Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 11.04.2019


Innsbruck

Forschung zu Parkinson: Angriff von vielen Seiten

Die Forschung verfolgt eine Vielzahl von Ansätzen mit dem Ziel, Parkinson frühzeitig zu erkennen. Zum Welt-Parkinson-Tag erklärt Werner Poewe, wo noch offene Fragen sind.

An der Innsbrucker Klinik wird untersucht, wie sich Boxen auf den Krankheitsverlauf von Parkinson auswirkt.

© Getty ImagesAn der Innsbrucker Klinik wird untersucht, wie sich Boxen auf den Krankheitsverlauf von Parkinson auswirkt.



Von Theresa Mair

Innsbruck – Wer heute an Morbus Parkinson erkrankt, kann sich gut durchboxen. Mit dem Medikament L-Dopa bekommen die Betroffenen die Symptome der Erkrankung, wie z. B. das Zittern, in den aller­meisten Fällen unter Kontrolle. Eine Reihe von nicht medikamentösen Maßnahmen wie Physio- und Ergotherapie wirken sich positiv auf die Lebensqualität der Patienten aus.

Derzeit läuft an der Universitätsklinik für Neurologie in Innsbruck eine Studie, bei der die Wirkung von Boxen erprobt wird. „Boxen ist schnell und es dient der Gleichgewichtsregulierung. Man trainiert damit Gangsicherheit und Ausdauer“, erklärt Neurologie-Direktor Werner Poewe. Körperliche Aktivität ganz allgemein verzögere vermutlich den Verlauf der Erkrankung, weil sie funktionserhaltend wirkt. Ob sie die Nervenzellen schützt, sei jedoch noch fraglich, schildert der führende Parkinson-Spezialist anlässlich des heutigen Welt-Parkinson-Tages.

Es sind noch eine Menge Fragen offen, auch wenn die medizinische Forschung in den vergangenen drei Jahrzehnten viel erreicht hat. Und die Zahl der Betroffenen wächst. Derzeit geht man weltweit von ungefähr sechs Millionen Parkinson-Kranken aus, fast zweieinhalbmal so viele wie 1990. Innerhalb der nächsten Generation rechnet die WHO mit einem Anstieg auf zwölf Millionen Betroffene. „Zum Teil ist das eine Folge des Älterwerdens der Bevölkerung, denn Parkinson wird mit dem Alter häufiger. Zum Teil liegt es aber auch an der Verbesserung der Diagnose. Heute erkennt man die Erkrankung früher und besser.“

Eines sei klar: „An Parkinson stirbt man nicht.“ Die Lebenserwartung gleicht in den ersten 15 Krankheitsjahren jener der Normalbevölkerung desselben Alters. Doch noch immer gibt es nichts, um den Ausbruch von Parkinson zu verhindern oder um den Verlauf zumindest bereits bei den ersten frühen Symptomen zu stoppen. Das treibt Poewe um. Er freut sich, dass er sich ab Herbst, wenn er seine Funktion als Klinikdirektor abgegeben hat, noch mehr der Erforschung von Parkinson widmen kann. Denn er ist sich sicher, dass es nach den Entwicklungen von L-Dopa und des Hirnschrittmacher­s – für die wenigen Patienten, die nicht auf das Mittel ansprechen – zu einem dritten Durchbruch kommen wird.

Dabei wird auch in Innsbruck an unterschiedlichen Ansätzen – Früherkennung, Genetik, Antikörperentwicklung – geforscht. Letztlich sollen die Ergebnisse wie Puzzleteile verknüpft werden und zusammen mit den Resultaten aus Patienten-Befragungen ein Risikoprofil ergeben. „Das Traumziel ist, Parkinson zu erkennen, bevor Symptome da sind.“ Deshalb wird fieberhaft nach Biomarkern gesucht.

Bei Parkinson verklumpt das Protein Synuclein und lager­t sich in der so genannten Substanti­a nigra in der Mittelhirn­region ab. Dadurch gehen Dopaminzellen zugrunde. Die Innsbrucker Forscher konnten mittels Bildgebung bereits in einem frühen Erkrankungsstadium Veränderungen in der Substantia nigra feststellen.

Inzwischen weiß man, dass sich solche Eiweißeinschlüsse auch in den Schweißdrüsen, am Nasendach, den Blutgefäßen, im Darm und in den Haarbälgen der Haut befinden. „Bei 25 Prozent der Risikopatienten hat man in Biopsien etwas gefunden. Die am wenigsten belastende Methode wäre die Untersuchung einer kleinen Hautstanze.“ Eine „irre Geschichte“ sei auch jene der Frau, die Parkinson riechen kann. Einer Engländerin, deren Mann an Parkinson erkrankt ist, fiel auf, dass Betroffene ähnliche Ausdünstungen haben. Dadurch haben die Forscher erkannt, dass sich bei der Krankheit das Talgsekret verändert.

Ein weiterer großer Schwerpunkt ist die Forschung mit Antikörpern, welche die Ausbreitung der Synuclein-Ansammlungen verhindern sollen. Dazu ist in Innsbruck eine kleine Studie mit einer Antikörper-Impfung erfolgreich durchgeführt worden – eine Untersuchung mit einer größeren Probanden-Zahl ist in Vorbereitung.

Aktuell werden Tiroler Parkinson-Patienten, die sich für klinische Studien zur Entwicklung neuer Medikamente interessieren, gebeten, sich an die Parkinson-Studienzentrale der Uniklinik für Neurologie zu wenden: Tel. 050/504-25810 oder E-Mail: lki.ne.parkinson@tirol-kliniken.at

Im Oktober startet in Innsbruck erstmals in Österreich die Weiterbildung zum Parkinson-Pfleger. Diplomierte Pflegekräfte können sich bei Interesse im Ausbildungszentrum West (AZW) für den viermonatigen Lehrgang anmelden.