Letztes Update am Fr, 12.04.2019 20:58

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Tirol Schlusslicht bei Verzicht: Glyphosat nach wie vor in aller Munde

In Tirol verzichten nur 39 Gemeinden auf den Einsatz des umstrittenen Unkrautvernichters Glyphosat. Damit ist Tirol im Österreichvergleich Schlusslicht. Nach dem Millionenurteil in den USA hoffen Umweltschützer jetzt auf das endgültige Glyphosat-Verbot Ende 2022.

In Tirol verzichten nur 39 Gemeinden aus Glyphosat.

© iStockphotoIn Tirol verzichten nur 39 Gemeinden aus Glyphosat.



Auf Spielplätzen sollten Kinder bedenkenlos herumtollen können. Darum dürften einige Eltern hellhörig werden, wenn sie Gemeindemitarbeiter sehen, die dort eine wässrige Flüssigkeit versprühen. Auf so manchem Tiroler Spielplatz wird nämlich nach wie vor Glyphosat verteilt.

Nur 39 Tiroler Gemeinden verzichten derzeit auf den Einsatz des umstrittenen Unkrautvernichters. Mötz war einer der Vorreiter. „Früher wurde der Wirkstoff zweimal jährlich am Friedhof zwischen Gräbern und auf Gehsteigen verteilt. Aber uns hat irritiert, dass man nicht so genau wusste, was man da einsetzt“, sagt Bürgermeister Michael Kluibenschädl.

Heute rupfen die Gemeindemitarbeiter lästige Gräser von Hand aus. Stören würde sie das nicht: „Die Alternativen wären, Unkraut anhand von unbedenklichem Schaum oder Dampf zu entfernen. Aber die zugehörigen Maschinen, die auf Palettenwägen bewegt werden, waren uns zu klobig.“

Dewayne Johnson leidet an unheilbarem Krebs. Er musste in seinem Beruf jahrelang mit großen Mengen Glyphosat hantieren. Er war der erste Kläger, der erfolgreich gegen Monsanto vor Gericht gezogen ist. Weitere Klagen stehen noch an.
Dewayne Johnson leidet an unheilbarem Krebs. Er musste in seinem Beruf jahrelang mit großen Mengen Glyphosat hantieren. Er war der erste Kläger, der erfolgreich gegen Monsanto vor Gericht gezogen ist. Weitere Klagen stehen noch an.
- Reuters

Aufpreis von 1,25 Cent

Dass in vielen anderen Orten weiterhin Glyphosat zwischen Pflas­tersteinen, an Straßenrändern und in Parks verteilt wird, kann Sebastian Theissing-Matei, Landwirtschaftssprecher von Greenpeace, nur schwer nachvollziehen: „Vielleicht eine Kostenfrage, wobei sich diese nicht gravierend auswirkt.“ Bei der Produktion von Weizen erhöhen sich die Produktionskosten beim Verzicht auf Glyphosat im Schnitt etwa um 1,25 Cent pro Kilo, bei Äpfeln um 3,72 Cent pro Kilo.

Im Österreichvergleich ist Tirol Schlusslicht, was den Glyphosatverzicht angeht: „In Niederöster­reich etwa verzichten 291 Gemeinden darauf. Und Kärnten wollte Glyphosat per Gesetz verbieten.“ Die­se Absicht scheiterte jedoch, weil die EU entschied, dass man Landwirte nicht einschränken darf. Aber immerhin setzte Kärnten durch, dass das Produkt des Pharmariesen Bayer von Privaten nicht mehr genutzt werden darf.

Laut dem Grünen Bericht 2018 des Landwirtschaftsministeriums sind im Vorjahr in Österreich 329 Tonnen Glyphosat „in Verkehr gesetzt“ worden, was aber nicht bedeutet, dass diese Menge auch tatsächlich auf die Böden gespritzt wurde. Wie die Landwirtschaftskammer Oberösterreich erhoben hat, entfallen rund 90 Prozent davon auf die Bauern, jeweils rund zwei Prozent auf die ÖBB und die Asfinag und etwa drei Prozent auf private Anwender.

Während sowohl die Bundesbahnen als auch der Autobahnerhalter den Glyphosat-Ausstieg anvisieren, ist der Unkrautvernichter für Hobbygärtner nach wie vor frei im Handel erhältlich. Die großen Heimwerkermärkte haben die glyphosathaltigen Mittel, darunter Monsanto-Marktführer „Round­up“, bereits 2015 ausgelistet, doch im Raiffeisen-Lagerhaus sind die Produkte nach wie vor zu erwerben.

In der heimischen Landwirtschaft spiele Glyphosat jedoch eine untergeordnete Rolle, versichert der Tiroler Landwirtschaftskammerpräsident Josef Hechenberger. „Die Milchbauern dürfen Glyphosate nicht verwenden, weil es die Molkereien verbieten“, erklärt er.

Edwin Hardeman und seine Frau nehmen zu dem Urteil gegen Bayer/Monsanto Stellung. Hardeman hat kürzlich eine Millionenentschädigung zugesprochen bekommen.
Edwin Hardeman und seine Frau nehmen zu dem Urteil gegen Bayer/Monsanto Stellung. Hardeman hat kürzlich eine Millionenentschädigung zugesprochen bekommen.
- AFP

Da der überwiegende Anteil der Tiroler Landwirte auf Milchwirtschaft und Grünland setze, sei die Verbreitung eher gering. Eingesetzt werde es aber nach wie vor in Gemüse- und Ackerbaubetrieben, doch auch dort versuche man, das Mittel möglichst zu reduzieren. Nach Angaben der Agrarvertreter verzichten in Tirol bereits rund 95 Prozent der Bauern auf Glyphosat.

Regierung wäre am Zug

Ein generelles Verbot auch für die Bauern wäre laut dem Greenpeace-Experten Sebastian Theissing-Matei nur auf Bundes- ebene möglich: „Sebastian Kurz hat 2017 einen Glyphosat-Ausstieg angekündigt. Seither wurde aber lediglich eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben. Deren Erscheinen hat man zweimal hinausgezögert und bis jetzt liegt nichts vor.“

Handlungbedarf würde jedoch bestehen, denn Glyphosat ist in aller Munde. Wortwörtlich. Zum einen nimmt der Mensch über Lebensmittel so viel zu sich, dass mehrere Studien die steigende Belastung im Urin belegt haben. Zum anderen wird das Thema seit dem Millionen-Urteil Ende März wieder überaus emotional diskutiert. Roundup-Hersteller Bayer muss dem 70-jährigen US-Amerikaner Edwin Hardemann 80,3 Mio. Dollar zahlen, nachdem die sechsköpfige Geschworenenjury einstimmig zum Schluss gekommen war, dass die jahrzehntelange Herbizidverwendung ausschlaggebend für die Lymphdrüsenkrebserkrankung des Klägers sei.

Die internationale Agentur für Krebsforschung der WHO stufte Glyphosat bei Tieren als definitiv krebserregend ein. Beim Menschen löse es die Krankheit „vermutlich“ aus. Auf der anderen Seite erklären die europäischen Behörden, dass der Wirkstoff wahrscheinlich nicht krebserregend ist. „Was allerdings daran liegt, dass sie lediglich die Studien betrachten, die die Pestizid-Hersteller selbst erstellt haben,“ gibt Greenpeace-Experte Theissing-Matei zu bedenken.

Hoffen auf Verbot ab 2022

Der Umweltchemiker Helmut Burtscher-Schaden von Global2000 hat in seinem Buch „Die Akte Glyphosat“ die Ungereimtheiten bei der Zulassung aufgedeckt. „Die zuständige berichterstattende Behörde in Deutschland hat sich ausschließlich auf die Studien der Hersteller bezogen und deren Einschätzung nachweislich wortwörtlich übernommen“, präzisiert er.

Auffällig sei, dass alle unabhängigen Wissenschafter der WHO zustimmen, wonach Glyphosat als potenziell gefährlich einzustufen sei. Nur die industrienahen Forscher seien zum gegenteiligen Urteil gekommen.

Noch bis 2022 sind Glyphosate in der EU zugelassen. Der Experte erwartet aber, dass in drei Jahren das Pflanzenschutzmittel endgültig verboten wird. „Diesmal nimmt eine Gruppe von sechs Mitgliedsstaaten eine Bewertung vor“, erklärt Burtscher-Schaden. „Wenn man alle unabhängigen Studien, die mittlerweile vorliegen, miteinbezieht und objektiv entscheidet, darf keine Zulassung mehr erfolgen“, sagt er.