Letztes Update am So, 25.11.2018 06:53

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Schielen ist weit mehr als nur ein Schönheitsfehler

Mehr als die Hälfte der betroffenen Kinder schielt bereits vor dem zweiten Lebensjahr. Bis zu diesem Zeitpunkt können Abweichungen von der Norm meist noch korrigiert werden. Eine Expertin der „Sehschule“ klärt auf.

Etwa 70 Prozent der betroffenen Kinder schielen bereits vor dem zweiten Lebensjahr.

© iStockEtwa 70 Prozent der betroffenen Kinder schielen bereits vor dem zweiten Lebensjahr.



Schon unmittelbar nach der Geburt erkunden Babys mit ihren Augen die Welt. Aber sie müssen alles erst üben – auch das Sehen: Zunächst nehmen sie ihre Umgebung nur undeutlich wahr. Erst im Laufe der ersten Lebenswochen entwickeln sie nach und nach die Fähigkeit, die Bewegung der beiden Augen zu koordinieren und dabei in eine Richtung zu lenken.

Ob ein Kind ein Leben lang gut oder schlecht sehen wird, entscheidet sich genau in dieser Phase. Viele Sehstörungen und Augenfehler lassen sich korrigieren, wenn sie frühzeitig erkannt werden. Das gilt insbesondere für das Schielen. Keine andere Augenerkrankung führt so häufig schon in der Kindheit zu einer verminderten Sehleistung.

Der Blick in zwei Richtungen

Normalerweise werden die Bilder beider Augen vom Gehirn zu einem Bild zusammengefügt. „Beim Schielen, auch Strabismus genannt, schauen beide Augen nicht in die gleiche Richtung. Hier erhält das Gehirn zwei so unterschiedliche Bilder, dass es diese nicht mehr zu einem Bild vereinen kann“, sagt Diana Putz, Oberärztin der „Sehschule“ an der Innsbrucker Universitäts-Klinik. Dadurch werden Doppelbilder wahrgenommen.

Das Gehirn versuche dann, die­se störenden Seheindrücke zu ignorieren und schaltet das Bild des schielenden Auges aus. Dies hat jedoch zur Folge, dass sich die Sehfunktion des betroffenen Auges nicht weiter ausbildet und es ohne die entsprechende Behandlung zu einer dauerhaften Schwachsichtigkeit, in der Fachsprache Amblyopie genannt, kommen kann.

Frühzeitig ist die Devise

Wird so eine Störung hingegen rechtzeitig erkannt und behandelt, stehen die Chancen überaus günstig: In den meisten Fällen wird dadurch die Schwachsichtigkeit vermieden, verbessert oder sogar geheilt. Rechtzeitig heißt in diesem Fall frühzeitig, und zwar früher, als man noch vor einigen Jahren geglaubt hat: „Alle Babys, bei denen der Verdacht auf Schielen besteht, oder in deren Familien Schielen vorkommt, sollten so früh wie möglich vom Augenarzt untersucht werden“, sagt Putz.

Die im Mutter-Kind-Pass vorgeschriebene Augenuntersuchung vom Kinderarzt, die zwischen dem zehnten und 14. Lebensmonat stattfindet, würde hier nicht ausreichen. Die unterschiedlichen Formen des Schielens werden durch die Stellung der Augen bestimmt.

„Es gibt Innenschielen, Außenschielen und Höhenschielen“, so Putz. Besondere Aufmerksamkeit gelte außerdem dem Mikrostrabismus, einer sehr gering ausgeprägten Form des Schielens, die kaum erkennbar ist, aber dennoch das Risiko für eine Schwachsichtigkeit erhöht. „Da diese Form mit dem bloßen Augen so gut wie gar nicht gesehen werden kann, kommen die Kinder oft erst spät in Behandlung“, erklärt die Expertin.

„Die Eltern müssen verstehen, dass das Schielen kein Schönheitsfehler, sondern eine Erkrankung ist, die man behandeln muss“, betont die Augenärztin. Das Allerwichtigste sei hierbei, dass die Sehkraft des schielenden Auges unterstützt wird.

Ursachen und Therapie

Im Fall des Falles hängt die Therapie von den Hintergründen des Strabismus ab. Diese seien unterschiedlich: „Schielen tritt häufig ohne erkennbare Ursache auf. Es kann innerhalb der Familie vererbt sein, aber auch von einer problematischen Schwangerschaft oder Geburt kommen“, erklärt Putz. Es könne aber auch organische Hintergründe haben, wenn etwa die Linse getrübt ist. Oder es könne auch als Folge von Infektionskrankheiten auftreten. In den meisten Fällen seien die Kinder allgemein gesund.

Oft liegt dem so genannten Einwärtsschielen eine nicht korrigierte Fehlsichtigkeit zugrunde. „In solchen Fällen kann dem Kind dann eine Brille helfen“, erklärt die Ärztin. Um eine Sehschwäche zu verhindern oder zu beseitigen, komme wiederum oftmals eine so genannte Okklusionsbehandlung zum Zuge: „Dabei wird nach Anweisung des Augenarztes in einem bestimmten Rhythmus das nicht-schielende Auge mit einem Pflaster abgeklebt“, so Putz. Damit werde das Gehirn dazu gezwungen, das schwache Auge zu nutzen und zu trainieren.

„Bei großen Schielwinkeln kann zur Verbesserung des beid­äugigen Sehens eine Schieloperation notwendig sein. Bei der OP wird die Fehlstellung der Augen durch Verkürzen oder Verlagern der äußeren Augenmuskeln verbessert.“ Um zu einer sorgfältigen Diagnose und Therapie zu gelangen, brauche es vor allem eine gute Zusammenarbeit zwischen den speziell dafür ausgebildeten Orthoptistinnen und dem Augenarzt, wie sie unter anderem in der Innsbrucker „Sehschule“ praktiziert wird. Nur so könne den Kindern eine Zukunft mit klarer Sicht geschenkt werden. (Evelin Stark)

Zahlen rund ums Schielen

4 Monate dauert es ab der Geburt, bis sich bei einem Baby ein bleibendes Schielen einstellen kann.

Rund 7% der Kinder in Mitteleuropa leiden an einem behandlungsbedürftigen Strabismus.

20% hoch ist die Chance, dass ein Kind schielt, wenn ein Geschwister schielt.

50% hoch ist die Chance, dass ein Kind schielt, wenn beide Elternteile schielen.