Letztes Update am Do, 10.01.2019 10:19

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Zahnspangen: Schön und teuer – aber auch sinnvoll?

Angesichts der hohen Kosten für Zahnspangen stellt ein deutsches Gutachten deren medizinischen Nutzen in Frage. Klinikdirektor Adriano Crismani widerspricht und die TGKK sieht sich auf der sicheren Seite.

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Von Theresa Mair

Innsbruck – Rund 1,1 Milliarden Euro geben die deutschen Krankenkassen jährlich für kieferorthopädische Behandlungen aus. Schätzungsweise jedes zweite Kind bekommt eine Zahnspange – Tendenz steigend. Bereits im Frühjahr 2018 ist deshalb eine vom Bundesrechnungshof angestoßene Diskussion über den Nutzen von Zahnspangen entbrannt. Es geistert die Frage herum, ob kostspielige Zahnregulierungen womöglich nur der Kosmetik dienen.

Nun ist ein vom deutschen Bundesgesundheitsministerium beauftragtes Gutachten da. In der Überblicksuntersuchung, für die 100 Studien gesichtet wurden, konnte allerdings keine Aussage über den medizinischen Langzeitnutzen getroffen werden. Sprich: Es kann nicht nachgewiesen werden, ob durch eine Zahnspange z. B. ein Zahnausfall, Karies oder Parodontitis verhindert werden konnte.

„Auf Basis der Daten kann bisher nicht beurteilt werden, ob die Ausgaben in der kieferorthopädischen Versorgung den Kriterien der Wirtschaftlichkeit genügen“, befand das Berliner IGES-Institut, welches das Gutachten erstellte. Deutschlands Gesundheitsminister Jens Spahn will jetzt über „den weiteren Forschungsbedarf und Handlungsempfehlungen“ diskutieren.

„Es darf schon die Frage gestellt werden, ob wirklich alles behandelt werden muss“, sagt dazu Adriano Crismani, Direktor der Innsbrucker Uniklinik für Kieferorthopädie. An der Sinnhaftigkeit kieferorthopädischer Behandlungen per se bestehe aber kein Zweifel. „Die Debatte in Deutschland dreht sich um ein soziales, wirtschaftliches und politisches Problem, kein rein medizinisches“, so Crismani, der auch der Österreichischen Gesellschaft für Kieferorthopädie vorsitzt. Er nimmt an, dass es bei den deutschen Nachbarn vor allem um die Finanzierung der hohen Kosten geht.

Eine Zahnspange erfülle immer den ersten Zweck, die Funktion des Gebisses zu gewährleisten, gleich danach komme die Vorbeugung. Die ästhetische Aufwertung sei eine positive Nebenerscheinung. Der Langzeitnutzen, also die Prophylaxe, umfasse überdies weit mehr als den Schutz vor Karies. „Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass das Risiko, sich die Frontzähne auszuschlagen, um das Doppelte erhöht ist, sobald die Zähne um nur vier Millimeter vorstehen. So etwas gehört reguliert“, gibt er ein Beispiel. Crismani räumt aber ein, dass Studien fehlen. „Vieles in der Zahnmedizin konnte bis jetzt nicht bewiesen werden. Es gibt z. B. auch keine Studien, die bis dato feststellen konnten, dass schiefe Zähne Gelenksbeschwerden auslösen“, sagt er.

Für viele Untersuchungen brauche es auch unbehandelte Kontrollgruppen, die schwer zu finden sind. „Es gibt kaum Gruppen von Personen, bei denen nichts gemacht worden ist“, erläutert der Zahnmediziner. Zusätzlich stünden die Forscher oft vor einem ethischen Problem. Für die Zusammensetzung einer Gruppe unbehandelter Personen seien die dafür nötigen Röntgen-Untersuchungen schwer zu rechtfertigen, wenn keine Behandlung stattfindet. Patienten mit Zahnfehlstellungen seien noch dazu schwer zu motivieren, wenn sie keine Behandlung bekommen.

Mit dem derzeitigen Zahlungsmodell der Kassen ist Crismani zufrieden. „Ich finde, dass in Österreich genug abgedeckt ist.“ Es gebe jedoch auch Grenzfälle bei der Einstufung in der IOTN-Skala (siehe: Box), da manche Fehlstellungen darin nicht berücksichtigt sind. In jedem Fall ist eine Zahnspange für ihn gut investiertes Geld. Daran zweifelt auch TGKK-Direktor Arno Melitopulos nicht. Mit der 2015 in Österreich eingeführten Gratis-Zahnspange sei eine „wichtige Vor-Selektion“ getroffen worden. Nur denjenigen, die mit großer Wahrscheinlichkeit mit einem gesundheitlichen Schaden oder zukünftigen Schäden zu rechnen haben, werde eine Kostenübernahme durch die Kassen ermöglicht. Die Kriterien seien mit den Fachgesellschaften erstellt worden.

„Die behandelnden Ärzte legen uns einen Heil- und Kostenplan vor, zum Teil werden auch Abdruckmodelle und Röntgenbilder beigefügt. Sie nehmen das sehr ernst.“ Immerhin sei es für Kinder auch nicht witzig, drei Jahre lang mit scheuernden Drähten im Mund herumzulaufen. „Wir glauben, dass sich die 2015 eingeführte Regelung gut etabliert hat und können eine Fehlverwendung sowohl von Seiten der Ärzte als auch der Versicherten nicht feststellen“, bilanziert Melitopulos.

Einen Anstoß aus der deutschen Debatte hat er allerdings auch bekommen: „Eine Evaluierung der Qualität, der Patientenzufriedenheit und Erhebung des Zahnstatus über die niedergelassenen Kieferorthopäden sollte einmal gemacht werden.“

Zahlen und Fakten

80 Millionen Euro pro Jahr werden in Österreich von der Sozialversicherung für die „Gratis-Zahnspange“ von Kindern und Jugendlichen (6 bis 18 Jahre) aufgewendet. Seit Einführung im Jahr 2015 bis Ende 2018 wurden von der Tiroler Gebietskrankenkasse rund 16 Mio. Euro Honorarleistungen an Vertragsärzte ausbezahlt.

6500 bis 8000 Kinder sind laufend in Tirol in kieferorthopädischer Behandlung. 2015 wurde geschätzt, dass jedes 3. Kind eines Jahrgangs einen Anspruch auf eine bezahlte Regulierung hat.

Die Kostenübernahme wird von der Einstufung in der fünfteiligen IOTN-Skala abhängig gemacht. Eine Übernahme erfolgt nur bei großem (IOTN 4) und sehr großem (IOTN 5) Behandlungsbedarf. In weniger schweren Fällen kann um Bewilligung eines Kostenzuschusses (bei der TGKK max. 627 Euro

Jahr) angesucht werden. Kosmetische Behandlungen müssen selbst bezahlt werden.