Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 06.12.2018


Gesundheit

Homöopathie: Die Kraft der Verdünnung

Für die einen sind Globuli kleine Zuckerkügelchen, für andere ist Homöopathie eine Heilmethode. Ihre Wirksamkeit wird immer wieder auf den Prüfstand gestellt.

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Von Evelin Stark

Innsbruck – Besonders bei leichten Beschwerden vertrauen viele Menschen auf Homöopathie. Die im 19. Jahrhundert entwickelte Methode beruht auf der Regel: „Ähnliches soll durch Ähnliches geheilt werden.“ Demnach soll die Grundsubstanz homöopathischer Mittel in unverdünnter Form an Gesunden ähnliche Symptome hervorrufen können wie die, an denen der Kranke leidet. Ist sie verdünnt, regt sie die körpereigenen Abwehrkräfte an und unterstützt auf diese Weise den Organismus bei der Heilung.

Ob Globuli und Co. tatsächlich heilen, wird von vielen Seiten angezweifelt. So etwa von der Wiener Patientenanwältin Sigrid Pilz, die sich vor wenigen Tagen erst für ein Verkaufsverbot von homöopathischen Mitteln in Apotheken ausgesprochen hat: „Die Europäische Akademie der Wissenschaften formuliert zu Recht, dass nicht wirksame Arzneimittel nicht in den Verkauf gelangen dürfen“, erläutert Pilz. Fast zeitgleich war in den Medien bekannt geworden, dass die Medizinische Universität Wien das Wahlfach Homöopathie mitten im laufenden Studienjahr aus dem Vorlesungsplan gestrichen hatte.

Was hat es also auf sich mit der meinungsspaltenden Homöopathie? Dass die süßen Kügelchen in hohen Potenzen (Verdünnungsstufen) verabreicht werden und in ihnen von der Urtinktur nicht mehr viel bis nichts übrig ist, ist das Hauptargument vieler Skeptiker ihrer Wirksamkeit. „Die Mittel sind so stark verdünnt, dass es nicht möglich ist, sie zu analysieren. Somit können auch keine Studien darüber gemacht werden“, erklärt Günther Bonn, wissenschaftlicher Direktor des österreichischen Zentrums zur Erforschung und Identifizierung von pflanzlichen Naturstoffen in Innsbruck. „Trotzdem kann Homöopathie wirken, auch wenn ich sie nicht analysieren kann. Seelische und psychische Elemente spielen eine große Rolle, so auch die Beobachtung“, so Bonn.

Genau in dieser Herangehensweise liegt für den Innsbrucker Med-Uni-Rektor Wolfgang Fleischhacker die Krux: „Es gibt keinerlei wissenschaftliche Evidenz dafür, dass Homöopathie einen Beitrag zur Genesung leisten kann.“ Im Gegenteil: Homöopathie sei vergleichbar mit Placebo. „Viele Wissenschafter sehen es kritisch, dass es von der Ärztekammer ein eigenes Homöopathie-Diplom gibt“, so Fleischhacker.

Ein solches Diplom hat Klaus Trenkwalder, Allgemeinmediziner in Telfs. „Wenn Patienten rezeptfreie Medikamente eigenverantwortlich aus der Apotheke beziehen können – Medikamente, bei denen teils schwere Nebenwirkungen bewiesen sind, wie Aspirin oder Paracetamol –, dann sollte man ihnen homöopathische Arzneimittel nicht vorenthalten“, sagt er. Homöopathie könne zudem sehr oft schulmedizinische Medikamente einsparen: „Bei klassischen akuten Erkrankungen wie Erkältungskrankheiten komme ich in meiner Praxis zu über 90 Prozent ohne chemische Behandlung aus.“

Volker Neubauer, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Homöopathische Medizin (ÖGHM) in Wien, denkt noch einen Schritt weiter: „Die Homöopathie sollte als komplementäre Methode zu einem zusätzlichen Werkzeug für alle Ärzte werden.“

Das in Österreich vorhandene hohe Gut der Therapie- und Wahlfreiheit könne so Ärzten und Patienten dienen. Umso wichtiger sei es, homöopathische Arzneimittel weiterhin in der Apotheke anzubieten, ist sich auch Bonn sicher: „Die Apotheke hat die wichtige Funktion, Qualitätskontrolle durchzuführen.“ Gleichzeitig könnten Pharmazeuten bei der Entscheidung für das richtige Mittel helfen – homöopathisch oder nicht.