Letztes Update am Do, 22.11.2018 06:23

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Die Kultur des Alterns: Immer den Humor bewahren

Das Altern mag seine Tücken haben, es kann aber auch Freude machen, wenn man es kreativ angeht, so der Wiener Altersforscher Franz Kolland. Der TT erklärt er, warum.

© iStockLachen und die Freude am Leben sind wichtig für ältere Menschen, auch wenn nicht immer alles leicht ist.



Herr Kolland, Sie haben bereits in jungen Jahren damit begonnen, sich mit dem Altern zu beschäftigen. Selbst in Ihrer Dissertation ging es um „Kulturstile älterer Menschen“. Wie kam es dazu?

Franz Kolland: Das war zunächst ein Zufall. Ich habe während meines Studiums nach einem Lehrer gesucht, von dem ich lernen kann. Der Professor, bei dem ich gelandet bin, war sehr anerkannt auf diesem Gebiet.

Die Kultur des Alterns ist seitdem Ihr Herzthema. Was ist damit gemeint?

Kolland: Meine Definition von Kultur ist eine doppelte. Einerseits ist die Kultur ein Element des Menschlichen und des Älterwerdens. Wir sind genetisch nicht festgelegt und haben somit Möglichkeiten, unser Leben zu gestalten, es also kulturell auszufüllen. Das Leben geht nämlich ohne Kultur gar nicht.

Inwiefern?

Kolland: Jede Auseinandersetzung mit dem Alter ist eine Form kulturellen Handelns. Das reicht in alle Bereiche des Lebens, auch in den Alltag hinein. Es ist aber so, dass die Lebenserfahrung allein nicht ausreicht, um das Alter schön zu gestalten. Die Lebenserfahrung sollte lediglich als unsere Basis dienen, aber die Neugierde kennt keine Altersgrenze. Sie hilft uns dabei, Dinge immer wieder anders zu sehen.

Wie kann das aussehen?

Zur Person

Franz Kolland ist Professor für Soziologie und Gerontologie an der Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der quantitativen Soziologie und der sozialen Gerontologie mit dem Fokus auf Bildungs- und Kulturforschung im Alter, Gesundheit, ältere Arbeitnehmer und neue Technologien.

Vortrag: Am letzten Wochenende war Kolland mit seinem Vortrag „Die Kultur des Alterns“ bei der Enquete des Landes Tirol (Abteilung Gesellschaft und Arbeit, Fachbereich SeniorInnen) eingeladen.

Kolland: Der wesentliche Punkt, auf den ich immer hinkomme, ist: Das Altern kann nur gelebt werden, wenn Sinn gefunden wird. Ich rate älteren Menschen bei allem, was sie tun, zu überlegen, ob es dabei einen Bezug zu ihnen selbst gibt – in ihrer Biografie oder ihren Träumen. Wenn es diese Anknüpfungspunkte nicht gibt, dann sind diese Aktivitäten nicht zufriedenstellend. Ich habe viele Menschen getroffen, die sehr aktiv, aber nicht zufrieden sind.

Und wie lautet Ihr zweiter Kulturbegriff?

Kolland: Der zweite und engere Begriff der Kultur umfasst die Kunst und die Kreativität. Menschen, die kreativ sind und die versuchen, sich künstlerisch zu betätigen, spüren eine Befriedigung, weil sie sich dadurch ausdrücken und etwas schaffen. Das kann außer Haus der Besuch des Gottesdienstes oder eines Museums sein. Das kann aber auch daheim stattfinden und etwas Handwerkliches sein, vielleicht die Restauration von Möbeln, eine Bastelei oder Musik.

Warum Musik?

Kolland: Das Singen im Speziellen ist eine ganz wesentliche Tätigkeit. Es gibt inzwischen viele internationale Studien dazu, welch große Bedeutung das Singen im Alter hat. Wenn diese Tätigkeit geübt wird, ist das außerdem eine große Unterstützung und Hilfe, sollte man einmal dement werden. Das Singen geht nämlich sehr spät verloren und es bringt die Menschen in eine gute Gefühlslage hinein.

Wie sieht es mit Partnerschaften aus im Alter: Wenn man in der Pension plötzlich viel Zeit miteinander verbringt, steigt da das Konfliktpotenzial?

Kolland: Die Scheidungsrate bei den lang andauernden Ehen ist seit einigen Jahren deutlich zunehmend. Man weiß ja schließlich, dass man noch mindestens 20 Jahre leben wird und vor diesem Hintergrund beginnt man dann doch, die Partnerschaft zu bilanzieren.

Das ist besonders unter den Baby-Boomern so. Es kommt stärker in den Vordergrund, dass Kommunikation etwas Wichtiges ist, dass Dinge ausgesprochen werden, dass Interessen aufeinander abgestimmt werden müssen. Und wenn da eine größere Inkompatibilität gegeben ist, und das zeigt sich oftmals erst in der Pension, dann gibt es Konflikte.

Wie kann man dennoch dafür sorgen, dass man das Altern genießt?

Kolland: Ganz wichtig ist es, den Humor zu bewahren und sich selbst pardonieren zu können, wenn etwas nicht so funktioniert, wie man es gern hätte. Gelassenheit ist hier ein wichtiges Stichwort.

Zu Ihrer eigenen Pension ist es nicht mehr lange hin. Wie planen Sie Ihr Altern?

Kolland: Menschen wie mir passieren glücklicherweise oft Dinge, die genau in die Richtung gehen, die ich mir wünsche. Die Pensionierung ist ja kein optimaler Aspekt beim Altern, denn das Arbeiten tut dem Menschen, auch dem alten, gut. Ich werde deshalb bereits im September eine neue Tätigkeit antreten, und zwar werde ich an der Karl Landsteiner Universität in Krems einen Fachbereich Gerontologie aufbauen, was erfreulich ist, denn so etwas gibt es in Österreich noch nicht. Dem werde ich mich nach meiner Pensionierung Ende nächsten Jahres widmen.

Was ich aber schon vor 15 Jahren gemacht habe, ist, mir eine Wohnung zu nehmen, die barrierefrei ist. Man weiß nämlich nie, wann man so etwas brauchen wird.

Das Interview führte Evelin Stark