Letztes Update am Do, 09.05.2019 11:50

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Zuckerkrankheit: Neue Hilfen im Diabetes-Kampf

Mit Diabetes leben bedeutet maximale Disziplin. Ein Umdenken in der Ernährung und neue technische Entwicklungen machen aber Hoffnung.

Umzingelt: Zucker, der heute meist omnipräsent ist, ist für Diabetiker nur in Maßen erlaubt.

© iStockUmzingelt: Zucker, der heute meist omnipräsent ist, ist für Diabetiker nur in Maßen erlaubt.



Von Andrea Wieser

Der Volksmund sagt „Zuckerkrankheit“, der Mediziner „Diabetes mellitus“. Gemeint ist die Stoffwechsel-Erkrankung, bei der der Körper zu wenig Insulin bildet oder die Insulin-Wirkung unzureichend ist. Unbehandelt führt das zu erhöhten Blutzuckerwerten, langfristig kann es zu Komplikationen und tödlichen Spätschäden an Organen und Blutgefäßen kommen.

Um eine gute Lebensqualität zu erreichen, müssen Diabetiker ihren Lebensstil, ihre Ernährung und ihre Therapie gut im Griff haben. Und das ist aufwändig. Ein Beispiel: Ein Typ-1-Patient muss bis zu zehnmal täglich seinen Zuckerspiegel im Blut messen, jeden Bissen seiner Ernährung kennen und darüber Tagebuch führen.

53 Millionen Diabetiker

Wie viele Menschen unter Diabetes leiden, zeigt ein Blick auf die Statistik. Derzeit sind 573.000 bis 645.000 Österreicher betroffen. Das sind Schätzungen, genau gelistet sind die Patienten nicht. Europaweit sollen es rund 53 Millionen sein, bis 2030 könnte die Zahl auf 64 Millionen ansteigen. Wobei ungesunder Lebensstil nicht der einzige Grund ist. „Erbliche Vorbelastungen spielen eine große Rolle, das Risiko kann aber je nach Lebensstil deutlich erhöht oder auch vermindert werden“, betont Susanne Kaser, stellvertretende Direktorin der Abteilung Innere Medizin an der Universitätsklinik Innsbruck. Die Motivation liegt für Kaser dabei klar auf der Hand: „Man kann bei Diabetes mit dem eigenen Verhalten einiges erreichen, das hat man nicht bei jeder Krankheit.“ Nicht zuletzt aus diesem Grund ist eine Vortragsserie bei der 35. Frühjahrstagung der Österreichischen Diabetes Gesellschaft in Wien Ende Mai dem Thema „Fehler in der Diabetestherapie“ gewidmet. Es geht darum, aufzuzeigen, wie Patient und Arzt noch besser zusammenarbeiten können und wie bisheriges Fehlverhalten verhindert werden kann.

Mediterrane Kost statt Null-Fett

Doch wer mit Diabetes konfrontiert ist, muss zuerst die Krankheit richtig einschätzen können. Grundsätzlich unterscheidet man zwei verschiedene Formen. Zum einen die Autoimmunerkrankung Typ-1-Diabetes, bei welcher durch eine Fehlreaktion des Immunsystems ein Mangel am lebensnotwendigen Hormon Insulin entsteht. Diese seltenere Form kann bereits im Kindes- und Jugendalter auftreten und muss lebenslang durch die Gabe von Insulin behandelt werden. In Österreich betrifft das etwa 30.000 Menschen.

Die meisten Patienten leiden jedoch an Typ-2-Diabetes, bei der eine Insulinresistenz vorliegt. Hierbei reagieren die Körperzellen immer weniger auf das lebensnotwendige Insulin, bis die Bauchspeicheldrüse das nicht mehr kompensieren kann. Bei beiden Diabetestypen ist die regelmäßige Messung des Blutzuckerspiegels wichtig für die Anpassung der Therapie an die täglichen Ernährungsgewohnheiten.

Da ist der Patient gefragt und an erster Stelle steht die gesunde Ernährung. Empfohlen wird primär, von Industrielebensmitteln Abstand zu halten, da diese oft versteckte Zuckermengen enthalten. Einen Paradigmenwechsel hat es beim Thema Fette allgemein gegeben: „Hier steht inzwischen Qualität vor Quantität“, sagt Kaser. Sei man früher von einer Niedrig-Fett-Ernährung ausgegangen, ist man heute darauf bedacht, den Patienten eher zu einer mediterranen Kost zu raten. Komplexe Kohlenhydrate, Fisch, Olivenöl – ein guter Mix, wie er in dieser Ernährung vorkomme, sei durchaus vertretbar, meint die Medizinerin.

Weniger Toleranz gibt es beim Stichwort Nikotin: „Rauchen ist eine Katastrophe. Es ist pures Gift für Diabetiker“, sagt Kaser. Daran werde sich auch nichts ändern. Aus medizinischer Sicht müsste das Thema gesellschaftspolitisch viel stärker behandelt werden. Übrigens ebenso wie das Thema Bewegung: „Gerade Kinder müssen von Anfang an die Freude am Sport erleben dürfen.“ Für Diabetiker, ob jung oder alt, ist Bewegung absolut förderlich.

Aber der Patient und sein innerer Schweinehund sind nicht die einzigen Akteure im Kampf gegen die Zuckerkrankheit. Die Österreichische Diabetes Gesellschaft (ÖDG) setzt sich gegen den massiven Einsatz von Zucker in Lebensmitteln ein. Gemeinsam mit dem vorsorgemedizinischen Institut Sipcan wurden Getränke auf ihren Zuckergehalt überprüft. Die Ergebnisse, die auch Nichtdiabetiker angehen, können online (www.sipcan.at) eingesehen werden. Auf den ersten Blick ist die Bilanz positiv. Der durchschnittliche Zuckergehalt in Getränken ist in den letzten acht Jahren um 18,3 Prozent gesunken.

Dennoch sei er noch zu hoch, meint Alexandra Kautzky-Willer, Sprecherin der ÖDG: „Speziell für die Volkskrankheit Diabetes spielt die Wahl des richtigen Getränks eine ganz entscheidende Rolle, um den Ausbruch der Krankheit zu verhindern oder Folgeschäden zu vermeiden.“ Deswegen seien die empfohlenen Getränke sowieso Wasser oder ungesüßter Tee.

Aber auch neue technologische Entwicklungen erleichtern den Umgang mit der Krankheit. Mit so genannten „Gewebsmessungen“ kann der Zuckerspiegel regelmäßig erhoben werden. Das erspart den früher üblichen Stich in die Fingerkuppe. Ein quälendes Procedere, bei dem sich die Patienten auf Dauer richtiggehend blutig stachen, das nun der Vergangenheit angehört. Bei einigen kontinuierlichen Messsystemen wird mittels eines kleinen Schlauchs im Fettgewebe der Gewebszucker regelmäßig bestimmt. Bei Unterzucker kann ein digitales Warnsignal weitergeleitet werden, der Patient kann dann darauf reagieren.

Seit einigen Jahren können diese Messungen an das eigene Smartphone weitergegeben werden. Diese Digitalisierung erleichtert das konsequente Aufzeichnen enorm. Von diesen Systemen profitieren bisher vor allem Typ-1-Diabetiker. Auch für Typ-2-Diabetiker hat es in den letzten Jahren große Fortschritte gegeben, vor allem durch die Entwicklung neuer Medikamente, die das Risiko für Langzeitfolgen reduzieren können. Dadurch ist es gelungen, eine individuellere Behandlung der Patienten zu gewährleisten.