Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 03.02.2019


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Zu viel Gefühl eingeimpft: Dokumentation erhitzt die Gemüter

Impfen oder nicht impfen? David Sieveking sucht in seinem Dok-Film eine Lösung für seine Familie. Über einen Film, der die Gemüter von Wissenschaftern erhitzt, Unsicherheiten schürt und Öl ins Feuer der Impfdebatte gießt.

Zaria soll im Laufe der Doku „Eingeimpft“ gegen Masern geimpft werden. Mama Jessica ist anfangs skeptisch.

© flare film/adrian stähliZaria soll im Laufe der Doku „Eingeimpft“ gegen Masern geimpft werden. Mama Jessica ist anfangs skeptisch.



Von Theresa Mair

Es sind Filmszenen, wie sie sich gerade jetzt genauso in Tiroler Familien abspielen könnten. Fasching ist, und in der Nachbarschaft sind die Masern ausgebrochen. Die Frau ist wieder schwanger, die kleine Tochter noch ungeimpft. Was tun?

Wundert man sich über die „Hysterie", zieht sich selbst einen Desinfektionsanzug als Kostüm über — haha, wie lustig — und geht mit dem Töchterchen zur Faschingsparty, auf der sich auch ungeimpfte Kinder tummeln? Hoffentlich nicht. „Zum Glück wohnen wir mit unserer impfkritischen Haltung im alternativen Kreuzberg", sagt der Berliner Dokumentarfilmer David Sieveking in seiner Familien-Impf-Doku „Ungeimpft — Familie mit Nebenwirkungen" einmal.

Der Film ist vergangene Woche in den österreichischen Kinos angelaufen, nachdem er im Herbst in Deutschland zu sehen war — und dort bereits die Gemüter heißlaufen ließ. Dabei könnte „Ungeimpft" ein Film über das ganz normale Familienchaos sein. Die Neo-Eltern — David Sieveking und seine Frau Jessica de Rooij — sind mit dem Nestbau beschäftigt, möchten umziehen, dazu kommt die unsichere finanzielle Situation des Filmers. Und dann, bamm: Das Impfthema bricht über das Paar herein. Es ist Zeit, Tochter Zaria zu impfen.

Recherche ins Blaue

Für David ist das Impfen selbstverständlich. Doch dann stellt sich heraus, dass Jessica ein Problem damit hat. Sie selbst vertrage Impfungen nicht so gut. Der Zuschauer erfährt, dass sie in der Schwangerschaft kurz nach einer Tetanus-Impfung krank wurde und Angst hatte, ihr Kind zu verlieren. Eine Hebamme sagte ihr, dass die Impfung vollkommen unnötig gewesen wäre. Doch Jessica sagt, die Frauenärztin habe sie dazu gedrängt, obwohl sie sich gar nicht impfen lassen wollte.

„Mein Bauchgefühl sagt, ich soll's nicht machen", sagt Jessica. Sie weint. Sie schreit. Fragt David, ob er wisse, dass nicht nur„natürliche Krankheitserreger" im Serum enthalten sind, sondern auch Metalle. Und sie fragt, mit Blick auf dauernd kranke Kindergartenkinder, ob „unsere Tochter nicht gerade deshalb so gesund ist, weil wir sie nie geimpft haben". Jessica fordert David auf, sich zu informieren, falls er die Impfung durchziehen wolle.

Dieser gibt sein Bestes. Statt sich auf die ständige Impfkommission in Deutschland zu verlassen, deren Experten sich eben ständig mit Studien und Statistiken auseinandersetzen, um die offiziellen Impfempfehlungen aussprechen zu können, will er das Rad neu erfinden. Es gelingt ihm nicht. Sieveking stürzt sich Hals über Kopf in die Recherche. Er fährt zur Weltgesundheitsorganisation. Er besucht einen scheinbar geheimnistuerischen Pharmakonzern in Frankreich. Er fliegt nach Guinea Bisau, um mit dem Impf-Forscher Peter Aaby zu sprechen, der dort ein Impfregister aufgebaut hat. Er wundert sich, dass afrikanische Frauen beschwerliche tagelange Anfahrten zu Impfzentren auf sich nehmen, nur um ihre Kinder impfen zu können.

Viele Fragen, keine Antwort

Der Zuschauer wundert sich, welche Umwege David in Kauf nimmt, weil er sein Kind nicht impft. Die ungeimpfte Zaria darf bei Masernalarm nicht in die Kindertagesstätte gehen, eine Tagesmutter muss gesucht werden. Die Impfangst schafft neue Sorgen. Die Eltern im alternativen Kreuzberg sind dann gar nicht so tolerant, sondern werfen David auf dem Spielplatz seinen Egoismus — solange die anderen impfen, müssen wir nicht — vor.

David spricht auch mit einem Mitarbeiter des Paul-Ehrlich-Instituts, das in Deutschland für die Zulassung von Impfstoffen zuständig ist. Als der Experte Nebenwirkungen anspricht, fragt er nicht nach. Erst auf der Rückfahrt beginnt David zu spekulieren — eine einfache Rötung könne der Mann ja nicht gemeint haben.

Das ist das Problem von „Eingeimpft": Der Film wirft mehr Fragen auf, als er beantwortet. Oder wie Cornelia Betsch, die an der Uni Erfurt zu Fragen der Impfentscheidung forscht, im Zeit-Interview bilanziert: „Rausgepickt sind einzelne Wissenschafter, die mit ihrer Meinung gegen den Konsens gehen, die gesamte Beweislage wird dann aber nicht angeschaut. So beantworte ich keine Fragen, so arbeiten Verschwörungstheoretiker." Zwar findet das Paar für sich eine Lösung, dem Zuschauer aber schwirrt der Kopf. Wer sich vor dem Film nicht bereits eine fixe Meinung zur Impfthematik gebildet hat, ist nun noch verunsicherter. Orientierung darf man sich von einem Film, in dem das „Bauchgefühl" gleich viel wiegt wie wissenschaftliche Fakten, nicht erwarten.