Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 04.01.2019


Gesundheit

Neues Glück für Briten: Tiroler Ärzte verpflanzten halbes Knie

Mit einer bisher einzigartigen Operation setzen Tiroler Ärzte einem Briten gespendete Teile im Knie ein. Nach einer langen Leidenszeit beginnt für ihn ein neues Leben.

Unfallchirurg Karl-Peter Benedetto begutachtet das partiell transplantierte Knie von Giles Corbin.

© Foto TT / Rudy De MoorUnfallchirurg Karl-Peter Benedetto begutachtet das partiell transplantierte Knie von Giles Corbin.



Von Philipp Schwartze

Rum – Der 9. Juli 2017 veränderte das Leben von Giles Corbin in Bruchteilen einer Sekunde. Der inzwischen 46-jährige Brite von der Insel Jersey war mit einem Freund als Passagier auf einem Jetski 700 Meter vor der Küste unterwegs, als es zur Kollision mit einem Speedboot kam. Bis dahin war der als Anwalt arbeitende Corbin für seine sportlichen Leistungen bekannt: Er schwamm rund um die Insel Jersey (rund 77 Kilometer), radelte 2020 Kilometer von Nordfrankreich nach Gibraltar, fuhr mit dem Kajak 20 Kilometer von Jersey bis nach Frankreich, wofür er mehr als zwölf Stunden brauchte. Alles, um Geld für gute Zwecke zu sammeln, nachdem seine Schwester mit nur 20 Jahren an Krebs verstarb.

Inzwischen ist das linke Bein von Corbin wieder gerade und vollständig.
Inzwischen ist das linke Bein von Corbin wieder gerade und vollständig.
- Foto TT / Rudy De Moor

Durch den Zusammenstoß wurde Corbin rücklings vom Jetski geschleudert. „Das Erste, was ich bemerkte, als ich an die Wasseroberfläche kam, war, dass ich mein linkes Bein nicht sehen konnte“, erzählt er im Krankenbett der Privatklinik Hochrum. Es wirkte, als sei sein Bein gar nicht mehr vorhanden. Doch es war noch da, hing lose an einem Muskel. Corbin schwamm zurück zum Jetski und fing dort an zu winken. Ein auslaufendes Schiff machte kehrt und setzte Kurs auf ihn. „Das war der schönste Moment“, sagt er heute.

Nach seiner Rettung begann eine qualvolle Zeit: Im lokalen Krankenhaus bot man ihm die Amputation seines Beines – oberhalb des Knies – an, die er aber ablehnte. Der stark verletzte Brite konnte seine Zehen noch bewegen, eine Arterie war eines der wenigen Teile in seinem Knie, die bei dem Zusammenstoß nicht getroffen wurden, das Bein blieb daher durchblutet. „Mir war klar, das Bein war noch zu wertvoll, um es aufzugeben“, sagt Corbin.

Er wurde nach Southampton geflogen, wo er zwei Operationen über sich ergehen ließ, ehe es nach Salisbury ging, wo weitere drei Eingriffe sein Bein retteten. Doch Gehen war beschwerlich, Bein und Fuß standen weiter schief ab. Corbin, der zugibt, dass er „düstere Tage“ hatte, gab nicht auf. Unermüdlich kämpfte er darum, sein schiefes Bein durch Physiotherapie zu richten.

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16 Monate nach der schweren Kollision entstand in London der Kontakt zu Karl-Peter Benedetto, Unfallchirurg an der Privatklinik Hochrum. Eine partielle Knietransplantation, wie es sie – zumindest laut Fachliteratur – noch nie gegeben hat, sollte Corbins Bein wieder funktionsfähig machen. „Ich war mir sicher, dass es technisch möglich ist. Die Schwierigkeit ist, an passende Spenderorgane zu kommen“, sagt Benedetto, der bei Corbin davon spricht, dass quasi „das halbe Knie“ fehlte. Das Schwierige: Das Spenderknie musste mit dem gesunden Knie zusammenpassen, also in Länge, Breite und Gelenk-Radius übereinstimmen.

Das große Glück des Briten war, dass eine internationale Transplantfirma seit Kurzem Teile des Bewegungsapparats nach österreichischem Recht zur Verfügung stellt. Einen Monat wartete das Team auf das Meniskus-Transplantat, über zwei Monate auf das Knie mit dem unteren Teil des Oberschenkels sowie das Sehnentransplantat für die Kapselbandrekonstruktion. Einzige weitere Möglichkeit wäre eine Prothese, für Corbin kam das aber nicht in Frage.

Dann ist es so weit. Am 12. Dezember kommt Corbin – mit seinem Vater Alan als Unterstützung – in Tirol an. Am 14. Dezember setzen Benedetto, der plastische Chirurg Heribert Hussl, Benedettos ehemaliger Schüler Christian Fink sowie ein Anästhesie-Team um Thomas Mitterlechner in einer mehr als elfstündigen Operation die gespendeten Teile ein: erst den Meniskus, dann den kniegelenksverbundenen Oberschenkelknochen und schließlich rekonstruiert man den äußeren Bandapparat mit den Spendersehnen. Nach der Transplantation wurde der verdrehte Unterschenkel um 40 Grad korrigiert.

„So ein Eingriff ist Teamarbeit. Bevor man in den OP-Saal geht, muss man den Patienten bereits im Kopf operiert haben, mit allen Schwierigkeiten, die auftreten können“, sagt Benedetto. Bei Corbin funktioniert alles reibungslos. Es ist eine Operation, die es in der Form wohl noch nie gegeben hat. „Es gab keine attraktive Alternative. Also habe ich mir eingeredet, dass es funktionieren wird“, sagt Corbin. Über die OP spricht er wie über ein Weihnachtsgeschenk. „Ich kann sehen, dass mein Bein das erste Mal seit 18 Monaten richtig ausgerichtet ist“, freut er sich in seinem Krankenbett, drei Wochen nach der OP. „Es ist sehr emotional zu wissen, dass man Teile von Toten in sich trägt“, sagt er sichtlich bewegt und auch dankbar.

Heute darf er bereits nach Hause fliegen. In regelmäßigen Abständen, das nächste Mal in sechs Monaten, kehrt er zu Kontrollen nach Tirol zurück. „Eines Tages will ich hier nur Urlaub machen“, scherzt er. Davor warten aber noch viele Stunden Physiotherapie auf ihn, doch wer seinen Kampfgeist kennt, ist sich sicher, dass er es schaffen wird. Schon heute kann Corbin sein linkes Bein mit 50 Kilo belasten. In naher Zukunft will er wieder schwimmen, Fahrrad fahren und laufen.

Der Brite war mit seinem Vater zur Operation nach Tirol gereist.
Der Brite war mit seinem Vater zur Operation nach Tirol gereist.
- Foto TT / Rudy De Moor