Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 10.03.2019


Frühförderung

Frühförderin Martina Zangerl: „Matea ist anders, und sie ist so voll okay“

Die Iglerin Matea (3) hat einen Gendefekt. Einmal pro Woche arbeitet sie mit Frühförderin Martina Zangerl – eine Liebes- und Erfolgsgeschichte.

Mateas Löwe erschreckt Zangerl.

© Foto TT / Rudy De MoorMateas Löwe erschreckt Zangerl.



Von Alexandra Plank

Auch beim Schaumspiel werden Zeichen verwendet.
Auch beim Schaumspiel werden Zeichen verwendet.
- Foto TT / Rudy De Moor
Die Tiere benennt Matea mit Gebärden.
Die Tiere benennt Matea mit Gebärden.
- Foto TT / Rudy De Moor
Martina Zangerl besprüht Mateas Hand mit Schaum.
Martina Zangerl besprüht Mateas Hand mit Schaum.
- Foto TT / Rudy De Moor

Igls — Der Hund ist immer der Erste, der das Kommen von Martina Zangerl bemerkt und anschlägt. Gleich darauf kommt auch Bewegung in die dreijährige Matea, die erwartungsvoll die Arme in Richtung Eingangstür der elterlichen Wohnung in Igls ausstreckt.

Jeden Mittwoch kommt die Frühförderin der Lebenshilfe zur Familie Schwarz nach Hause und arbeitet ganzheitlich mit Matea, die einen Gendefekt hat. Dieser kommt weltweit weniger als 300-mal vor. Hanna Schwarz, Mateas Mutter, erzählt, dass sie erst mit der Zeit erkannt hat, dass sich ihre Kleine langsamer entwickelt, als das bei der älteren Schwester Lilli der Fall war. Die Diagnose sei ein Schock gewesen. Auf der Entwicklungsambulanz habe man ihr zur Frühförderung und Familienbegleitung geraten. „Das war für mich zuerst ein seltsames Gefühl, dass jemand in unseren intimsten Bereich kommt und mit Matea arbeitet", erinnert sich die Mutter.

Nun sind Martina Zangerl und Matea seit mehr als einem Jahr ein eingespieltes Team. Wer die beiden an diesem Mittwochmorgen beobachtet und sieht, wie Martina der Kleinen Rasierschaum auf die Hände sprüht, sodass diese strahlt, kommt nicht umhin zu bemerken: „Da haben sich zwei gefunden." Mutter Hanna lacht und ergänzt: „Wir, die ganze Familie, und Martina haben uns gefunden."

Die Frühförderin hat die ganze Familie im Blick. Auch die ältere Schwester Lilli, sie ist acht Jahre alt, wird eingebunden. „Am Anfang hat Lilli zu Martina gesagt: ,Ich übe jeden Tag mit Matea, damit sie normal wird'", erinnert sich Schwarz. Inzwischen weiß auch die Ältere, dass Matea immer anders sein wird, und dass sie voll okay ist, so wie sie ist.

Die Dreijährige kann nur wenige Worte artikulieren, ihr Sprachschatz in der Gebärdensprache ist aber groß. Einmal die Woche kommt eine Gebärdenlehrerin. Lilli darf jede Woche in der Schule ihren Mitschülern ein neues Wort in Gebärdensprache beibringen. Zangerl ist mit der Gebärdenlehrerin (Verein UK unterwegs) sowie mit der Physiotherapeutin und der Ergotherapeutin in Kontakt. „Matea hat eine sehr nette Kindergärtnerin, sie ist nicht als Integrationskind eingestuft und wird auch in Igls die Volksschule besuchen können", sagt die Mutter. Sie ist froh über die Frühförderung, weil immer dieselbe Person mit Matea arbeitet und dadurch große Fortschritte erzielt werden können. „Martina bringt stets neues Material mit und meine Tochter ist immer ganz neugierig, was sie ausprobieren darf", erzählt Schwarz. Ob das Luftballons sind oder Rasierschaum ist, es geht ums Begreifen.

Die Mutter setzt sich dafür ein, dass das Angebot der Frühförderung auch im Schulalter möglich ist. Aufgrund des ganzheitlichen Konzeptes und des geringen Selbstbehaltes sei die Frühförderung leistbar, Fahrten fallen weg. Als störend empfindet Schwarz, dass der Antrag auf Frühförderung für eine „behinderte Person" erfolgen muss. Kinder würden abgestempelt.

Matea zeigt mir, wie die Gebärde für Elefant geht. Da ich beide Hände benötige, kann sie meine Kaffeetasse schnappen. Doch Martina und Mama sehen alles. Die Diebin strahlt und quittiert den erhobenen Zeigefinger der Mutter mit einer Löwengeste.

Fakten zur Frühförderung

Von 0 bis 6. Frühförderung (derzeit werden 600 Familien in Tirol begleitet) soll Kindern von Anfang an bestmögliche Entwicklungschancen bieten. Oft kommt es bei Frühchen zu Entwicklungsverzögerungen. Setzt die Förderung gleich ein, ist vieles positiv beeinflussbar, Zum anderen ist es für Familien wichtig, zuhause unterstützt zu werden. Die Förderung wird derzeit von der Geburt bis zum Schuleintritt angeboten.

Spezialistinnen. Frühförderer haben eine (heil-)pädagogische, psychologische oder therapeutische Ausbildung und einschlägige mehrjährige Praxis sowie, darauf aufbauend, eine dreijährige Ausbildung zur interdisziplinären Frühförderung und Familienbegleitung. Kinder werden gefördert, Familien gestärkt, andere Angebote vernetzt.

Regional. Frühförderung und Familienbegleitung gibt es in allen Tiroler Bezirken. Informationen dazu gibt es auf der Homepage www.fruehfoerdern.at




Kommentieren


Schlagworte