Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 12.04.2019


Osttirol

Patienten im Defereggental: „Wir schätzen unsere Ärzte sehr“

Die Unterschriftenaktion für den Beibehalt der ärztlichen Versorgung im Defereggental durch ein Team von Medizinern um Gernot Walder läuft unvermindert weiter. Drei betroffene Patientinnen äußern sich.

Elisabeth Lex.

© Christoph BlassnigElisabeth Lex.



Von Christoph Blassnig

St. Jakob, St. Veit – Im Defereggental geht die Sorge um, seit die Ärztekammer gegen den Notarztverbands-Obmann Gernot Walder in einem Disziplinarverfahren vorgeht – die TT berichtete. Eine Unterschriftenaktion läuft. Patienten unterstützen Walder und sein Ärzteteam.

Elisabeth Lex lebt in ihrem Haus in St. Jakob, ist 91 Jahre alt und leidet an Polyneuropathie, einer schmerzhaften Nervenkrankheit. „Ich habe sehr starke Tabletten“, erzählt die rüstige Dame. Aufgrund ihres Drehschwindels habe sie sich bei Stürzen schon alles Mögliche gebrochen, von den Gliedmaßen bis zum Schädel. „Ich erinnere mich an die Zeiten, als wir noch keinen Rettungswagen im Dorf hatten. Die Rettung musste 30 Kilometer aus Matrei hereinfahren und dann noch einmal 40 Kilometer ins Krankenhaus nach Lienz. Allein die Wartezeiten bei akutem Notleiden waren unmenschlich.“ Für den ersten eigenen Rotkreuz-Wagen in St. Jakob hätten damals viele Leute Geld gespendet.

Gabriela Walder.
Gabriela Walder.
- Christoph Blassnig

„Alle zwei Wochen kommt ein Arzt auf Visite“, berichtet Lex. Ein Kärntner, ein Südtiroler, ein Deutscher, wer gerade Dienst hat. „Ich schätze alle sehr. Sie schauen in den Computer und wissen Bescheid.“ Es sei schon vorgekommen, dass sie nach stundenlangem Warten auf die Visite des Doktors ihn abends angerufen habe. „Ich habe noch zwei Patienten, dann komme ich“, habe der müde Arzt am Telefon gesagt. Seit 7 Uhr früh war er auf den Beinen – und hat sich über seine erste Mahlzeit an dem Tag bei Frau Lex besonders gefreut.

Vom Ortszentrum von St. Jakob führt eine asphaltierte steile Bergstraße rund vier Kilometer hinauf zum Ortsteil Tegisch. Hier am Berg leben die 81-jährige Genoveva Jesacher und ihr Sohn Josef.

„Der Seppl hat sich bei einem Arbeitsunfall auf der Alm schwere innere Verletzungen zugezogen“, erinnert sich Genoveva. Damals war noch Ottokar Wiedemair der Arzt im Tal. „Er war schnellstmöglich vor Ort und hat nach der Diagnose den Hubschrauber gerufen. Da war es knapp“, sagt Josef. Wie beim Schlaganfall des Vaters damals, der viereinhalb Jahre lang schwerkrank zu Hause auf Sauerstoff angewiesen war, oder wenn seine Mutter wieder einen Schwächeanfall erleidet, müsse schnelle Hilfe vor Ort sein. „Bei uns kann kein Hubschrauber landen, bei Nebel fliegt er überhaupt nicht. Wer hilft uns denn, wenn nicht ein Doktor, der bei uns Dienst macht und den Weg kennt?“ Ob im Anlassfall eine Beratung über das Internet vorstellbar wäre? „Was soll das? Wir haben kein Internet.“ Es habe zwar einer Umstellung bedurft, als Gernot Walder vor zwei Jahren mit einem Team von Ärztekollegen die Kassenstelle von Wiedemair übernommen habe. „Aber wir sind froh und dankbar, dass wir unsere Doktoren haben.“

Genoveva Jesacher.
Genoveva Jesacher.
- Christoph Blassnig

Das meint auch Gabriela Walder, 87 Jahre alt. Im Haus in St. Veit wohnen vier Generationen unter einem Dach. „Alle Ärzte sind nett und bemüht.“ Nach einem massiven Blutverlust sei ein Doktor mit ihr eiligst ins Krankenhaus nach Lienz gefahren. Sie habe nicht mehr geglaubt, dass sie ihn noch einmal wiedersehe, erklärte die Patientin dem Arzt beim nächsten Zusammentreffen. „Ganz ehrlich, ich auch nicht“, antwortete der Mediziner. Ein Leben ohne die Ärzte sei unvorstellbar, sagt Tochter Margit Stemberger. Wer Dienst mache, sei egal: „Hauptsache, es kommt einer, wenn ich ihn brauche.“