Letztes Update am So, 10.03.2019 07:07

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Magazin

Kurzsichtigkeit bei Kindern: Junge Augen brauchen Sonnenlicht

Die Kurzsichtigkeit unter jungen Menschen steigt seit Jahren dramatisch an. Viel Zeit im Freien und Pausen von der Naharbeit tun dem Auge gut. Österreichische Augenärzte bereiten eine Aufklärungskampagne vor.

(Symbolbild)

© iStock(Symbolbild)



Von Sabine Strobl

Wenn Eltern ihre Kinder zum Spielen hinaus schicken, mögen sie viele Gründe dafür haben. Fakt ist, Sonnenlicht schützt Kinderaugen vor Kurzsichtigkeit. Fakt ist auch, dass Naharbeit, also Lernen, Computer, Handy und Fernsehen, einen Risikofaktor darstellt. Der Aufenthalt im Freien ist Quality time für die Augen, sagt Herbert Reitsamer, Ordinarius der Salzburger Universitätsklinik für Augenheilkunde und Vorstandsmitglied der Österreichischen und Europäischen Ophthalmologischen Gesellschaft.

Spätere Augenerkrankungen

Kurzsichtigkeit (Myopie) entsteht typischerweise im Kindes- und Jugendalter. Dabei wächst der Augapfel in die Länge. Die Netzhaut, die das Auge im Inneren auskleidet, wird durch die Dehnung dünner. Das schlechte Sehen in der Ferne lässt sich zwar leicht durch eine Brille beheben, auf die leichte Schulter wird Kurzsichtigkeit aber nicht genommen. „Kurzsichtigkeit, egal, welcher Stärke, kann ursächlich für spätere Augenerkrankungen sein“, erklärt Reitsamer. Wer kurzsichtig ist, hat also ein höheres Risiko, bestimmte Augenerkrankungen zu bekommen. Dazu gehören wesentliche Erkrankungen des Auges wie die kurzsichtigkeitsbedingte Makuladegeneration, bei der die Sehfähigkeit im Zentrum des Gesichtsfeldes nachlässt, aber auch der kurzsichtigkeitsbedingte grüne und graue Star. Ferner kann Kurzsichtigkeit später eine Netzhautablösung begünstigen. Wer kurzsichtig ist, sollte sich daher nicht nur gelegentlich eine neue Brille zulegen, sondern regelmäßig zur augenärztlichen Kontrolle gehen. Noch ist man beim Einsatz einzelner Methoden, die das Wachstum des Augapfels und die damit verbundene Kurzsichtigkeit einbremsen, vorsichtig – es wird aber an einheitlichen Empfehlungen gearbeitet. Am Markt sind derzeit spezielle Linsen und Augentropfen.

Die Kurzsichtigkeit unter jungen Leuten nimmt stark zu. Besonders alarmierend ist der Anteil im asiatischen Raum mit kompetitiven Bildungssystemen. So haben laut jüngeren Studien über 96 Prozent der 19-Jährigen in Südkorea eine Kurzsichtigkeit. Infolge der Digitalisierung ziehen afrikanische Länder von einem einstelligen Prozentanteil ausgehend rapide nach. In Österreich liegt der Anteil der kurzsichtigen Jugendlichen bei 25 bis 30 Prozent. „Die Entwicklung macht uns Sorgen, weil auch spätere Augenerkrankungen ansteigen werden, und zwar bei erwerbstätigen Menschen von 45 bis 55. Auf diese Gruppe ist die Volkswirtschaft aber angewiesen“, erläutert Reitsamer.

Zwei Stunden ins Freie

Man weiß schon lange, dass Kurzsichtigkeit mit einem aufwändigen Bildungsweg zusammenhängt. Hoffnung brachten zuletzt Studien, welche die positive Wirkung von Sonnenlicht belegen. Zwei Stunden täglich in der Natur ohne Blick aufs Handy sind Balsam für Kinderaugen. Womit das Stichwort Smartphone gefallen ist, mit dem junge Menschen viele soziale Kontakte pflegen. Das Problem liegt für den Augenarzt hauptsächlich in der Zeit, in der Augen wieder mit Nahsehen beschäftigt sind.

Derzeit planen die Salzburger eine Aufklärungskampagne, die bei der Tagung der österreichischen Augenärzte in Schlad­ming Ende Mai vorgestellt werden soll und auf ganz Österreich ausgedehnt werden könnte. Reitsamer: „Wir möchten Kurzsichtigkeit in den pädagogischen Hochschulen und in den Ausbildungszentren für Kindergartenpädagoginnen zum Thema machen und das Bewusstsein dafür schärfen, dass der Aufenthalt im Freien Quality time für die Augen ist. Ideal wäre eine Verankerung des Themas im Unterrichtsplan.“ Ideen gibt es genug: Die Pause wieder im Hof ohne Handy verbringen oder Turn- und anderen Unterricht gelegentlich ins Freie verlegen.

Zielgruppe der Initiative sind junge Menschen bis zwölf und maximal 16. So lange wächst das Auge in die Länge und ist durch Kurzsichtigkeit und dünnere Netzhaut gefährdet. Auch nach dem zwölften Lebensjahr werden Menschen kurzsichtig. Später liegt die Ursache aber meist in der Krümmung der Linse, die Sehschwäche ist auf einen Brechkraftfehler zurückzuführen, korrigiert wird wie immer mit Brillen und Linsen.

Die Wissenschaft versucht derzeit, weitere Risikofaktoren für Kurzsichtigkeit dingfest zu machen. So wird untersucht, ob die Zusammensetzung von Licht eine Rolle spielt, was wiederum für Handyhersteller interessant ist.

Und welche Tipps hat der Experte für Eltern? Kinder viel Zeit im Freien verbringen lassen und das Handy so spät wie möglich schenken, da es zum Stubenhocken animiert.