Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 15.05.2019


Gesundheit

“Glutenfrei“ leben: Zöliakie hat tausend Gesichter

Zöliakie zeigt sich nicht nur mit einem aufgeblähten Bauch und Verdauungsproblemen. Das Erscheinungsbild der Krankheit ist vielfältig und der Leidensweg oft lang. Ein Bluttest erleichtert jedoch die Diagnose.

Viele Getreidesorten enthalten Gluten. Für Zöliakie-Betroffene ist der Verzicht darauf die einzige Therapie.<span class="TT11_Fotohinweis">Foto: iStock</span>

© iStockphotoViele Getreidesorten enthalten Gluten. Für Zöliakie-Betroffene ist der Verzicht darauf die einzige Therapie.Foto: iStock



Von Theresa Mair

Innsbruck – „Glutenfrei“ ist in aller Munde. Für die Menschen, die an Zöliakie leiden, ist der aktuelle „frei von“-Boom in den Supermarkt-Regalen ein Segen. Die Betroffenen müssen Nahrungsmittel, die den Getreidekleber enthalten, tunlichst meiden. Wenn man bedenkt, dass bereits die alten Griechen die Zöliakie mit ihrem Schlüsselsymptom, dem aufgetriebenen Bauch, beschrieben haben, dann war der Trend längst überfällig.

Allerdings erkranken im Vergleich zu früher heute immer mehr Menschen daran. Schätzungen zufolge ist ein Prozent der Bevölkerung betroffen. „Die Genetik hat sich nicht verändert. Das Verhalten der Menschen ändert sich. Wir essen immer mehr Weizen und der hochgezüchtete Industrieweizen enthält viel mehr Gluten“, erklärt Herbert Tilg, Leiter der Uniklinik für Innere Medizin I in Innsbruck.

Zöliakie tritt meist im Kindes- und Jugendalter auf, doch grundsätzlich kann die Erkrankung während des ganzen Lebens ausbrechen. Über den Verlauf bis zum Ausbruch, also ob Zöliakie plötzlich oder schleichend kommt, weiß man noch nichts.

Tilg kann sich jedoch vorstellen, dass es aufgrund des steigenden Weizenkonsums bei gewissen Menschen irgendwann zu einer Art Überreaktion des Immunsystems auf Gluten kommt. Diese Menschen haben alle etwas gemeinsam: Sie sind Träger von HLA DQ2 oder HLA DQ8. Dabei handelt es sich um genetische Oberflächeneigenschaften der weißen Blutkörperchen. „Wenn bei der Diagnostik noch ein Puzzleteil fehlt, dann misst man HLA“, sagt Tilg. Bei einem ersten Verdacht reicht ein Transglutaminase-Antikörpertest aus. „Das ist ein super Bluttest, den es erst seit ein paar Jahren gibt. Er ist einfach und zu mehr als 95 Prozent genau.“

Abgesichert wird die Dia­gnose mit einer Magenspiegelung, die von der Speiseröhre über den Magen in den Zwölffingerdarm bzw. Dünndarm reicht. Dort spielt sich bei einer Zöliakie ein komplexes Entzündungsgeschehen ab.

„An der Darmwand befinden sich Zotten, Ausstülpungen, die ihrerseits wiederum Ausstülpungen haben. Deshalb hat der Dünndarm insgesamt die Oberfläche eines Fußballfelds. Durch die Entzündung werden die Zotten kleiner“, erläutert Tilg. Man spricht dann von einer Zottenatrophie. Doch so simpel die Diagnose auch klingt, vergehen laut dem Experten trotzdem oft zehn bis zwölf Jahre, bis ein Patient weiß, dass er an Zöliakie leidet. Das liege an den vielen Erscheinungen der Erkrankung.

„Zöliakie ist die Krankheit der 1000 Gesichter.“ Nicht jeder Betroffene kämpft mit den Hauptsymptomen Durchfall, Verstopfung, Blähbauch oder Bauchweh. Auch Symptome wie eine Hautentzündung, die sich wie gruppierte Fieberbläschen zeigt, Gewichtabnahme, Schwäche, Eisenmangel, Unfruchtbarkeit und wiederholte Fehlgeburten, Depression, Osteoporose bei jungen Menschen und Entzündungen in der Mundhöhle können jedes für sich auf Zöliakie hinweisen. Zudem tritt die Erkrankung gehäuft bei Patienten auf, die bereits andere Autoimmunerkrankungen wie Rheuma oder Morbus Hashimoto haben.

„Immer wenn die Ursache für ein Symptom unklar ist, sollte man an Zöliakie denken.“ Und dann den Diagnoseweg einhalten. Schädlich sei der absolute Glutenverzicht zwar nicht, Sinn mache er aber auch nur bei einer diagnostizierten Zöliakie oder wenn eine andere weizenassoziierte Krankheit wie Weizenallergie oder Nicht-Zöliakie-Weizen-Überempfindlichkeit vorliegt. Diätologen und die Arbeitsgemeinschaft für Zöliakie helfen mit Rat und Infos weiter.

Denn trotz voller Supermarktregale ist es nicht einfach, Gluten auszuweichen. „Die vieldiskutierte Allergenkennzeichnung in Restaurants ist gerade für diese Patienten eine Unterstützung, wenn auch keine absolute Sicherheit.“ Verzicht ist nämlich die einzige Therapie.

Wer sich an die Diätvorgaben hält, der wird laut Tilg aber schnell eine Verbesserung seines Wohlbefindens bemerken. Die Symptome verschwinden und die Zotten regenerieren sich in den allermeisten Fällen in kurzer Zeit.

Termin: Die Österreichische Arbeitsgemeinschaft für Zöliakie lädt Interessierte am 18. Mai ab 10.30 Uhr zur Jahrestagung im Congress Innsbruck mit medizinischen Vorträgen und Ernährungstipps. Die Teilnahme ist für Mitglieder kostenlos (Nicht-Mitglieder: € 60). Anmeldung und Infos unter: jahrestagung@zoeliakie.or.at

Glutenfrei-Tipps

Glutenfrei-Siegel: Das Symbol auf Lebensmitelverpackungen bedeutet nicht nur, dass keine glutenhaltigen Zutaten enthalten sind, sondern auch dass die Herstellung streng kontrolliert wird.

Zutatenliste genau lesen: Oft verstecken sich glutenhaltige Zutaten in verarbeiteten Lebensmitteln, in denen man sie nicht erwarten würde.

Urlaub mit Zöliakie: Die Österreichische Arbeitsgemeinschaft für Zöliakie stellt für Fremdsprachen Übersetzungen zur Verfügung, die beim Bestellen in Restaurants und beim Einkaufen helfen.