Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 10.01.2019


Gesundheit

Die Heilung „anstoßen“

Stoßwellen nutzt man seit Jahren, um Nierensteine ohne Operation zu entfernen. Inzwischen versprechen die präzisen Druckwellen auch bei orthopädischen Erkrankungen Genesung.

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© Thomas Boehm / TT



Von Judith Sam

Innsbruck – Vor Begriffen wie Kortison und Operation graut den meisten Patienten. „Beides kann mithilfe von Stoßwellen in vielen Fällen vermieden werden“, verspricht Erich Mur. Es klingt ein wenig nach Science Fiction, wenn der Direktor des Instituts für Physikalische Medizin und Rehabilitation an der Klinik Innsbruck das Vorgehen erklärt: „Dabei dringen hochenergetische Druckwellen zielgenau in den Körper ein.“

Die Folge seien eine Anregung der körpereigenen Selbstheilung, Stammzellen und Zirkulation werden stimuliert und entzündungshemmende Effekte hervorgerufen.

Bekannt sei die Stoßwelle zur Behandlung von Nierensteinen geworden: „Im Jahr 1980 wurden derartige Ablagerungen erstmals mit Stoßwellen zerkleinert. Heute therapieren wir damit chronische Wunden, Fersensporne, Tennis- und Golfarme, verletzte Achillessehnen, Schmerzsyndrome oder schlecht heilende Knochenbrüche.“

Die erste Entdeckung des Effekts von Stoßwellen machte man bereits im Zweiten Weltkrieg, als bei Schiffbrüchigen zerplatzte Lungen festgestellt wurden – ohne Spuren äußerer Einwirkung. Die Ursache war die Druckwelle der Wasserbomben gegnerischer Kreuzer, denen die Soldaten im Wasser ausgesetzt waren.

„Doch keine Sorge – moderne Formen der Stoßwellen haben den gegenteiligen Effekt. Sie beschädigen weder das Gewebe, noch rufen sie Infektionen hervor“, beruhigt Marko Kayser. Zum Beweis drückt der Experte für Physikalische Medizin und Rehabilitation einen der beiden unterschiedlichen Stoßwellenapparate, die der Klinik zur Verfügung stehen, sanft auf die Haut einer Patientin. Leises Brummen verrät, dass das Projektil in dem Gerät, das dem Zapfhahn einer Tankstelle ähnelt, durch Druckluft beschleunigt wird.

„Dabei handelt es sich um radiale Stoßwellen. Hier kann Energie großflächig, aber nur oberflächlich bis zu vier Zentimeter tief in den Körper einwirken“, schildert der Arzt für Physikalische Medizin. Dieser Druck – der in Megapascal gemessen wird, was normalerweise der Beschreibung von Explosionen dient – eigne sich gut, um muskuläre Verspannungen zu behandeln.

Die Alternative ist die fokussierte Stoßwelle, bei der Schall- impulse punktgenau tief ins Gewebe eindringen – bei Bedarf bis zum Knochen. Je nach Art der Verletzung können dadurch Schmerzen entstehen, die man mit starkem vorübergehenden Druck vergleichen kann: „Wobei der Patient bei der Intensität mitbestimmt.“

Die fokussierte Methode wendet Kayser u.a. an, um Gewebeeinschlüsse abzubauen, die Schmerzen verursachen, oder um die Regeneration zu stimulieren: „Ein Beispiel: Hat ein Jogger seine Achillessehne überbeansprucht, kann diese aufquellen und ihre Stützfunktion nicht mehr optimal ausüben. Der Körper reagiert, indem Blutgefäße einwachsen, welche die Sehne zusätzlich schwächen. Stoßwellen führen zum Abbau dieser Gefäße und zur neuen, gesunden Ausrichtung der Sehne.“

Als alternative Behandlung können auch andere Formen von Physiotherapie eingesetzt werden, die für den gewünschten Effekt mitunter aber mehr Zeit in Anspruch nehmen. „Stoßwellenbehandlungen dauern zehn bis 30 Minuten – je nach Größe des zu behandelnden Areals – und werden meist einmal wöchentlich, über einen Zeitraum von vier Wochen durchgeführt“, sagt Kayser. Erfolgt die Behandlung an der Klinik, decken sie die Krankenkassen.

Welche der beiden Stoßwellen-Varianten die Ärzte einsetzen, wird im Rahmen des Therapieplans mit dem Patienten besprochen. Dabei erklärt Kayser auch, in welchen Fällen er von Stoßwellen abrät: „Körperstellen, an denen sich ein Tumor befindet, die zuvor mit Kortison behandelt wurden oder wo ein Infekt vorliegt, sind tabu. Schwangere behandeln wir nicht im Beckenbereich.“

Zudem hält der Arzt mit den Stoßwellen Abstand von Bereichen, die mit Luft gefüllt sind, wie dem Darm oder der Lunge: „Dort könnte der Druck Blasen entstehen lassen, die verschiedene Strukturen des Körpers schädigen.“

Doch genug der Gefahren. Setzt man die Therapie richtig ein, liegt die Erfolgsquote bei 90 Prozent. Kein Wunder, dass die Nachfrage nach Stoßwellenbehandlungen stetig steigt.




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