Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 05.02.2019


Smartphone und Co.

Wie Online-Sein zur Qual wird: Jugend im digitalen Zeitstress

Österreichs Jugend empfindet immer häufiger digitalen Zeitstress. Eltern sind aufgefordert, Regeln aufzustellen und für die Kinder ein gutes Vorbild zu sein.

Immer mehr Jugendliche fühlen sich durch ständige digitale Erreichbarkeit und Ablenkung belastet.

© iStockphotoImmer mehr Jugendliche fühlen sich durch ständige digitale Erreichbarkeit und Ablenkung belastet.



Von Cornelia Ritzer

Wien – „Ich finde es schade, dass immer alle dauernd am Handy sind. Es wäre schon cool, wenn das Handy nicht immer so da wäre.“ So wie dieser 18-jährigen Schülerin geht es immer mehr österreichischen Jugendlichen.

Laut einer aktuellen Untersuchung, die anlässlich des heutigen 16. internationalen Safer Internet Day präsentiert wurde, sind mehr als einem Drittel der Befragten (35 Prozent) das Handy und andere digitale Geräte manchmal zu viel. Das trifft auf 15- bis 17-Jährige (44 Prozent) häufiger zu als auf 11- bis 14-Jährige (27 Prozent), die noch neugieriger auf die digitalen Geräte seien und weniger Überdruss und Druck verspüren. Außerdem empfinden Mädchen (40 Prozent) eher den Stress als Burschen (32 Prozent). Für die online durchgeführte Studie befragte das Institut für Jugendkulturforschung 400 Jugendliche im Alter von 11 bis 17 Jahren. Ergänzt wurde die Studie durch Fokusgruppen und Praxiserfahrungen aus den österreichweiten Workshops der Koordinationsstelle Saferinternet.at.

Wenn die Freunde oder die Eltern immerzu aufs Handy schauen, wenn man innerhalb weniger Minuten auf Nachrichten antworten soll oder in Gruppen der sozialen Netzwerke manchmal Hunderte von Nachrichten täglich ausgetauscht werden: Dieses Gefühl, dass es zu viel geworden ist, nennen die Experten „digitalen Zeitstress“, erklärt Bernhard Jungwirth, Koordinator von Saferinternet.at. Das äußere sich vor allem durch körperliche Symptome. Die Mädchen und Burschen werden zappelig, schneller müder und auch grantig. Die Gründe, warum die Nachrichtenflut stresst, sind vielfältig: 54 Prozent fühlen sich von Hausaufgaben abgelenkt, 38 Prozent finden es anstrengend, ständig erreichbar zu sein. Die Sorge, online etwas zu verpassen, kennen 37 Prozent, das Gefühl, über das Handy kontrolliert zu werden, 32 Prozent. Eine Möglichkeit, auf Pause zu drücken, ist etwa das Verlassen von WhatsApp- oder Messenger-Gruppen. Doch das ist nicht für jeden einfach. „Aus diesen Gruppen auszutreten, fällt vor allem jüngeren Befragten sehr schwer. Sie fühlen sich rasch ausgeschlossen“, sagt Maximilian Schubert, Generalsekretär von Internet Service Providers Austria (ISPA). „Mit zwölf will man sich anpassen und der Gruppenzwang ist größer und man fühlt sich schnell ausgeschlossen“, formuliert das Gefühl ein 17-jähriger Schüler.

„Ich mach manchmal auch Offline-Zeiten. Also, ich schalt’ das Handy wirklich auch ab. Das war am Anfang ein bisschen gewöhnungsbedürftig, vor allem für meine Familie und meine Freunde, aber jetzt haben sie sich daran gewöhnt.“ Was dieser 18-jährige Schüler macht – nämlich eine so genannte „digitale Diät“ –, haben auch 28 Prozent der Befragten bereits hinter sich. Und noch mehr können es sich vorstellen: So stellen sich zwei Drittel der Studienteilnehmer Offline-Zeit positiv oder neutral vor.

Barbara Buchegger, Pädagogische Leiterin von Saferinternet.at, appelliert dabei an die Eltern: „Regeln zu machen zahlt sich aus.“ So gibt es in den Familien von 62 Prozent der Befragten bereits Regeln wie ein Handyverbot beim gemeinsamen Essen oder Zeitlimits für die Nutzung von Smartphone oder Computer. Die gute Nachricht dabei sei, dass sich Jugendliche auch überwiegend daran halten – fast neun von zehn befolgen laut eigenen Angaben die Regeln „immer“ oder „eher schon“.

Buchegger weist aber auch auf die Vorbildwirkung der Erwachsenen hin. Denn auch die Eltern würden sich viel zu oft vom Handy ablenken lassen oder diverse Apps und Spiele als Flucht aus dem Alltag nutzen. Was durchaus gefährlich sein kann, weist die Pädagogin auf mehr Unfälle auf Kinderspielplätzen hin, seitdem die Aufsichtspersonen eher das Smartphone als die Kleinen im Blick haben. Aber auch die Politik sei gefordert. „Digitale Bildung müsste ab der Volksschule flächendeckend eingeführt werden“, fordert Buchegger. Seit dem aktuellen Schuljahr wird das Fach erstmals als verbindliche Übung in den NMS und AHS unterrichtet.

Mehr als 160 Schulen nehmen österreichweit mit unterschiedlichen Projekten am Safer Internet-Aktionsmonat teil. Auch Jugendorganisationen sind aktiv, so bietet etwa das Jenbacher Jugendzentrum „point“ im Februar Filme und Workshops zum Thema Sicherheit im Internet an.