Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 08.03.2019


Gesundheit

Hand aufs Herz: Forscher räumen mit Herz-Mythen auf

Mythos oder Wahrheit? Beim 21. Kardiologiekongress in Innsbruck stellen Forscher unter dem Gesichtspunkt der Prävention Studien vor, die mit Herz-Mythen aufräumen.

Mediziner haben Sport, Aspirin, Gewichtabnahme, Nahrungsergänzungsmittel, die Rolle der Blutfette und die neuen Blutdruck-Leitlinien auf den Prüfstand gestellt. Die Ergebnisse diskutieren sie beim Kongress.

© sport_stockMediziner haben Sport, Aspirin, Gewichtabnahme, Nahrungsergänzungsmittel, die Rolle der Blutfette und die neuen Blutdruck-Leitlinien auf den Prüfstand gestellt. Die Ergebnisse diskutieren sie beim Kongress.



Von Theresa Mair

Innsbruck – Die tägliche Aspirin-Tablette zum Frühstück, sportliches Auspowern am Wochenende oder bestenfalls das Schlucken des gesamten Vitamin-Alphabets: Viele schwören darauf, dass solche Maßnahmen ihr Herz-Kreislauf-System fit halten werden. Richtig ist aber: Wenn es um die Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen geht, muss man mit guten Ratschlägen vorsichtig sein. Denn hier heiligt der Zweck die Mittel.

Welche Maßnahme richtig und wichtig ist, unterscheidet sich häufig je nachdem, ob es darum geht, gar nicht erst krank zu werden (Primärprävention). Oder darum, nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall das Risiko für ein erneutes Ereignis zu senken (Sekundärprävention).

Beim seit gestern laufenden Kardiologiekongress mit 1000 Teilnehmern im Innsbrucker Congress stellen Mediziner noch bis Samstag aktuelle Erkenntnisse vor, die verbreitete Mythen verblassen lassen.

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Eines vorweg: Zwar sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der westlichen Welt nach wie vor die Todesursache Nummer eins. 2017 sind tirolweit 39 Prozent der 5930 Todesfälle darauf zurückzuführen gewesen. Doch über die Jahre konnte auch gezeigt werden, dass es etwas bringt, am Lebensstil zu schrauben und vor allem auch die verschriebenen Tabletten einzunehmen. „Insgesamt gehen Morbidität und Mortalität zurück, was auf konsequente medizinische Maßnahmen zurückzuführen ist. Das ist erfreulich“, sagte Andrea Podczeck-Schweighofer, Präsidentin der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft. Damit der Positiv-Trend weiterhin anhält, müssten vorbeugende Maßnahmen an die neuesten Erkenntnisse angepasst werden.

„Der billigste Patient ist derjenige, der gar nicht bei uns auftaucht“, sagte auch Guy Friedrich, Kongress-Organisator und Leiter des Herzkatheter-Labors an der Innsbrucker Uniklinik. Er sprach damit zum einen den Kostenfaktor „Herzkrankheit“ an. Zum anderen machte er darauf aufmerksam, dass Gesunde gerade in der Primärprävention „eine ganze Menge tun können, dass gar nichts passiert oder es erst später passiert“.

Gewichtabnahme wurde ebenfalls diskutiert.
Gewichtabnahme wurde ebenfalls diskutiert.
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Eine US-Studie zeigte etwa kürzlich, dass Erwachsene im Alter von 18 bis 59 Jahren beim Auftreten eines Herzinfarkts neun von zehn vermeidbare Risikofaktoren aufwiesen, 58 Prozent der Männer hatten z. B. zu hohe Blutfettwerte, 57 Prozent litten unter Bluthochdruck, 54 Prozent rauchten, 16 Prozent waren zu dick und 25 Prozent Diabetiker. Bei den Frauen zeigte sich ein ähnliches Bild.

Dietmar Trenk vom Uni-Herzzentrum in Freiburg betonte ebenso, dass man 65 Prozent des Herzrisikos durch eine Anpassung des Lebensstils und Medikamente senken kann, den größten Teil davon machen Cholesterin-Senker aus. Trenk hat sich zudem die Überprüfung des Aspirin-Dogmas vorgenommen: Gerade in angelsächsischen Ländern glauben viele Menschen, dass sie die tägliche Dosis Acetylsalicylsäure (ASS) vor Herzinfarkt schützt. Allerdings erhöht sie gleichzeitig das Blutungsrisiko.

Aspirin auf dem Prüfstand.
Aspirin auf dem Prüfstand.
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Trenk verglich drei große Studien, die im Vorjahr durchgeführt wurden. Das Fazit: In der Primärprävention steht der Nutzen von Aspirin in keinem Verhältnis zum erhöhten Blutungsrisiko. Die Patienten profitieren nur in Ausnahmefällen von der Aspirin-Einnahme. In der Sekundärprävention sind die Plättchenhemmer jedoch nach wie vor fest verankert. Herzinfarkt- und Schlaganfallpatienten müssen ein Leben lang ASS einnehmen, um eine neuerliche Gerinnselbildung zu verhindern.

Nahrungsergänzungsmittel sind ein riesiger Markt, der jährlich global 200 Mrd. Dollar macht, wie Christoph Säly, Internist am LKH Feldkirch, ausführte. „Doch mit ihrer Wirksamkeit verhält es sich anders“, sagte er. Bei gesunder Ernährung würde die Extraportion Vitamine nicht benötigt – sie können sogar schaden. „Das fettlösliche Vitamin E kann sich anreichern, hohe Gaben können die Sterblichkeit sogar steigern.“ Weder die zusätzliche Einnahme der antioxidativen Vitamine C, E und Beta Carotin sei empfehlenswert noch die Vitamine B6, B12 und Folsäure sowie von Vitamin D. Wer wöchentlich eineinhalb Portionen Fisch isst, profitiert auch nur minimal von zusätzlichen Omega-3-Fettsäuren.

Bewegung ja, aber mit Maß: Körperliche Betätigung ist laut den Experten ein „Super-Medikament“, mit dem deshalb aber auch vorsichtig umgegangen werden müsse. Ärzte warnen vor übertriebenem Ehrgeiz, bei Infektionen ist sportliche Leistung jedenfalls schädlich. Als Dosis empfiehlt Guy Friedrich drei- bis viermal wöchentlich eine intensive Einheit und Versäumtes nicht am Wochenende mit einem Training bis zur völligen Erschöpfung wieder einzuholen. Interessanter direkter Herz-Effekt: „Durch Sport nehmen auch die Ablagerungen an den Gefäßen ab“, so Friedrich.

Blutdruckmessen, aber richtig: In Europa gilt seit 2018 eine neue Blutdruckleitlinie. Demnach ist man laut Gerd Mayer (Direktor Uniklinik f. Innere Medizin IV, Innsbruck)wieder dazu übergegangen, bereits unter einem systolischen Wert von 140 Blutdrucksenker zu verschreiben mit dem Ziel, Werte unter 130 zu erreichen. Dies ist auch einem Umdenken bei der Messmethode geschuldet: Der Blutdruck sollte nach einer Ruhephase dreimal gemessen werden. Das endgültige Ergebnis ergibt sich dann aus dem Mittelwert des zweiten und dritten Messergebnisses – und das fällt meist von Haus aus niedriger aus als bei der ersten Messung.