Letztes Update am Fr, 28.12.2018 08:57

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Gesundheit

Kleine Trödler im Bauch: 40 Prozent der Babys verschlafen den Geburtstermin

40 Prozent der Babys lassen sich mehr Zeit, um auf die Welt zu kommen. Angela Ramoni von der Geburtenstation der Innsbrucker Klinik erklärt, wann es höchste Zeit ist.

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Von Theresa Mair

Die meisten Babys haben es nicht so mit dem perfekten Timing. Sie sind hungrig, wenn man selber gerade schlafen möchte und sie füllen die Windel oft gleich nachdem man sie gerade frisch gewickelt hat. Sie schaffen es, jeden Zeitplan durcheinanderzuwirbeln und das fängt schon bei der Geburt an.

Nur fünf Prozent der Babys kommen wirklich am errechneten Geburtstermin in der 40. Schwangerschaftswoche zur Welt. Ungefähr die Hälfte der Neugeborenen hält es gar nicht so lang im Bauch aus und wird zwischen der 37. Woche und dem Termin geboren. Sie sind dann schon reif für die Welt und keine Frühgeborenen mehr. 40 Prozent der Babys überhören den Wecker und lassen sich Zeit, wie Angela Ramoni, Leiterin der Abteilung der Geburtshilfe an der Innsbrucker Uniklinik nach einem Blick ins österreichische Geburtenregister, das in Innsbruck geführt wird, sagen kann. Doch wozu braucht es dann noch einen Termin, wenn sich der Hauptdarsteller ohnehin nicht daran hält?

„Eine Schwangerschaft dauert ab dem ersten Tag der letzten Regel genau 280 Tage. Der Geburtstermin, den man berechnet, ist wichtig, um abschätzen zu können, ob das Kind richtig wächst“, sagt Ramoni. Häufig werde der errechnete Geburtstermin innerhalb der ersten drei Monate im Rahmen der Ultraschalluntersuchung der Scheitel-Steiß-Länge korrigiert. „Manche Frauen wissen nicht mehr ganz genau, wann die letzte Regel begonnen hat, manchmal kommt es bei der Einnistung noch zu einer kleinen Blutung. Das ist oft schwer festzulegen.“ Gerade die Buben ließen sich aber schon von vornherein gerne länger Zeit mit der Geburt. Bei stark übergewichtigen Frauen, Erstgebärenden und bei schon etwas älteren Schwangeren dauert es tendenziell auch länger, bis es losgeht.

Es drängt die Zeit

Wenn sich das Kind noch bis zu einer Woche Zeit lässt, drücken die Ärzte meistens ein Auge zu. Ausnahme: Leidet die Mutter unter Schwangerschaftsdiabetes, kann das Baby bei schlechten Blutzuckerwerten zu stark wachsen. „Das ist gefährlich und kann auch den kindlichen Herzmuskel verändern. Deswegen wird die Geburt spätes­tens am berechneten Termin eingeleitet oder ein Kaiserschnitt gemacht. Das vereinbart man mit der Mutter“, erklärt die Oberärztin.

Bei allen anderen Schwangeren werden die Untersuchungen intensiviert. Alle zwei Tage kontrollierten die Mediziner, ob das Fruchtwasser abnimmt, die Blutversorgung des Kindes gewährleistet ist und – mit dem Wehenschreiber (CTG) – ob die Herztöne des Kindes normal sind. „Alle Parameter müssen passen. Denn das Kind wächst weiter, der Mutterkuchen aber nicht mehr. Wenn diese Relation nicht mehr stimmt, wird es kritisch für das Kind und es toleriert die verminderte Sauerstoffversorgung während der Wehen nicht mehr.“ Nach sieben Tagen empfehle man der Mutter, die Geburt einzuleiten, nach zehn Tagen führe fast kein Weg mehr daran vorbei. „Ab diesem Zeitpunkt kann man nichts mehr gewinnen, sondern nur noch verlieren, wenn man zuwartet“, betont Ramoni.

Mit Hormonen nachhelfen

Denn ab 14 Tagen nach dem Termin ist von einer Terminübertragung die Rede, bei der die Rate der Kinder, die in der Gebärmutter versterben, stark ansteigt. Eine solche komme kaum noch vor, da bereits frühzeitig Maßnahmen ergriffen werden. Allerdings stünden manche Frauen der Einleitung kritisch gegenüber. „Früher hat man gesagt, dass die Geburtseinleitung die Frauen in die Sectio treibt. Das stimmt aber nicht. Studien haben gezeigt, dass sie das Risiko für einen Kaiserschnitt sogar senkt“, sagt die Expertin.

Wie die Geburt eingeleitet wird, hängt von der Reife des Muttermunds ab. Ist er noch nicht weich genug, erhält die Schwangere das Hormon Prostaglandin in Form von Tampons, Zäpfchen oder Gels. „Der Vorteil des Tampons ist, dass man ihn entfernen kann, wenn die Wehen zu heftig für das Kind werden. Dann kann es sich erholen.“ Sehr häufig reiche dies aus, damit der Muttermund weich wird und die Wehen von selbst losgehen. Falls die Geburt zu langsam vorangeht – aber nur wenn der Muttermund bereits geöffnet ist –, werde gezielt noch das Wehenmittel Oxytocin verabreicht. Denn so fein es in Mamas Bauch auch sein mag, es ist höchste Zeit, die Welt kennen zu lernen.

5 Fakten:

Stiegensteigen und leichte Wanderungen bringen auch das Kind in die Gänge. Sich bewegen, ist das Einzige, was werdende Mütter selbst tun können, um die Geburt voranzutreiben. Hebammen bieten zudem Akupunktur an, um Wehen auszulösen.

Häufiger Geschlechtsverkehr wird oft empfohlen, wenn man möchte, dass es endlich losgeht. Sperma enthält Prostaglandin. Allerdings ist laut Gynäkologin Angela Ramoni die Konzentration so niedrig, dass eine geburtseinleitende Wirkung von Sex nicht nachweisbar ist.

Vom „Hebammen-Cocktail“ mit Rizinusöl rät Ramoni ab. Das Öl verursacht starke Darmkrämpfe. „Und es ist nicht fein, wenn man gleichzeitig Wehen und Durchfall hat.“ Absolut nicht empfehlenswert ist auch das vom Volksmund propagierte Glas Wein als Geburtenbeschleuniger.

Bei Vollmond kommen die Babys, heißt es oft. Eine Studie in Innsbruck hat allerdings gezeigt, dass die Mondphasen keinen Einfluss auf die Geburten haben. Luftdruckunterschiede und Wetterumschwünge aber schon: Geht der Föhn, oder kommt der Schnee, ist der Zulauf im Kreißsaal größer.

Die Fruchtblase springt eigentlich von selbst. Wenn der Muttermund aber bereits sehr reif ist, können Mediziner die Fruchtblase aufmachen. „Der Volumensverlust gibt der Gebärmutter dann den Anreiz, Wehen zu machen“, erklärt Ramoni.




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