Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 14.03.2019


Gesundheit

Es trifft nicht nur den Darm

Hautreaktionen, Gelenkschmerzen, Augenentzündungen sind nur ein paar der Erkrankungen, die häufig mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen einhergehen.

Langanhaltende Bauchschmerzen sind das Leitsymptom von CED. Doch die Krankheit macht sich oft auch im restlichen Körper bemerkbar.

© iStockphotoLanganhaltende Bauchschmerzen sind das Leitsymptom von CED. Doch die Krankheit macht sich oft auch im restlichen Körper bemerkbar.



Von Theresa Mair

Innsbruck – Die meisten Patienten von Robert Koch wissen genau, wie viele Toiletten auf ihrem Arbeitsweg liegen. Erst diese Woche hat ihm einer anvertraut, dass er nachts bis zu 20 Mal aufstehen müsse, um sein großes Geschäft zu erledigen. Koch ist Gastroenterologe an der Innsbrucker Uniklinik und leitet die CED-Rheuma-Spezialambulanz. CED ist die Abkürzung für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, zu denen Colitis ulcerosa und Morbus Crohn zählen. Beide Krankheiten verlaufen in Schüben und verursachen starke Bauchschmerzen. Bei Colitis ulcerosa kommen noch blutige Durchfälle dazu.

Manuela Steinkellner ist Präsidentin der ÖMCCV-Tirol.
Manuela Steinkellner ist Präsidentin der ÖMCCV-Tirol.
- ÖMCCV

Man möchte meinen, dass die bei Krankheitsausbruch meist sehr jungen Betroffenen damit schon mehr als genug zu kämpfen haben. Bei rund jedem Fünften äußert sich die Darmerkrankung aber auch außerhalb des Darms. Koch spricht von „extraintestinalen Manifestationen von CED. Es gibt welche, die gleichzeitig mit der Entzündung auftreten und welche, die unabhängig kommen.“ Sie treten auf der Haut in Form von schmerzhaften, geröteten Stellen auf. „Erythema nodosum sieht man vor allem an den Unterschenkeln von Frauen. Pyoderma gangreaenosum hingegen ist eine meist auf Bagatellverletzungen basierende Hauterkrankung, in deren Folge Gewebe abstirbt“, schildert der Mediziner.

CED kann sich auch als Augenentzündung (Uveitis) zeigen. Häufig berichten Patienten von rheumatischen Gelenksbeschwerden in Hand, Ellbogen und Schulter sowie entlang der Wirbelsäule.

Robert Koch: "Die Therapien für den Darm greifen auch bei den extraintestinalen Manifestationen.?
Robert Koch: "Die Therapien für den Darm greifen auch bei den extraintestinalen Manifestationen.?
- tirol kliniken

PSC (primär sklerosierende Cholangitis) wiederum sei selten. Die aggressive Gallengangskrankheit führe letztlich zur Leberzirrhose und bringe ein erhöhtes Tumor-Risiko am ganzen Körper mit sich. Nicht zuletzt haben CED-Betroffene ein erhöhtes Risiko für Thrombosen und in der Folge für arterielle und venöse Verschlusskrankheiten wie Herzinfarkt und Schlaganfall sowie für Gallen- oder Nierensteine.

Angesichts dieser furchtbar anmutenden Liste an Krankheiten sagt Koch jedoch: „Meistens bekommt man CED gut in den Griff. Die Therapien für den Darm greifen auch bei den Erkrankungen außerhalb des Darms.“ Nur gegen PSC gebe es noch keine medikamentöse Therapie. Einzige Hilfe könnte hier eine Lebertransplantation sein.

Manuela Steinkellner, die Präsidentin der Tiroler Zweigstelle der Selbsthilfegruppe „Österreichische Morbus Crohn/Colitis Ulcerosa Vereinigung“ (ÖMCCV) fügt beruhigend hinzu: „Ich habe fast alles gehabt und ich sitze ja auch noch da.“ Als bei ihr alles anfing, sei die CED-Forschung noch nicht so weit gereift gewesen wie heute. In Steinkellners Familie sind mehrere Personen betroffen, doch mit moderner Medizin – Kortison- und Biologika-Therapie – ginge es der jüngeren Generation viel besser als ihr damals.

Koch erinnert daran, dass noch vor der Entdeckung des Kortisons 20 bis 30 Prozent der Colitis-ulcerosa-Patienten am Ende eines langen Leidens verstarben. Es gab nichts, was ihnen half. Heute wisse man, dass das Immunsystem bei CED zu viel Entzündung produziert und dass vermutlich jeder Patient eine genetische Veranlagung dazu hat. „Inzwischen konnten 250 genetische Veränderungen des Immunsystems in Bezug auf CED identifiziert werden“, sagt er. Mit dem angeheizten Immunsystem lässt sich auch das Auftreten von CED-Erkrankungen außerhalb des Darms erklären. Auf Betreiben der ÖMCCV gibt es deswegen auch die CED-Rheuma-Spezialambulanz. Denn das, was „klassischen“ Rheuma-Patienten hilft, kann für den geschädigten Darm bei CED pures Gift sein, z. B. bestimmte Schmerzmittel. In der Ambulanz wissen die Experten über solche Eigenheiten Bescheid und können die richtigen Mittel verschreiben.

Für Steinkellner ist aber auch wichtig, dass neben den Ärzten auch die Patienten, v. a. die Eltern unter ihnen, Bescheid wissen. Sie erzählt von einem Kind, dessen Mutter CED habe und das immer über „Fingerweh“ gejammert habe. Der Gelenkschmerz führte schließlich zur CED-Diagnose beim Kind.

Der Weg dahin ist heute übrigens nicht mehr schwer. Seit wenigen Jahren kann man unkompliziert und auch über den Hausarzt den Entzündungswert Calprotektin aus einer Stuhlprobe bestimmen lassen. Koch empfiehlt den Test, falls Bauchschmerzen länger als vier Wochen anhalten.

Achtung! Muster

Am 15. und 16. März veranstaltet die CED-Selbsthilfegruppe ÖMCCV-Tirol ein Wochenendseminar im Bildungshaus Seehof in Innsbruck. Teilnahme-Bedingung ist der Beitritt zum ÖMCCV (Mitgliedsbeitrag: 33 Euro) bis zum 15. 3. um 15 Uhr. Infos und Anmeldung bei Manuela Steinkellner unter Tel. 0650/7283855 oder via E-Mail: steinkellner.manuela@oemccv.at

Reisen, Ernährung, Medikamente sind die Themen, zu denen Experten am Freitag informieren werden. Am Samstag dreht sich alles um die medizinische Therapie sowie die psychische Gesundheit. Programm unter www.oemccv.at