Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 28.03.2019


Gesundheit

Psychische Erkrankungen: Drei Blicke auf ein Problem

Psychische Erkrankungen bringen das Leben durcheinander und stellen Betroffene und ihr Umfeld vor Herausforderungen. Einmal im Monat treffen sich alle zum Erfahrungsaustausch.

Einer spricht, die anderen hören aufmerksam zu. Das respektvolle Miteinander wird beim Trialog großgeschrieben.

© E+Einer spricht, die anderen hören aufmerksam zu. Das respektvolle Miteinander wird beim Trialog großgeschrieben.



Von Theresa Mair

Innsbruck – Aufmerksam werde­n noch zwei Stühle zurechtgerückt, damit die zwei später eintreffenden Teilnehmer Platz nehmen können. Der Raum im Erdgeschoss des Dachverbands Selbsthilfe in Innsbruck ist mit rund 25 Teilnehmern gut belegt, man sitzt eng beieinander. Es ist Aschermittwoch, kurz nach 18 Uhr, der 99. Trialog in Innsbruck hat bereits begonnen. Betroffene von psychischen Erkrankungen, Angehörige und Menschen, die in diesem Bereich arbeiten – Genesungshelfer, Psychotherapeuten, Psychiater – haben sich in freier Runde eingefunden.

Für die Neuankömmlinge wiederholt der Moderator des Abends, Robert Fiedler, die Gesprächsregeln. Die erste: Was im Raum besprochen wird, bleibt im Raum. Jeder soll offen reden können, aber niemand muss. Die zweite: „Jeder kann seine Meinung einbringen, wenn es um die eigene Erfahrung geht“, erklärt der Psychotherapeut. Jeder ist also Experte in eigener Sache. Es darf gefragt, aber nicht infrage gestellt werden, denn alle Erfahrungen sind gleichwertig.

Bei einem Trialog geht es also um den Austausch zwischen drei Perspektiven auf Augenhöhe, von dem alle Beteiligten für sich lernen können.

Fiedler präsentiert das beim vorherigen Termin vereinbarte Thema: „Hilfreiche Kommunikation. Was ist gelungene Kommunikation für mich und was kann ich zu gelingender Kommunikation beitragen?“ Kurzes Schweigen.

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Dann beginnt eine Frau, die findet: „Manchmal zerredet man auch viel.“ Eine andere stimmt zu: „Es hat mir in der Krise geholfen, wenn jemand gekommen ist und einfach nur bei mir war, ohne Druck, etwas sagen zu müssen.“ Wieder eine andere meint, dass es ihr immer half, wenn ihr praktische Dinge wie das Einkaufengehen abgenommen worden sind, aber Ratschläge wie „Reiß dich zusammen“ ganz schlecht seien. Sie wisse schon selber, was sie braucht und was ihr guttut, ein duftendes Bad zum Beispiel.

Ein Arzt wirft daraufhin ein, dass er auch die gegenteilige Erfahrung mache, die Patienten, wenn sie z. B. nicht mehr essen wollen, eben nicht immer selber wüssten, was gut für sie sei. Ein Betroffener sagt, er wünsche sich, im klinischen Umfeld in Entscheidungen miteinbezogen zu werden, nicht, dass über seinen Kopf hinweggeredet wird. Der Austausch bekommt eine Eigendynamik, der Moderator greift kaum ein.

Die Atmosphäre ist ruhig, jeder darf ausreden, alle hören aufmerksam zu. In manchen Aussagen findet man sich selber wieder – auch als „gesunder Mensch“. Der Austausch soll immerhin das gegenseitige Verständnis fördern. „Der Trialog ist gut, um Vorurteile gegenüber psychischen Krankheit abzubauen“, sagt Fiedler im Anschluss. Immerhin haben ihm zufolge 20 Prozent der Bevölkerung einmal pro Jahr eine psychische Krise. „Das muss nichts Schlimmes sein, aber so, dass man drei Tage von der Arbeit zuhause bleibt und eben keine Grippe hat.“ Eine Psychose durchlebten im Vergleich nur ein bis zwei Prozent der Bevölkerung pro Jahr.Die Betroffenen und Angehörigen würden beim Trialog merken, dass sie nicht allein sind, dass andere gleich empfinden, sie schöpfen Mut.

Die Psychotherapeutin Malini Häuslmeier nimmt als Zuhörerin oder Moderatorin und Organisatorin ebenfalls regelmäßig am Trialog teil. „Für meinen Beruf ist es wie eine Fortbildung. Man kann die Klienten aus einem anderen Blickwinkel verstehen“, sagt sie. Die Distanz, die Sicht des anderen zu hören, ohne beruflich oder privat mit ihm zu tun zu haben, helfe ihr. Denn auch Ärzte, Therapeuten und Angehörige stünden unter Druck. Es sei schwierig, mit den Erwartungshaltungen umzugehen. „Hier bekommt man viele Impulse“, sagt sie.

Der Trialog hat seinen Ursprung in den Psychose-Seminaren, die 1989 von Dorothea Buck in Hamburg ins Leben gerufen wurden. „Buck hat in der Nazi-Zeit viel Gewalt erlitten. Mit Kunst hat sie die Erfahrungen überlebt und verarbeitet“, schildert Häuslmeier. Vor zehn Jahren haben der sozialtherapeutische Verein START pro mente Tirol, der Verein für Angehörige psychisch Erkrankter HPE sowie die damalige Selbsthilfegruppe „Sprachrohr“ den Trialog in Tirol gegründet. Inzwischen organisiert die Gesellschaft für Bipolare Störungen TGBS den Trialog in Innsbruck mit.