Letztes Update am So, 20.01.2019 07:08

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Magazin

Gesundheit „made in China“ kommt auch in Tirol an

Asien hält Einzug in die Alpen. Die traditionelle chinesische Medizin findet auch in Tirol ihre Anhänger. Vom Essen über Sport bis zur Medizin: Ost und West werden dabei verbunden.

Asia-Flair in Achenkirch: Das „Tenzo“ ist ein Restaurant nach der Traditionellen Chinesischen Medizin.

© Vanessa Rachlé / TTAsia-Flair in Achenkirch: Das „Tenzo“ ist ein Restaurant nach der Traditionellen Chinesischen Medizin.



Von Deborah Darnhofer

Eine Kurve, ein paar Stufen – und die tiefverschneite Tiroler Landschaft wird gegen fernöstliches Flair getauscht. Eichenduft strömt in die Nase. Auf der Decke hängen zarte Blüten aus Schafwolle. Helle Beigetöne bestimmen die beiden Räume. Ruhe und Wärme strahlen sie aus. Das „Tenzo“ ist ein Restaurant nach den Regeln der traditionellen chinesischen Medizin (TCM). Im Posthotel verbindet es seit letzten Sommer Achenkirch mit Asien.

„Gekocht wird nach TCM-Rezepturen, aber mit saisonalen, regionalen und, wenn möglich, biologischen Lebensmitteln. Und wir verzichten auf Zucker und Weißmehl“, erklärt Hotelchef Karl Reiter junior. Was gesund klingt, soll es auch sein. Schließlich geht es in der TCM vor allem darum, den Mensch und seinen Körper zu harmonisieren.

Kräuter für die Gesundheit

Der Geschmack darf aber nicht auf der Strecke bleiben. Dafür sorgt Küchenchef Fabian Leinich mit seinem Team. So schwärmt er zum Beispiel von „Tulsi“, einem Basilikum. Es wirke belebend und sei viel fruchtiger als die gemeinhin bekannten Sorten. Kräuter sind in der asiatischen Heilmethode ein Muss. Sie sollen laut den TCM-Sätzen die körpereigene Energie anregen. Pflanze statt Pille könnte es auch heißen. Denn Nahrungsmittel gelten in Fernost mitunter als Heilmittel. Am Eingang des „Tenzo“, das abends allen Gästen offen steht, gibt es eine Tee-Bar mit bunten getrockneten Pflanzenteilen. Im Körper sollen sie je nach Yin- oder Yang-Typ kühlend bzw. wärmend wirken.

Hotelchef Karl Reiter jun. (l.) und Küchenchef Fabian Leinich finden die verwendeten
Gewürze gesund und „g’schmackig“.
Hotelchef Karl Reiter jun. (l.) und Küchenchef Fabian Leinich finden die verwendeten
Gewürze gesund und „g’schmackig“.
- Vanessa Rachlé / TT

Essstäbchen sucht man auf den 45 Plätzen hingegen vergeblich. Es soll gar nicht erst ein „China-Res­taurant-Charakter“ aufkommen. „Wir wollen keine Show machen“, betont der 40-jährige Hotelchef.

Und er räumt mit einem weiteren Vorurteil auf: TCM sei längst aus der Esoterik-Ecke herausgekommen. „Die Gäste probieren es gerne aus.“ Gegen ein wenig mehr Besucheranklang hätte er aber auch nichts einzuwenden. Die asiatische Heilmethode würde schließlich auch präventiv wirken und ganz dem derzeitigen „Trend zur Selbstvorsorge“ entsprechen.

„TCM ist ein unterstützendes Instrument, das die Schulmedizin gut begleiten kann.“
Doris Schöpf, Allgemeinärztin aus Schwaz

Neben dem gesunden Essen sind im Hotel seit den 1980er-Jahren andere TCM-Anwendungen vertreten: So führt ein aus China stammender Arzt Diagnosen und Therapien durch. Spezielle Massagen werden auch angeboten.

Den „Energiefluss“ antreiben

Ernährungs- und Sportberaterin Elisabeth „Li“ Auer lädt zu Beratungsstunden und hält „Qi Gong“ ab. Diese Übungsfolgen aus sanften Bewegungen sollen den in der TCM so wichtigen „Energie­fluss“ in Schwung bringen, erklärt die 52-Jährige aus Fulpmes. Laut den bis zu 5000 Jahre alten chinesischen Schriften ist der gesamte Körper durch ein Leitsystem, so genannte Meridiane, verbunden. „In diesem und in allem fließt das ,Qi‘, die Lebensenergie“, sagt Auer.

Westeuropäer können mit diesen Erklärungen zuweilen wenig anfangen. Gelingt der wissenschaftliche Nachweis oft auch nicht, verweisen Auer und andere TCM-Experten auf positive Erfahrungen jener, die sich nach den asiatischen Grundsätzen behandeln lassen. „Qi Gong ist entspannend, hilft bei Stress und verbessert die Ausdauer“, berichtet Auer. Sie betreibt Qi Gong seit 20 Jahren, lässt sich seit zehn Jahren ausbilden und gibt Kurse in Inns­bruck und im Stubaital.

Ernährungs-und Sportberaterin Elisabeth „Li“ Auer macht Qi Gong seit 20 Jahren.
Ernährungs-und Sportberaterin Elisabeth „Li“ Auer macht Qi Gong seit 20 Jahren.
- Elisabeth Auer

„Es kommen immer mehr Teilnehmer, ein wenig Scheu haben sie schon. Doch TCM ist eine gute Ergänzung“, ist Auer überzeugt.

Streng kontrollierte Kräuter

In dieselbe Kerbe schlägt Dietmar Daurer. So kommt es zu einem Schauplatzwechsel: Vom Achensee geht es in die Lindenapotheke im Innsbrucker Stadtteil Pradl, deren Leiter Daurer ist. In einem hinteren Bereich stehen unzählige dunkle Fläschchen. Sie reichen bis zur Decke. Gelbe Kleber mit chinesischen und lateinischen Bezeichnungen klären über den Inhalt auf. Ginkgo, Sesam oder Kurkuma sind noch verständlich. In Schubladen finden sich weitere Dutzende weiße Dosen mit grünlichem oder bräunlichem Pulver.

Vor 20 Jahren hat Daurer als einer der Ersten in Westösterreich begonnen, chinesische Arzneien ins Land zu holen. Derzeit zählt er 300 pflanzliche Granulate und 200 Extrakte (so genannte „Hydrophile Konzentrate“) in seiner Apotheke. Schnell wird klar, Schlangenhaut, Tigerknochen oder andere unappetitliche Zusätze gibt es weder in der Apotheke noch in der Küche in Achenkirch.

Apotheker Dietmar Daurer mischt bis zu zwölf chinesische Arzneien für einen
Patienten.
Apotheker Dietmar Daurer mischt bis zu zwölf chinesische Arzneien für einen
Patienten.
- Vanessa Rachlé / TT

„Die Arzneien nach der traditionellen chinesischen Medizin werden in Österreich streng kontrolliert und müssen zugelassen sein“, sagt Daurer. Geschützte Tiere kommen dafür ebenso nicht in Frage wie verunreinigte oder andere Kräuter minderer Qualität. Daurer und die österreichische Ärztekammer warnen diesbezüglich vor dubiosen Käufen im Internet oder spontanen Importen aus dem Urlaub. Nur nach ärztlicher Anweisung mischt Daurer die Rezepturen für jeden Kunden individuell zusammen. Steht in der TCM doch der Mensch mit seinen persönlichen Symptomen und Beschwerden im Mittelpunkt.

„Bei den TCM-Arzneien gibt es keine wesentlichen Nebenwirkungen. Sie lassen sich auch gut mit Medikamenten kombinieren“, meint Daurer. 20 bis 25 individuelle Rezepturen sind es pro Tag, die individuell zusammengestellt werden. 80 Prozent davon versendet der Apotheker nach eigenen Angaben nach Deutschland oder Italien. Das Geschäft sei sonst unrentabel und TCM hierzulande noch immer eine Nische, erklärt er. „Einen Hype erkenne ich nicht. Die Popularität war in den vergangenen Jahren schon mal größer“, gibt er unumwunden zu.

Die Verbreitung mag in Österreich gering sein. Doch TCM hat sich auch hier zu einer „etablierten Methode“ gemausert, wie Doris Schöpf, Allgemeinmedizinerin aus Schwaz und Referentin für Komplementärmedizin in der Österreichischen Ärztekammer (ÖAK), erklärt. Eine Alternative zur Schulmedizin ist sie aber nicht.

Ärztin Signe Streli-Kastner hat sich dem ganzheitlichen Aspekt der Traditionellen Chinesischen Medizin verschrieben.
Ärztin Signe Streli-Kastner hat sich dem ganzheitlichen Aspekt der Traditionellen Chinesischen Medizin verschrieben.
- Signe Streli-Kastner

Unterstützung, kein Ersatz

Schöpf sieht in den asiatischen Anwendungen ein „unterstützendes Instrument, das die Schulmedizin gut begleiten kann“. 338 Ärzte haben in Österreich 450 bis 500 Stunden Ausbildung investiert und das ÖAK-Diplom „Chinesische Diagnostik und Arzneitherapie“. 21 sind es aktuell in Tirol. Vor zehn Jahren waren es jeweils ungefähr die Hälfte. Ärzte mit Akupunktur-Diplom gibt es wesentlich mehr.

Eine von ihnen ist Signe Streli-Kast­ner. Die 46-jährige in Inns­bruck ansässige Allgemeinmedizinerin betreibt seit 2006 TCM in der Praxis. Den ganzheitlichen Aspekt, die intensive Beschäftigung mit dem Patienten und die individuelle Diagnostik erkennt sie als Vorteile der östlichen Methode. „Bei Kopfschmerzen wendet man beispielsweise nicht immer dieselbe Therapie an. Denn bei jedem Menschen können unterschiedliche chinesische Diagnosen den Schmerz erklären. In der TCM sind die Lösungen individuell“, sagt sie. Die fernöstliche Medizin versuche, die Probleme an der Wurzel zu behandeln und die Grundlagen der körperlichen Disharmonie zu finden, erklärt sie. Mit Kräutermischungen, Akupunktur, Ernährungsumstellung, Tuina (Massagen) oder Qi Gong (Bewegung) werde versucht, den Körper wieder ins Lot zu bringen. Gerade bei chronischen Schmerzen, psychosomatischen Beschwerden, gynäkologischen Fällen oder Beschwerden in der Schwangerschaften würden TCM-Behandlungen „sehr gut“ greifen, berichtet Streli-Kastner.

Aktuell übernehmen die Krankenkassen jedoch nur einen kleinen Teil der Kosten – und das auch nur bei Schmerzen und im Falle von Akupunktur. „Es sollte mehr rückerstattet werden, so könnten im Gesundheitssektor auch Kos­ten eingespart werden“, glaubt die Medizinerin. Ein anderer Ansatz ist aus China überliefert: Traditionellerweise wurden Ärzte dort erst bezahlt, wenn der Patient gesund war. Die intensive Hinwendung zum Kranken war damit wohl garantiert und könnte ein Erfolgsgeheimnis darstellen.