Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 25.04.2019


Gesundheit

Sarkopenie: Wenn die Grünphase zu kurz wird

Sarkopenie heißt: zu langsam, zu schwach, zu unbeweglich. Vor allem ältere Menschen sind von der Muskelerkrankung betroffen, die viele Komplikationen nach sich zieht.

Wenn der Weg über die Straße zu lang bzw. die Grünphase der Ampel zu kurz wird, dann kann das ein Signal für Sarkopenie sein.

© iStockWenn der Weg über die Straße zu lang bzw. die Grünphase der Ampel zu kurz wird, dann kann das ein Signal für Sarkopenie sein.



Von Theresa Mair

Innsbruck – Jeder beobachtet hin und wieder ältere Menschen, die sich schwertun, noch rechtzeitig bei Grün auf die gegenüberliegende Straßenseite zu gelangen. Mit dem Begriff Sarkopenie (von gr. sarx für Fleisch und gr. penie für Mangel) hingegen können wohl die wenigsten Menschen etwas anfangen. Was beides miteinander zu tun hat? „Ein Signal für Sarkopenie ist, wenn die Grünphase zu kurz wird. Das sind dann auch oft zarte, ältere Damen, die von einem Föhnsturm umgeweht werden und sich den Oberschenkelhalsknochen brechen“, sagt Monika Lechleitner, Ärztliche Direktorin der Landskrankenhäuser Hochzirl und Natters.

Erst Anfang des Jahres ist Sarkopenie in den internationalen Diagnose-Katalog ICD-2019 aufgenommen worden. Die Symptome sind ist aber nicht neu und schon gar nicht selten. „In der Geriatrie ist Sarkopenie seit Jahren ein klassisches Syndrom. Die Hälfte der über 80-Jährigen ist betroffen, der Anteil von Frauen und Männern nahezu gleich“, sagt Lechleitner. Bei den 60- bis 70-Jährigen leiden mit 20 Prozent aber doppelt so viele Frauen wie Männer (10 %) unter Sarkropenie. Aber auch junge Menschen können an Sarkopenie erkranken.

Das Krankheitsbild setzt sich laut Lechleitner aus drei Faktoren zusammen, von denen für eine Diagnose mindestens zwei zutreffend sein müssen: Reduktion der Muskelmasse, Verminderung der Muskelkraft und Einschränkung der Mobilität. Ein erhöhtes Sturz- und Verletzungsrisiko – vor allem für Hüft- und Schulterfrakturen – ist die Folge. „Sarkopenie hat aber auch einen Einfluss auf den Stoffwechsel und das Herz-Kreislauf-Risiko. Die Erkrankung bringt also eine Fülle an Komplikationen mit sich.“ Mit Medikamenten kann man den Muskelverlust nicht behandeln. Anabolika seien schon allein aufgrund ihrer Nebenwirkungen kein Thema. Umso wichtiger ist die rechtzeitige Vorsorge.

„In der Geriatrie ist Sarkopenie ein klassisches Syndrom. Die Hälfte der 80-Jährigen ist betroffen", so Monika Lechleitner (Ärztl. Direktorin, LKH Hochzirl).
„In der Geriatrie ist Sarkopenie ein klassisches Syndrom. Die Hälfte der 80-Jährigen ist betroffen", so Monika Lechleitner (Ärztl. Direktorin, LKH Hochzirl).
- Hammerle

„Das Risiko ist abhängig von der Muskelmasse, die man sich bis zur Lebensmitte aufgebaut hat. Je mehr Muskeln da sind, desto bessere Karten hat man.“ Denn in der Mitte des Lebens beginnt der Muskelabbau. Längere Bettlägrigkeit aufgrund von Erkrankungen, Operationen, fehlende Muskeltätigkeit und Mangelernährung treiben die Reduktion der Muskelmasse zusätzlich an – auch schon in jüngeren Jahren. „Die schlechtesten Karten haben Menschen, die adipös sind“, erklärt Lechleitner. Ein erhöhter Fett- neben einem geringen Muskel- und Protein­anteil sind ihr zufolge dafür verantwortlich.

Lechleitner beteiligt sich derzeit als Expertin bei der Österreichischen Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie an der Ausarbeitung einer medizinischen Leitlinie für Ernährung im Alter, bei der besonderes Augenmerk auf die Prävention und Behandlung von Sarkopenie gelegt werden soll.

Die Diagnose der Erkrankung an sich sei mit relativ einfachen Untersuchungen zu erheben. „Als erster Schritt wird die Gehgeschwindigkeit bestimmt. Der zweite Schritt ist ein Handkraft-Test“, schildert sie. Jene europäischen Experten, die Ende vergangenen Jahres mittels eines Konsensuspapiers Sarkopenie als Muskelerkrankung definiert haben, empfehlen den so genannten SARC-F-Test. Dieser sieht beim Handkraft-Test Grenzwerte von 27 Kilogramm für Männer und 16 Kilo für Frauen vor. Eine Alternative ist der „Chair-Rising-Test“: Der Patient sollte es schaffen, in höchstens 15 Sekunden fünfmal von einem Stuhl aufzustehen, ohne die Arme zur Hilfe zu nehmen. Für die Gehgeschwindigkeit wurde ein Grenzwert von 0,8 Metern pro Sekunde festgelegt. Zusätzlich erlauben klinische Tests wie die Body-Impedanz-Analyse – eine Art genauere Fettwaage, welche die Leitfähigkeit von Fett- und Nichtfettgewebe misst – Rückschlüsse auf Sarkopenie.

Bei der Behandlung zählen dann zwei Dinge: Erstens, die Muskeln müssen mit Kraft-, Ausdauer-, Widerstands- und Balance-Training gefordert werden. „Das Krafttraining kann schon mit einfachen Übungen oder z. B. Gartenarbeit beginnen.“ Es sei jedenfalls nie zu spät, mit der körperlichen Ertüchtigung zu beginnen – auch wenn es mit fortschreitendem Alter zugegebenermaßen länger dauert, die Muskeln zu kräftigen, als in jungen Jahren. Es gehe viel mehr darum vorzusorgen, um nach einem Sturz oder einer Krankheit rasch wieder fit für den Alltag zu werden.

Zweitens sollte mit ausgewogener Ernährung ein Eiweißmangel vermieden werden. Dabei ist laut Lechleitner zu bedenken, dass tierisches Eiweiß gegenüber pflanzlichem aufgrund der Zusammensetzung der Aminosäuren im Vorteil ist. Sie rät, in jede der drei Hauptmahlzeiten einen Eiweißbestandteil, wie Joghurt zum Frühstück und Fisch zu Mittag, einzubauen. „Der Richtwert liegt bei 0,8 Gramm Eiweiß pro Kilo Körpergewicht pro Tag. Ältere Menschen haben einen etwas höheren Bedarf von täglich ein bis 1,5 Gramm pro Kilogramm Gewicht“, erklärt die Geriaterin. Nicht zuletzt sollten Betroffene auch darauf achten, dass der Vitamin-D-Spiegel im Blut ausreichend hoch ist. Dies sei wichtig für die Bildung von Muskeln und Knochen.