Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 04.04.2019


Gesundheit

Wenn sich die Netzhaut ablöst: Aus Licht wird Schatten

Patienten beschreiben eine Netzhautablösung häufig als herabfallenden Vorhang und sie sehen Blitze. Augenarzt Gerhard Kieselbach spricht von einem „eindeutigen Notfall“.

 Schatten und Blitze sind als Warnzeichen einer Netzhautablösung zu betrachten.“ Gerhard Kieselbach 
(Facharzt für Augenheilkunde)

© Getty Images Schatten und Blitze sind als Warnzeichen einer Netzhautablösung zu betrachten.“ Gerhard Kieselbach 
(Facharzt für Augenheilkunde)



Von Theresa Mair

Innsbruck – Plötzlich blitzt es im Auge, dann wird es langsam Nacht. Schatten ziehen sich wie eine Mauer von unten nach oben oder wie ein Vorhang von oben nach unten – und löschen nach und nach das Augenlicht aus. „Patienten können die Symptome einer Netzhautablösung sehr detailliert beschreiben“, sagt Gerhard Kieselbach, Facharzt für Augenheilkunde in Telfs und in Hochrum.

Trotzdem würden viele Betroffene noch zuwarten und hoffen, dass die Sicht von selbst wieder besser wird. „Doch das passiert nicht.“ Zuletzt haben sich in Kieselbachs Ordination die Fälle von Patienten gehäuft, bei denen die Netzhautablösung bereits so weit fortgeschritten war, dass sie trotz Operation dauerhaft mit einer Einschränkung des Sehens leben müssen.

„Schatten und Blitze sind als Warnzeichen zu betrachten“, betont Kieselbach, der pro Jahr Dutzende dieser Fälle operiert. Den so genannten Rußregen, der als klassisches Symptom für eine Netzhautablösung beschrieben wird, erlebe nämlich nur jeder zehnte Betroffene. „Wenn ein Gefäß aufreißt und in die Netzhaut einblutet, erscheinen die Erythrozyten (rote Blutkörperchen, Anm.) wie kleine schwarze Punkte und es ist, als würde Rauch vorbeiziehen“, erklärt Kieselbach. Egal wie sie sich äußert – eine Netzhautablösung „ist eindeutig ein Notfall!“. Dies sei allerdings noch nicht im Bewusstsein der Menschen angekommen, es fehle noch an Aufklärung. „Viele sagen, sie hätten gedacht, dass der Schatten wieder vergeht.“

Dabei ist eine Netzhautablösung keine seltene Erkrankung, aber eine unberechenbare. Ganz unvermittelt kann sie jeden treffen. Entweder durch einen Schlag auf das Auge. Oder als normale Verschleißerscheinung des Alters. „Eine Netzhautablösung kann sich über Monate entwickeln, dann sieht man bei der Untersuchung Vernarbungen. Es kann aber auch sein, dass man Blitze sieht und die komplette Netzhaut binnen 24 Stunden abgehoben ist.“

Die Gruppe der Hauptbetroffenen ist im Alter von 45 bis 70 Jahren. Kurzsichtige haben – wegen des verlängerten Augapfels und der dadurch überdehnten und dünneren Netzhaut – ein erhöhtes Risiko. Möglichkeiten zur Vorsorge gibt es jedoch keine. Die Neuerkrankungen pro Jahr werden mit 30 Betroffenen unter 100.000 der 60- bis 70-Jährigen beziffert. In der Gesamtbevölkerung tritt bei 12 bis 18 von 100.000 Menschen eine Netzhautablösung auf. „In Tirol werden 100 bis 150 Menschen pro Jahr operiert“, sagt der Augen-Experte.

Dabei sei eine Operation erst dann notwendig, wenn sich die Netzhaut abgelöst hat. Wer rasch zum Augenarzt geht, dem kann mit einer Laserbehandlung geholfen werden. Dabei werden die entstandenen Löcher zwischen Netzhaut und Pigmentepithel abgedichtet. Wenn sich bereits die Makula („Gelber Fleck“) als der schärfste Punkt des Sehens auf der Netzhaut am hinteren Teil des Auges abgelöst hat, sei das Risiko eines bleibenden Schadens sehr groß.

„Es ist wichtig, rechtzeitig zum Arzt zu gehen, solange das Sehzentrum noch anliegt. Dann sind die Chancen sehr hoch, dass das Sehvermögen voll erhalten bleibt.“ Ist jedoch eine Operation notwendig, erfolgt diese in örtlicher Betäubung und dauert ungefähr eine Stunde. Dabei wird zuerst die Netzhaut wieder vom Glaskörper, an dem sie kleben geblieben ist, abgelöst. Erst danach kann sie wieder mittels Laser mit dem Pigment­epithel verschweißt werden.

Die Netzhaut wandelt das Licht um

Die Netzhaut besteht aus circa einer Million Sinneszellen pro Auge, die das Licht in Stromimpulse umwandeln. Allerdings braucht sie dafür Nährstoffe, die sie vom Pigment­epithel bezieht, mit dem sie verbunden ist. Löst sich die Netzhaut vom Pigment­epithel, sterben die Sinneszellen ab. „Es entsteht zuerst am Rand des Sichtfelds ein Schatten, bis irgendwann gar nichts mehr zu sehen ist", erklärt Augenfacharzt Gerhard Kieselbach. Die Ursache für die Ablösung liegt in der altersbedingten Veränderung des Glaskörpers. Dieser mit Kollagen und Hyaluron gefüllte, glasklare Ball dient bis zu einem Alter von ca. 30 Jahren als wichtiger Stoßdämpfer, der den Liddruck und Bewegung abfedert. „Über die Jahre verliert er diese Funktion und wird leider ein Risikofaktor", sagt Kieselbach. Denn das pralle Innere des Glaskörpers verflüssigt sich zusehends, wodurch dieser seine Form verändert und die Netzhaut dadurch an ihm kleben bleibt. (thm)