menschen schaut die Sache schon anders aus: Ein Kuckuckskind – wenn der Vater eines Kindes nicht der Erzeuger ist – bedeutet für alle Beteiligten eine Katastrophe. Und für manche sogar einen Lebensbruch, der irreparabel ist.

„Ich habe alles für dieses Kind getan.“ Wenn F., ein Mann Anfang vierzig, guter Job, von den letzten Monaten seines Lebens erzählt, scheint es, als könne er nicht glauben, was ihm passiert ist. 1995 lernt er in Wien eine Frau kennen, ein paar Jahre später zieht das Paar nach Tirol. Im Sommer 2000 gibt es eine Krise, „doch wir haben uns wieder zusammengerauft“, erinnert sich F. Im Dezember verkündet die Frau, schwanger zu sein, Anfang 2001 wird geheiratet, Mitte 2001 kommt die Tochter zur Welt. Alles scheint in Ordnung zu sein, bis das Kind krank wird.

Es folgen Arztbesuche, Operationen, Therapien. Von „Impfschaden“ ist die Rede, eine eindeutige Diagnose gibt es nie. Das Kind ist inzwischen ein Jugendlicher, sitzt im Rollstuhl und benötigt Pflege.

Irgendwann einmal fängt es dann in F. zu nagen an. Ein Gefühl, dass da etwas nicht stimmig ist. Kerstin Aust weiß, wovon er spricht. Die in München tätige Juristin hat zu diesem Thema promoviert und das Buch „Das Kuckuckskind und seine drei Eltern“ veröffentlicht. „Kinder spüren, wenn ihnen nicht die Wahrheit gesagt wird“, ist eine ihrer Erfahrungen. Eine andere: So ein Vorfall bedeutet für alle Beteiligten „eine große Tragödie“.

Vaterschaftstest aus dem Netz

F. kommt nicht mehr zur Ruhe. Er bestellt einen Vaterschaftstest aus dem Internet, das Ergebnis reißt ihm den Boden unter den Füßen weg. „Ich habe mir nur gedacht, warum habe ich das gemacht.“ Denn er ist nicht Vater „seines“ Kindes. Und dann fängt der Albtraum richtig an.

Albträume dieser Art kennt Aust zur Genüge. Ihre Beschäftigung mit dem Thema hat sie bekannt gemacht, als Interviewpartnerin ist sie ebenso gefragt wie als Juristin, die von Betroffenen aufgesucht wird.

Keine Kuckuckskind-Facette ist ihr neu: Dass die Mütter Jahrzehnte schweigen – „da tauchen dann große Schuldgefühle auf“. Dass Kinder in eine schwere Identitätskrise stürzen – wenn sich der Papa als nicht biologischer herausstellt, der biologische jedoch nicht mehr greifbar ist – „weil er z. B. verstorben ist“. Und dass Männer zwar eine Ahnung haben – „der Beziehung wegen aber den Verdacht nicht thematisieren“.

F.s Leben wird seit Monaten von Gesprächen mit Juristen und dem Gang zu Gerichten bestimmt. Er wohnt wieder bei seiner Mutter. In der während der Ehe angeschafften Eigentumswohnung leben vorerst Frau und Kind. Das Mädchen hat er seit Monaten nicht mehr gesehen, weil die Mutter den Kontakt verbietet.

Wer der leibliche Vater ist, steht fest. Nur, zu welchen Bedingungen die Scheidung von F. und seiner Frau über die Bühne laufen wird, wie viel Geld er vom „richtigen“ Vater zurückerhalten wird, steht noch in den Sternen.

Das Thema Kuckuckskind kommt in den besten Familien vor. Wenn auch nicht so oft, wie manche Zahlen vermuten lassen würden. Sechs bis acht, sogar bis zu zehn Prozent aller Kinder sollen laut unterschiedlichsten Quellen Kuckuckskinder sein.

Richard Scheithauer, Direktor des Instituts für Gerichtliche Medizin an der Medizin-Universität Innsbruck, findet das aus mehreren Gründen problematisch.

„Den Begriff Kuckuckskind verwenden wir an unserem Institut nicht. Wer möchte schon so genannt werden? Und die angegebenen Prozentsätze halte ich für übertrieben. Wir arbeiten auch für Väter, die nach einer Trennung oder Scheidung Sicherheit haben wollen, ob das Kind von ihnen ist. Eines kann ich aber sagen: Diese Zweifel werden meistens ausgeräumt“, sagt der Gerichtsmediziner. Aust glaubt, einen Grund für die hohen Zahlen zu kennen: „Dabei könnte es sich um die Zahl der Vaterschaftstests handeln.“ Sie geht von rund einem Prozent Kuckuckskindern aus. „Aber auch das wären in Deutschland pro Jahr 7000 neugeborene Kinder, die einen anderen Vater haben als offiziell bekannt.“

Genug Betroffene, um sich in sozialen Medien auszutauschen. Und Forderungen in den Raum zu stellen – etwa einen gesetzlich vorgeschriebenen Vaterschaftstest bei der Geburt. „Davon halte ich nichts“, sagt jedoch Aust. Denn was hätte der Staat davon, Geld für etwas auszugeben, das nur ein Prozent der Bevölkerung betrifft?

Gewissheit vor der Geburt

Rein theoretisch wäre es inzwischen sogar möglich, die Vaterschaft schon vor der Geburt im Mutterleib zu bestimmen. Doch das werde in Europa nirgends durchgeführt, weiß Scheithauer: „Unter anderem, weil bei der Feststellung eines ,unerwünschten‘ Vaters ein Schwangerschaftsabbruch im Raum stehen könnte. Solche Anfragen zur Feststellung hatten wir aber schon.“

Auch abgesehen von dieser ethisch fragwürdigen Möglichkeit hat sich die Diagnose in gerichtsmedizinischen Labors enorm weiterentwickelt. Früher hätten etwa die Vaterschafts-Untersuchungen je nach Umfang bis zu 60.000 Schilling gekostet, so Scheithauer. Heute findet man im Internet Angebote für den Heim-Test mit Kosten um unter 200 Euro.„Bei diesen Tests aus dem Internet war die Fehlerquote früher katastrophal, heute ist sie schon geringer“, meint der Gerichtsmediziner.

Die größte Gefahr, wenn man zu Hause einen Mundhöhlenabstrich vornimmt, sei jedoch, eine verunreinigte Probe abzugeben, ein falsches Ergebnis zu erhalten und dadurch erst recht verunsichert zu werden.

Leugnen bringt nichts

Sich doch noch irgendwie aus der Affäre zu ziehen, sei heutzutage aber nicht mehr möglich. „Männer, die nichts mit der Vaterschaft zu tun haben wollten, haben früher gehofft, dass sie mit Leugnen ,rauskommen‘. Mit den heutigen DNA-Untersuchungen ist den meis­ten klar, dass es am Schluss keine Zweifel mehr gibt. Es kommt auch vor, dass Väter mit Kindern zu uns kommen, die ihnen – wie man sagt – aus dem Gesicht geschnitten sind. Das ersetzt aber natürlich nicht die Untersuchung“, sagt Scheithauer.

Einen anderen Grund, der gegen Tests aus dem Internet spricht, wirft Andreas Stutter, Vizepräsident des Landesgerichts in Inns- bruck, ins Rennen: „Ein Vaterschaftstest aus dem Internet ist vor Gericht nicht ausreichend.“

Zwischen alle Mühlen geraten fühlt sich der Tiroler F. „Das Gesetz nimmt auf das Opfer keine Rücksicht“. So müsse er etwa noch Unterhalt zahlen für eine Frau, die ihm eine große Lüge aufgetischt habe. Doch die rechtlichen Grundlagen sind, so sehr sie im Fall von F. ungerecht erscheinen, klar. Er ist noch verheiratet. Auch wenn „ich nie geheiratet hätte, hätte ich gewusst, dass ich nicht der Vater bin“.

Sobald im rechtlichen Sinn feststeht, dass ein Vater nicht der biologische Vater ist – vor Gericht „Scheinvater“ genannt – bzw. wer der wahre Vater ist, ist die weitere Vorgangsweise jedoch klar. „Ab diesem Zeitpunkt hat der ,Scheinvater‘ drei Jahre Zeit, Regress vom leiblichen Vater zu fordern samt Zinsen, wobei dessen Einkommensverhältnisse mitberücksichtigt werden“, sagt Stutter. Ob vom wahren Vater Geld zu holen ist, ist eine andere Geschichte.

F.s Geschichte jedenfalls ist noch nicht zu Ende, sie ist inzwischen um ein neues Kapitel reicher. Der Mann ist krank geworden, „psychisch bedingt“, wie ihm die Ärzte mitgeteilt hätten.

Richard Scheithauer.
- Foto TT / Rudy De Moor

Vaterschaftstest

Richard Scheithauer (r.), Direktor des Instituts für Gerichtliche Medizin, Med-Uni Innsbruck, erklärt den Ablauf der Untersuchung.

1. Ein Mundhöhlenabstrich erfolgt, entweder am Institut für Gerichtliche Medizin, bei einem Arzt der Wahl oder beim Amtsarzt.

2. Im Labor wird die DNA aus den Schleimhautzellen gelöst und es werden winzigste DNA-Bruchstücke millionenfach vermehrt, die die Eigenschaften der Person tragen. Nach der Auswertung besteht das Analysen-Ergebnis aus einer Zahlenreihe.

3. Die Zahlenreihe des Kindes besteht aus den Eigenschaften, die es von Mutter und Vater ererbt hat. Ein vereinfachtes Beispiel: Das Kind hat die Eigenschaften 10 und 25, die Mutter 10 und 27. Das Kind hat die Eigenschaft 10 somit von der Mutter ererbt. Der wahre Vater muss die andere Eigenschaft, also 25 tragen (und eine beliebige andere), sonst ist er von der Vaterschaft ausgeschlossen.

4. Um eine Vaterschaftswahrscheinlichkeit von 99,9999 Prozent zu erreichen, werden mindestens 17 Eigenschaften untersucht, bei Bedarf mehr. 100 Prozent sind aus biologischen Gründen nicht möglich. Hat der Mann die Eigenschaften nicht, so ist er ausgeschlossen.

Bekannte Beispiele

US-Star-Regisseur Woody Allen hat einen Sohn, der vielleicht nicht sein leiblicher ist. Jahre nach der Trennung meldete sich Ex-Lebensgefährtin Mia Farrow zu Wort: Sohn Ronan könne vom 1998 verstorbenen Sänger Frank Sinatra sein.

1986 wurde der österreichische Popstar Falco Vater, 1993 ergab ein Test, dass Katharina nicht seine leibliche Tochter ist. Die Ehe mit Isabella Vitkovic hatte nur ein Jahr gehalten. Katharina zweifelt den Vaterschaftstest immer noch an.

Woody Allen.
- Reuters
Falco.
- APA