Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 23.05.2019


Gesundheit

Schwindel: Das Karussell im Kopf macht oft Angst

Jeder zweite Patient bei den über 75-Jährigen leidet an Schwindel. Die häufigste Form ist ein Lagerungsschwindel.

Drehschwindel ist eine Form der Krankheit und fühlt sich wie Karussellfahren an.

© Getty ImagesDrehschwindel ist eine Form der Krankheit und fühlt sich wie Karussellfahren an.



Von Manuel Lutz

Innsbruck – Wenn man beim Einschlafen glaubt, auf einer Luftmatratze zu liegen, oder sich beim Aufstehen wie in einem Karussell fühlt, sorgt dies für ein eigenartiges Gefühl. Die meisten Menschen hatten im Laufe ihres Lebens schon mit Schwindelgefühlen dieser Art zu tun.

Schwindelkrankheiten können bereits im Kindesalter auftreten. Doch je älter man wird, desto häufiger hat man mit diesen Beschwerden zu kämpfen. „10 Prozent aller Österreicher kommen wegen Schwindelbeschwerden zum Facharzt. Bei den über 65-Jährigen sind es ein Drittel und bei den über 75-Jährigen ist jeder Zweite betroffen“ weiß Arne-Wulf Scholtz, Oberarzt an der Innsbrucker HNO-Klinik. Eine Begleit­erscheinung: Schwindel führt oft zu Stürzen und macht deshalb Angst.

Vor einer Behandlung seie­n eine sorgfältige Anamnese und eine erste Verdachtsdiagnose durch den Allgemeinmediziner wichtig. Nur so könne der passende Facharzt gefunden werden. Denn dass Schwindel immer nur vom Gehirn ausgehe, sei ein Irrglaube. „Häufig wird das unwohle Gefühl im Innenohr ausgelöst und ist damit ein Fall für den HNO-Arzt“, sagt Scholtz. Je nach Art des Schwindels könne aber auch ein Internist, Psychiater, Augenarzt oder Chirurg der richtige Ansprechpartner sein.

Scholtz, der sich aufgrund der Relevanz von Schwindel für eine interdisziplinäre Beschäftigung mit dem Thema starkmacht, rief vor elf Jahren das Symposium für Schwindel und Gleichgewichtsstörungen in Innsbruck ins Leben. „Es dient dazu, dass Spezialiste­n aus nationalen und internationalen Zentren ihre Erfahrungen austauschen und neueste Erkenntnisse weiterleiten.“

So konnten über die Jahre die Messungen zum Funktionszustand der Innenohrstrukturen deutlich verbessert werden: „Heutzutage kann jeder Sensor des Gleichgewichtsorgans im Innenohr in seiner Funktion qualitativ und quantitativ bewertet werden.“ Zusätzlich geben auch CT- bzw. MR-Untersuchungen Aufschlüsse darüber.

Bei den Arten des Schwindels unterscheide man grundsätzlich zwischen Drehschwindel, der sich wie Karussellfahren anfühlt, Schwankschwindel (Bootfahren), Liftschwindel sowie Benommenheitsschwindel. „Für den Betroffenen ist alles eine Katastrophe“, sagt Scholtz.

Wenn der HNO-Arzt gefragt ist, dann gilt es, die Gleichgewichtsorgane zu untersuchen. Dazu benutzt man meist die Augen für deren Bewertung. Eine spezielle Videobrille, die mit Tiroler Beteiligung entwickelt wurde, hilft dabei. „Man kann feststellen, ob es sich um eine periphere (Anm. außerhalb des Hirns) oder zentrale Schwindelursache handelt.“ Die vier Hauptsäulen bei der Therapie sind physikalische Bewegungstherapie, medikamentöse, operative sowie psychotherapeutische Behandlungen. „Heute kann durch die diagnostische Eingrenzung der Ursachen gezielt eine Therapie durchgeführt werden.“

Die häufigste Schwindelform ist der gutartige Lagerungsschwindel (eine Form des Drehschwindels). Dabei lösen sich Kristalle im Innenohr. Dem Patienten kann durch bestimmte Bewegungen geholfen werden: „Da es verschiedene Bogengänge im Innenohr gibt, ist es wichtig, das richtige Behandlungsmanöver durchzuführen. Am häufigsten ist der hintere vertikale Bogengang betroffen.“ Im Allgemeinen können die Schwindelbeschwerden schnell und gut behandelt werden, dennoch sorgen sie für Angst: „Eine Stand- und Gangunsicherheit kann zu einer erhöhten Sturzgefahr führen“, sagt Scholtz.

In Zukunft könnten Implantate zu einer verbesserten Form der Gleichgewichtserhaltung führen: „Ähnlich, wie wir sie für die Verbesserung des Hörens kennen.“ Tipps zur Vorbeugung: „Bewegung im Allgemeinen oder ein gezieltes Gleichgewichtstraining ist ganz wichtig. Yoga ist zu empfehlen.“