Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 09.04.2019


Exklusiv

Impfen oder nicht? Mit Wissen überzeugen statt mit Impfpflicht

In vielen Ländern sinken die Impfraten, Krankheiten kehren wieder. Im MCI diskutierten Experten, wie Impfskepsis ausgeräumt werden kann.

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Von Theresa Mair

Innsbruck — Deutschland prüft die Impfpflicht. In zwölf EU-Mitgliedsstaaten ist sie in unterschiedlich hohem Ausmaß bereits Realität, während in Österreich die Debatte regelmäßig neu entfacht wird, wenn es zu Krankheitsausbrüchen kommt. Die Abstände, so scheint es, werden immer kürzer. Denn in den reichen Ländern sinken die Impfraten. Die WHO hat mangelnde Impfbereitschaft zu den aktuell größten Gesundheitsrisiken der Welt erklärt.

„Es gibt eine Diskussion in der Bevölkerung, den Medien und zum Teil in Fachkreisen, die kritisch gegenüber dem Impfen eingestellt ist und die diametral zum Erfolg des Impfens steht." Mit diesen Worten leitete Armin Fidler, Lektor für Gesundheitsmanagement am Management Center Innsbruck (MCI), die Podiumsdiskussion mit dem Titel „Passive Haltung zum aktiven Impfschutz" am vergangenen Mittwoch am MCI ein. „Das Impfen ist Opfer des eigenen Erfolgs geworden", sagte der frühere Chefberater für Gesundheit der Weltbank in Washington.

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Dank der Immunisierung haben die meisten Menschen hierzulande bereits vergessen, was die Pocken vor ihrer Ausrottung angerichtet haben und welche Symptome die Kinderlähmung bei uns verursacht hat. Mit der Masern-Mumps-Röteln-Impfung (MMR) steuerte die WHO dasselbe Ziel an — und hat es weit verfehlt. Die Durchimpfungsraten liegen weit unter der angestrebten 95-Prozent-Marke. Österreich liegt laut Diskussions-Teilnehmer Peter Kreidl, Impf-Experte der Med-Uni Innsbruck, bei der Durchimpfung der zweiten MMR-Teilimpfung jedoch bei konstant 81 Prozent. Die Folge: Die schwere Infektionskrankheit ist mit voller Wucht zurück. „Es gibt bei uns so viele Masernfälle wie nie zuvor und auch Keuchhusten ist wieder da", sagte Fidler. Österreichweit sind heuer bereits 59 Personen an Masern erkrankt. In der Ukraine wurden 25.000 Fälle registriert.

Die Experten machen Falschinformationen und Fak­e News von Impfgegnern, Impf­skepsis und -müdigkeit dafür verantwortlich. Es scheint, als wären auch sie manchmal mit ihrem Latein am Ende. „Man weiß, dass man mit rein wissenschaftlich-technischen Aussagen der Vaccine Hesitancy (dt. Impfzweifel, Anm.) nicht Herr werden kann. Wie kann man auf Gruppen zugehen, die für eine sachliche Kommunikation nicht zugänglich sind?", fragte Fidler.

Das Land Tirol versucht aktuell mit einer Aufklärungskampagne alle Generationen gezielt anzusprechen. Wenig bekannt sei z. B., dass sich 14-Jährige auch ohne Einwilligung der Eltern impfen lassen dürfen. Alle versäumten Schulimpfungen sollten ehestmöglich in den Gesundheitsreferaten der Bezirkshauptmannschaft nachgeholt werden, wie Anita Luckner-Hornischer von der Landessanitätsdirektion erläuterte.

Sie empfiehlt, sich Impf-Erstinformation auf der Seite des Landes www.impfen.tirol zu besorgen. Weitere seriöse Quellen seien der Österreichische Impfplan und die Impfinformation des deutschen Robert-Koch-Instituts. Der größte Teil der Impfaufklärung werde allerdings in Arztpraxen geleistet — und zwar unentgeltlich. Ein Grund für Kreidl einzufordern, dass nicht nur die Impfung selbst honoriert werden müsse, sondern auch die Zeit, die in Haus- und Kinderarztpraxen ohnehin knapp ist.

Letztlich wolle man in Österreic­h nicht auf eine Impfpflicht zusteuern. „Das würde Widerstände in der Bevölkerung hervorrufen", sagte Kreidl. Einer Art Kontrolle standen die Experten aber offen gegenüber. „Ich kann mir vorstellen, dass man in Schulen den Impfpass vorzeigen muss. Nicht um diese Kinder auszuschließen, sondern um gezielt aufzuklären", sagte Heidi Holzmann, Virologin in Wien und Mitglied der nationalen Impfkommission. Bei den Tirol Kliniken und der Med-Uni wird die Kontrolle bereits umgesetzt. Seit Jahren wird dort nur Personal mit aktivem Impfschutz angestellt.

Aufgeheizte Diskussion verunsichert Eltern

Innsbruck — Impfen oder nicht impfen? Es gibt wohl kein anderes Thema, das die Gemüter von Eltern dermaßen erhitzt wie die Impfdebatte. Und auch kein anderes, das so viel Unsicherheit schafft. Es gibt Hebammen, die von Impfungen abraten, und Kinderärzte, welche die Impfung zur Bedingung machen, wenn man in die Patientenkartei aufgenommen werden will.

Es gibt Diskussionen mit der Schwägerin, einer Arzthelferin, die für das Impfen ist, und es gibt die Verwandte, deren Kind nach der Zeckenimpfung mit einer heftigen Impfreaktion auf der Intensivstation landet. Zwei Pharmazeutinnen im Freundeskreis wiederum gehen sehr zurückhaltend mit Impfungen um, ein Beratungsabend bei einem Mediziner vermittelt schließlich ein differenziertes Bild.

Das sind nur einige Eindrücke, die auf Daniela (Name d. Red. bekannt) aus Innsbruck einprasselten. Die Mutter zweier Söhne (4, 1) hat sich entschieden, Impfungen hinauszuschieben.

Gäbe es manche Kombi-Impfung als Einzelwirkstoff, würde sie diese wählen. Die Fülle der geforderten Impfungen schreckt sie jedoch ab. „Vielleicht bin ich die asoziale Trittbrettfahrerin. Denn meine ungeimpften Kinder sind dank der vielen Geimpften möglicherweise gesund", sagt sie. Der ältere Sohn erhält jedoch demnächst die Zeckenimpfung: „Denn einzelne Wirkstoffe halte ich ja auch für sinnvoll. Und vor dem Schuleintritt wird er auch gegen Masern geimpft." (thm)