Letztes Update am So, 13.01.2019 06:58

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Gesundheit

Alkohol, das Gift in der heutigen Gesellschaft

Europäische Gesellschaften pflegen einen sorglosen bis maßlosen Umgang mit Alkohol. Darauf verweist Helmut K. Seitz in seinem Buch „Die berauschte Gesellschaft“. Im Gespräch mit der TT geht der Internist speziell auf die Situation der Jugendlichen ein.

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Von Sabine Strobl

Die Kulturgeschichte des Alkohols ist Tausende Jahre alt. Der Schritt zwischen Genuss und Missbrauch blieb über die Jahrhunderte hinweg aber immer ein gefährlich kleiner. Schon in Ägypten wurden Gesetze erlassen, um den Bierausschank zu regeln. Auch heute versucht die Politik mit unterschiedlichem Erfolg, den Alkoholkonsum einzudämmen. So dürfen in Öster­reich seit dem Jahreswechsel keine harten Getränke mehr an unter 18-Jährige ausgeschenkt werden.

Etwa die Hälfte der Weltbevölkerung konsumiert Alkohol. Wobei der meiste Alkohol, oft bis zum Umfallen, in europäischen Ländern getrunken wird. Österreich liegt hier nach wie vor im vorderen Feld. Die Deutschen schlucken jährlich eine Badewanne mit alkoholischen Getränken, stellt der Internist und Alkoholforscher Helmut K. Seitz anschaulicher als die Statistik fest.

Jugend trinkt zu viel

Der Direktor des Alkoholforschungszentrums der Universität Heidelberg warnt in seinem gerade erschienenen Buch „Die berauschte Gesellschaft“ vor einer Bagatellisierung des Glaserls, für das täglich ein Anlass gefunden wird. Sein Befund der Gesellschaft fällt ernüchternd aus. „In der heutigen Gesellschaft werden die Gefahren, die Alkoholkonsum in sich birgt, nicht mehr ernst genommen. Alkohol ist ein Teil des täglichen Lebens. Die Gedankenlosigkeit und die schlechte Aufklärung sind ein Problem. Das zweite Problem ist: Junge Leute trinken zu viel Alkohol.“

Hier blickt der Alkoholforscher nicht nur auf das Einstiegsalter, sondern auch auf bedenkliche Entwicklungen bei den 17- bis 21-Jährigen.

Das Einstiegsalter liegt in unseren Breiten bei knapp unter 14 Jahren. Krankenhausaufenthalte nach Rauschtrinken sind zur Routine geworden. Dabei reagieren junge Menschen viel sensibler auf Alkohol als Erwachsene. Früher Alkoholkonsum ist gefährlich. „Junge Menschen, die sehr früh und viel trinken, können mit hoher Wahrscheinlichkeit in eine Abhängigkeit geraten. Ihre Organe befinden sich noch im Wachstum. Dadurch erhöht sich die Gefahr für eine spätere Leber- und Krebserkrankung gegenüber Menschen, die erst später Alkohol trinken“, erklärt Seitz.

200 Erkrankungen

Komasaufen ist alles andere als ein harmloser Bestandteil des Erwachsenwerdens. Jugendliche können im Rausch erbrechen, das Erbrochene aspirieren und zu Tode kommen. Junge Menschen geraten durch Alkohol rasch in Euphorie. Doch die Stimmung kann bald umkippen, die Jugendlichen werden apathisch, depressiv oder aggressiv. Ihr soziales, aber auch ihr Sexualverhalten wird möglicherweise gestört, wenn zu viel Alkohol in den Körper gelangt. Die Risikospirale dreht sich aber weiter. Seitz: „Wer im Alter von 14 regelmäßig Alkohol trinkt, verliert Hirnzellen. Diese verlorene Gehirnkapazität kommt später nicht mehr zurück.“ Mädchen sollten sich bewusst sein, dass Alkohol auch im Zusammenhang mit Brustkrebs stehen kann.

Mit Blick auf das Risiko, abhängig zu werden – bei unter 15-Jährigen ist es viermal so hoch –, plädiert der Alkoholforscher für die Ausgabe von Alkohol, auch Bier, erst ab dem Alter von 18 Jahren. Dies sollte nicht regelmäßig sein. Weitere gesundheitspolitische Maßnahmen liegen für ihn auf der Hand. Dazu zählen Werbeverbote ebenso wie Preiserhöhungen und ein erschwerter Zugang etwa während der Nachtzeiten.

Nach Rauchen und Bluthochdruck ist Alkohol der dritthöchste Risikofaktor, wenn es um unsere Gesundheit geht. Wie Seitz betont, stehen über 200 Krankheiten in Zusammenhang mit Alkohol. Bestehende Erkrankungen kann Alkohol negativ beeinflussen. Fakt bleibt natürlich, dass Menschen genetisch bedingt sehr unterschiedlich auf Alkohol reagieren.

An erster Stelle nennt Seitz die Alkoholabhängigkeit, von der Millionen von Europäern betroffen sind. Abhängigkeit ruiniert Familien, zerstört das Arbeitsleben und das soziale Leben. Derzeit wird vor allem in den USA zu neuen medikamentösen Therapieansätzen geforscht. Etwa 50 Prozent aller Lebererkrankungen in Europa sind alkoholbedingt. Allein an den Folgen der Leberzirrhose, der Leberverhärtung, sterben in Europa eine halbe Million Menschen.

Alkohol ist ferner verantwortlich für Krebserkrankungen. Sechs bis sieben Prozent aller Krebserkrankungen weltweit sind alkoholbedingt. Mit Alkohol in Verbindung gebracht werden Krebs im Mundbereich, Rachen, Kehlkopf, der Speiseröhre, der Leber und des Dickdarms. Bluthochdruck und Herzrhythmuserkrankungen können ebenfalls alkoholassoziiert sein. Das gilt ebenfalls für Nervenerkrankungen. Nicht zu tolerieren ist für Seitz ferner, dass immer noch 50 Prozent der Frauen etwas Alkohol in der Schwangerschaft trinken.

Seitz fasst zusammen: „Alkohol ist ein altes Kulturgut. Dagegen ist auch nichts einzuwenden. Aber die Menge, die Dimension des Trinkens, ist ein Problem.“ Kommen Mengenangaben ins Spiel, gebe es keinen risikofreien, sondern nur einen risikoarmen Bereich. Demnach können gesunde erwachsene Männer ein Viertel Wein (0,5 Liter Bier) fünfmal pro Woche trinken, Frauen ein Achtel Wein (0,25 Liter Bier). Zweimal pro Woche wird eine Alkoholpause eingehalten.

Tipps vom Experten

Der Arzt rät jungen Menschen zu folgender Strategie: „Lasst euch nicht durch andere hinreißen, Alkohol zu trinken. Alkohol ist ein Gift, das man nicht braucht, um Stärke zu zeigen. Stark ist, wer keinen Alkohol braucht. Über 18-Jährige können ruhig gelegentlich ein Bier trinken. Betrunkene Leute kann man aber nicht ernst nehmen.“