Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 07.02.2019


Verhütung

Neuer Warnhinweis: Schlechte Stimmung wegen der Pille?

Hormonelle Verhütungsmittel bekommen einen neuen Warnhinweis im Beipackzettel. Künftig müssen sie auf ein Suizidrisiko hinweisen. Experten erklären, warum eine „Pillenangst“ absolut nicht angebracht ist.

In der Gebrauchsinformation von „Pille“ und Co. steht künftig, dass man sich bei Depressionen rasch an einen Arzt wenden soll.

© iStockphotoIn der Gebrauchsinformation von „Pille“ und Co. steht künftig, dass man sich bei Depressionen rasch an einen Arzt wenden soll.



Von Theresa Mair

Innsbruck – Eine häufige Nebenwirkung bei der Einnahme der Antibabypille ist eine depressive Verstimmung. Häufig, das heißt: Zwischen ein Prozent und zehn Prozent der Anwenderinnen sind betroffen. Das ist in jedem „Pillen“-Beipackzettel nachzulesen.

Künftig müssen die Hersteller zudem einen Warnhinweis drucken, der deutlich auf ein Depressions- und Suizidrisiko aufmerksam macht, das mit der Verwendung hormoneller Verhütungsmittel – dazu gehören neben der „Pille“ auch Pflaster, Implantat, Vaginalring und Hormonspirale – einhergehen kann.

Das hat die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) entschieden und eine entsprechende Empfehlung an die nationalen Gesundheitsbehörden herausgegeben. In Österreich ist die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) für die Umsetzung verantwortlich.

„Die Botschaft ist, dass es zu Depressionen kommen kann und man das nicht alleine aussitzen, sondern rasch professionelle Hilfe holen soll, wenn man es merkt. Das ist eine allgemeingültige Empfehlung für jeden, der in eine Depression hineingerät“, sagt AGES-Sprecher Christoph Baumgärtel. In den nächsten Monaten werden die Beipackzettel aktualisiert. Arzneien, die schon ausgeliefert wurden, dürfen noch abverkauft werden.

Ausschlaggebend für den Entschluss der EMA ist eine 2017 erschienene Studie, die auf Daten der dänischen Gesundheitsregister beruht. 475.802 Frauen ab 15 Jahren wurden im Zeitraum von 1996 bis 2013 im Schnitt 8,3 Jahre lang beobachtet. 54 Prozent der Frauen verhüteten mit Hormonpräparaten. 6999 von ihnen versuchten mindestens einmal sich umzubringen, 71 begingen Suizid. Die Autoren errechneten daraus ein doppeltes Risiko für Suizidversuche und ein Dreifaches für Suizid für Anwenderinnen hormoneller Verhütung im Vergleich zu Frauen, die sich nicht oder z. B. mit Kondom vor einer Schwangerschaft schützen. Zudem stellten sie fest, dass das Risiko v. a. Frauen unter 20 Jahren betrifft.

„Das war eine große Studie, die konnte die EMA nicht ignorieren“, sagt Baumgärtel. Allerdings könne man aus der Untersuchung keine ursächlichen Zusammenhänge zwischen Pilleneinnahme und Depression bzw. Suizidalität ableiten. Denn Hintergründe, wie z. B. Konflikte in der Partnerschaft oder Krisen in der Pubertät, kurzum Probleme, die unabhängig von der „Pille“ zu Depressionen führen können, wurden nicht erfasst.

Bettina Böttcher, Oberärztin an der Uniklinik für gynäkologische Endokrinologie in Innsbruck, macht ebenso auf methodische Schwächen der Studie aufmerksam. „Wer die Pille verschrieben bekommt, geht regelmäßig zur Untersuchung“, sagt sie. Da sei es denkbar, dass depressive Verstimmungen eher zur Sprache kommen und diagnostiziert werden. Umgekehrt blieben Depressionen bei Frauen, die nicht zur Kontrolle müssten, mitunter unerkannt.

Aber: „Es gibt zweifellos einen Zusammenhang zwischen Stimmung und Hormonen“, so Böttcher. Die erste Studie, die ihr vorliegt, sei bereits 1976 erstellt worden. Nach wie vor unklar sei, wie der Mechanismus zwischen Hormonen und Stimmung genau abläuft.

Deswegen könnten z. B. keine Aussagen über die Dosierung getroffen werden. Man müsse jede Frau individuell betrachten. Auch Ärzte, die Depressionen diagnostizieren, sollten nachfragen, wie die Patientin verhütet. Manchen helfe der Umstieg auf ein anderes Mittel, andere müssten die „Pill­e“ ganz absetzen. Der Großteil habe aber keine Schwierigkeiten. Für eine Pillenpanik gebe es keinen Grund.