Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 23.12.2018


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„Manche rufen später an, um sich zu bedanken“

Einsamkeit, Beziehungsprobleme, psychische Krankheiten: Seit 40 Jahren bietet die Telefonseelsorge in Tirol Unterstützung an, seit 30 Jahren wird die Einrichtung von Astrid Höpperger geleitet.

Astrid Höpperger leitet die Telefonseelsorge in Tirol.

© Foto TT / Rudy De MoorAstrid Höpperger leitet die Telefonseelsorge in Tirol.



Text: Silvana Resch

Unterstützung in Krisensituationen oder einfach nur jemanden zum Zuhören: Astrid Höpperger hat schon viele Anrufer in schwierigen Zeiten begleitet. Mit der TT sprach die Psychotherapeutin über das richtige Zuhören, Weihnachten und Happy Ends.

Weihnachten ist bei Ihnen Hochsaison. Wie bereiten Sie sich vor?

Astrid Höpperger: Es stimmt, rund um Weihnachten ist mehr los. Weihnachten und Silvester sind eine Zeit, wo die Leute Bilanz ziehen. Da beginnt­ man, über das Leben nachzudenken, über die Vergangenheit und die Zukunft. Das sind Lebensfragen, die tiefer gehen als im Rest vom Jahr.

Was bedeutet das für Ihren Job?

Höpperger: Entscheidend ist, zu schauen, was der Anrufende in diesem Moment braucht. Will sich jemand entlasten, braucht jemand Ermutigung oder Trost? Es geht in ers­ter Linie ums Zuhören und gar nicht so um das Lösen von Problemen. Wichtig ist, dass es einen Menschen gibt, dem man mitteilen kann, wie es einem geht, ohne dass der sagt „du sollst" oder „du musst". Dass jemand Anteil nimmt, und nicht gleich mit Tipps oder Lösungsvorschlägen kommt.

Wie hört man denn richtig zu?

Höpperger: Es ist wichtig nicht nur darauf zu achten was gesagt wird, sondern wie es gesagt wird. Was könnten da für Gefühle dahinterstecken? Und das dann anzusprechen. Zwischen den Zeilen zu hören, ist ganz wichtig.

Haben sich die Themen in den letzten 30 Jahren verändert?

Höpperger: Es kreist in gewisser Weise immer um die drei große Themen: Einsamkeit oder soziale Isolation, Beziehungsthemen, sowohl in der Partnerschaft als auch in der Familie. Das Dritte sind psychische Erkrankungen. Die Themenbereiche bleiben gleich, schauen aber anders aus. Es gibt zum Beispiel mehr Scheidungen als vor 30 Jahren. Und wenn man eine psychische Erkrankung hat, zum Beispiel eine leichte Depression oder ein Alkoholproblem, war es früher eher möglich, von seinen Kollegen kurz mitgetragen zu werden. Heute ist der Druck, dass man funktionieren muss, viel höher. Mir kommt vor, man kann heute viel leichter aus dem System fallen.

In Tirol arbeiten 83 Ehrenamtliche bei der Telefonseelsorge. Wie viel kann man lernen, was muss man mitbringen?

Höpperger: Man muss schon Einfühlungsvermögen mitbringen, Interesse, ohne neugierig zu sein. Man muss sich auch abgrenzen können, denn es ist nicht so, dass alle Anrufenden immer nur nett, freundlich und dankbar sind. Und es ist wichtig, dass man selber in einer stabilen Lebenssituation ist, weil man muss schon was aushalten können. Eine gute Grundstimmung zu haben, ist sehr hilfreich. Und Humor schadet auch nicht.

Sie selbst sind seit 30 Jahren dabei. Was hat Sie so lang gehalten?

Höpperger: Als Leiterin ist es sehr spannend und vielfältig: von Öffentlichkeitsarbeit über Mitarbeitergespräche bis zu Fortbildungen, die ich organisiere. In den 30 Jahren hat es auch Mitarbeiterwechsel gegeben, da gibt es sehr interessante Begegnungen. Und auch am Telefon, die Gespräche sind sehr spannend. Es ist eine Tätigkeit, die Sinn macht.

Sind die Gespräche nicht auch belastend?

Höpperger: Jein. Es ist schön, wenn man das Gefühl hat, dass man jemanden unterstützen oder entlasten kann, wenn er gerade in einer schwierigen Lebenssituation steckt. Schwieriger ist es, wenn man in der Situation ist, dass man sich selbst helfen lassen muss. Es ist auch interessant, Einblick in Lebenswelten zu bekommen, in die man sonst keinen Einblick hätte.

Sie sind Psychotherapeutin und Theologin. Was hilft Ihnen mehr?

Höpperger: Psychologie hilft, die Dinge zu verstehen. Was den Glauben anbelangt: Es ist hilfreich, so etwas wie Gottvertrauen zu haben, nicht zu glauben, alles ist lösbar, alles ist machbar. Das Gefühl zu haben, es gibt noch etwas, das über mich hinausgeht, das mich trägt, auch wenn der- oder dasjenige nicht verhindert, dass schlimme Sachen passieren.

Wie wirkt sich Ihr Job auf das Privatleben aus?

Höpperger: Meine Kinder sagen manchmal „Mama, jetzt hast du nicht wirklich zugehört" (lacht). Sie necken mich natürlich, aber im Privatleben nehme ich es manchmal nicht ganz so genau. Wobei auch die Mitarbeiter sagen, dass sie privat aufmerksamer zuhören.

Hören Sie auch von Menschen, wenn es ihnen wieder besser geht?

Höpperger: Gerade zu Weihnachten rufen manche an, um sich zu bedanken. Es gibt Happy Ends.